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StartseiteKalenderblattDie Explosion war 300 Kilometer weit zu hören21.09.2021

Vor 100 Jahren: BASF-Katastrophe in Oppau Die Explosion war 300 Kilometer weit zu hören

Dass aus Luft gewonnener Stickstoffdünger hochexplosiv sein kann, erwies sich verheerend, als am 21. September 1921 das BASF-Stickstoffwerk im Ludwigshafener Vorort Oppau explodierte und mehr als 500 Menschen in den Tod riss - bis heute steht die Katastrophe für Fluch und Segen der Chemie.

Von Andreas Baum

Blick auf die völlig zerstörten Gebäude nach der Explosion des Oppauer Stickstoffwerkes am 21. September 1921 (picture-alliance / dpa )
Oppau nach der Explosion des BASF-Stickstoffwerks 1921 (picture-alliance / dpa )
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Die Detonation soll von einer solchen Wucht gewesen sein, dass Schiffe auf dem Rhein kenterten, Kirchturmuhren stehenblieben, dass im Dom von Worms, 50 Kilometer entfernt, alle Kirchenfenster zersplitterten, in Heidelberg eine Straßenbahn aus dem Gleis sprang und selbst in München, 300 Kilometer Luftlinie entfernt, ein dunkles Grollen am Horizont zu hören war. In Oppau, heute ein Stadtteil von Ludwigshafen, werden am frühen Morgen des 21. September 1921 auf einen Schlag über tausend Gebäude zerstört

Ein Krater von 160 mal 100 Metern 

Über dem Ammoniak-Werk der Badischen Anilin- und Sodafabrik, BASF, durchstößt eine gigantische Feuersäule die Wolken. Kilometer um das Werk herum verdunkelt sich der Himmel. Als der Staub sich legt, sehen die Überlebenden, dass sich dort, wo ein Lagerhaus stand, ein Krater geöffnet hat, 160 Meter lang, 100 Meter breit und 18 Meter tief. Meta Abelt, am Tag des Unglücks zwölf Jahre alt, hat bereits gegen sieben Uhr das Elternhaus in Oppau verlassen, um in Ludwigshafen zur Schule zu gehen. Später erinnert sie sich:

"Da hat’s dann auf einmal fürchterlich geknallt, eine Explosion, und es hat sich auch ein bisschen verfinstert. Ich bin natürlich furchtbar erschrocken. Und in der Ludwigstraße, da hat man dann schon gesehen, die ganzen Schaufenster, war alles zertrümmert. Ganze Glasberge haben da gelegen. Und die Geschäftsinhaberinnen, die sind mit dem Morgenrock herumgerannt. Und es war eine furchtbare Hektik, und kein Mensch hat gewusst, was los ist."

Mindestens 559 Todesopfer

400 Tonnen des Düngemittels Ammoniumsulfatnitrat waren explodiert. Das salzartige Material, das im Werk gelagert wurde, verhärtete sich immer wieder. Arbeiter hatten es mit einer kontrollierten Sprengung auflockern wollen, um es abfüllen und abtransportieren zu können. Was unzählige Male zuvor problemlos gelungen war, führte nun zur Katastrophe. Eine Änderung des chemischen Verfahrens zur Herstellung des Kunstdüngers hatte nach Ansicht von Experten, die das Unglück später rekonstruierten, zur Folge, dass sich Ammoniumnitrat, ein explosives Vorprodukt, über ein kritisches Maß hinaus anreichern konnte. Der Düngemittelhaufen hatte sich an bestimmten Stellen unbemerkt in Sprengstoff verwandelt. Gut 800 Menschen waren im Werk. Dort, im Ort Oppau und in der Umgebung starben mindestens 559 Menschen, es gab rund 2.000 Verletzte. Fast alle Oppauer wurden obdachlos. Meta Abelts Vater hatte Glück im Unglück:

"Der ist wie immer auch kurz vor halb acht weggegangen und kam nur bis an die nächste Ecke, und dann hat’s gekracht. Wo er war, das war ein Eckhaus, ein Friseurladen, war auf beiden Seiten eine Tür zum Geschäft. Und da ist er in die eine Tür reingeflogen, durchs ganze Geschäft durch und auf der anderen Seite raus. Es ist ihm aber nichts passiert. Nur der Hut war weg."

Meta Abelts Mutter dagegen überlebte nicht. Dass Stickstoffdünger explosive Eigenschaften hat, war seinem Entdecker, dem deutschen Chemiker Fritz Haber, wohlbekannt und höchst willkommen. 1909 hatte er das so genannte Haber-Bosch-Verfahren entwickelt, mit dem Ammoniak hergestellt wurde, als Grundstoff für Sprengstoff und Düngemittel zugleich.

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Im Ersten Weltkrieg lieferte Oppau Nitrate für Sprengstoffe – und für Chlorgas. Fritz Haber hatte sich 1914 freiwillig gemeldet, um Giftgas für die Front zu entwickeln. Mit messbarem Erfolg: Ohne ihn hätte Deutschland den Ersten Weltkrieg nach Einschätzung des Physikers Edward Teller viel früher verloren. Dem sogenannten Vater der Wasserstoffbombe waren Fluch und Segen der Wissenschaft wohl bekannt.

"Wenn Haber diese technische Entdeckung nicht geleistet hätte, dann wäre der Erste Weltkrieg ein ziemlich schlimmer Zwischenfall von viereinhalb Monaten gewesen. Anstatt dessen wurde es eine Verheerung von viereinhalb Jahren. Und vielleicht ist das das Schlimmste, was die Technologie je geleistet hat."

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Eine vermeidbare Katastrophe

Nach dem verlorenen Krieg konnte die Produktion in Oppau rasch wieder auf Dünger umgestellt werden – weshalb die Alliierten das Werk nicht so sorgfältig inspizierten, wie es notwendig gewesen wäre. Experten glauben heute, dass so das Unheil seinen Lauf nehmen konnte: Mit dem Verweis auf harmlose Düngemittelproduktion gelang es der BASF, sich den im Versailler Friedensvertrag vorgeschriebenen Kontrollen zu entziehen. Andernfalls wäre das explosive Gemisch, das nie hätte gesprengt werden dürfen, vermutlich entdeckt ­– und die Katastrophe verhindert worden.

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