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StartseiteKalenderblattDer Historiker Eric Hobsbawm09.06.2017

Vor 100 Jahren geboren Der Historiker Eric Hobsbawm

Geboren am 9. Juni 1917, durchlebte Eric Hobsbawm ein "Zeitalter der Extreme" – so nannte der Sozialhistoriker selbst das 20. Jahrhundert in einer seiner einflussreichen Geschichtsstudien. Einerseits politisch engagierter Kommunist, scheute Hobsbawm andererseits als unbestechlicher Historiker der Arbeiterbewegung nicht davor zurück, auch linke Mythen zu entzaubern.

Von Jochen Stöckmann

Eric Hobsbawm (picture alliance/dpa/Foto: Roland Schlager)
Der 2012 verstorbene Historiker Eric Hobsbawm im Januar 2008 in Wien. (picture alliance/dpa/Foto: Roland Schlager)
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"Im Prinz-Heinrich-Gymnasium hab ich versucht, meinem Lehrer klarzumachen, dass nur der Kommunismus die Zukunft darstellt. Und der sagte mir: ´Sie wissen überhaupt nicht, wovon Sie reden! Gehen Sie mal in die Schulbibliothek!` Und da entdeckte ich das Kommunistische Manifest."

So wurde Eric Hobsbawm Kommunist, auf einem Berliner Gymnasium im Sommer 1932. Straßenaufmärsche und Saalschlachten kündigten das Ende der Weimarer Republik an. Deshalb engagierte sich der 15-Jährige im Sozialistischen Schülerbund und demonstrierte noch Ende Januar 1933 in den Reihen der KPD gegen Hitler:

"My schoolfellows... Meine Schulkameraden waren keine Nazis, sondern meist deutschnational. Sie glaubten an eine nationale Erweckung. Ich nicht – ich war kein Deutscher, sondern Jude. Und Engländer. Sozialdemokratie und Liberalismus waren hilflos, diese Parteien brachen zusammen. Und deshalb schien mir die Revolution eine logische Sache… and so a revolution seemed a logical thing to me."

Schließt sich in England der Kommunistischen Partei an

Hobsbawms Vater war Engländer, die Mutter Österreicherin. Geboren am 9. Juni 1917 im ägyptischen Alexandria, wuchs der Sohn eines Handelsangestellten in Wien auf. Nach dem frühen Tod der Eltern nahmen sich Verwandte in Berlin des Waisen an. Weil der Onkel keine Arbeit mehr fand, ging die Familie 1934 zurück nach London. In England schließt sich Hobsbawm der Kommunistischen Partei an, reist mehrmals nach Paris, um für die Volksfront zu demonstrieren und kann dank eines Stipendiums in Cambridge studieren. Dort gründet er zusammen mit bekannten Historikern wie Edward P. Thompson oder Christopher Hill die "Historians Group" der Kommunistischen Partei. Einflussreich wird dieser Club linker Historiker, weil sie sich als scharf argumentierende Kritiker des Kapitalismus verstehen, nicht als Verfechter parteikommunistischer Ideologien:

"Der wirkliche Marxismus, die Tatsache, das ist eine Art die Welt und die Geschichte zu verstehen – die nicht unbedingt nur zu eindeutigen Antworten führt."

Ganz unorthodox fiel 1959 Hobsbawms erstes erfolgreiches Buch aus, "Primitive Rebels", eine Studie über Straßenräuber und Banditen als "Sozialrebellen". In seinen Geschichtswerken über die Arbeiterbewegung hat der Sozialhistoriker die "Randgruppen" nie vergessen, etwa Anarchisten und Maschinenstürmer. Damit versuchte Hobsbawm einer von ihm definierten Verantwortung des Historikers gerecht zu werden: der Entzauberung politischer und sozialer Mythen – auch in der Arbeiterbewegung, auch bei linken Parteien. Hobsbawms eigenes Engagement in der Kommunistischen Partei blieb davon allerdings unberührt, auch nach den Enthüllungen stalinistischer Verbrechen 1956 oder dem sowjetischen Einmarsch in der ČSSR 1968. Der Historiker hoffte auf positive Entwicklungen, etwa bei den Eurokommunisten in Italien:

"Man darf nicht einfach den Kommunismus als Weltbewegung mit der Kadaverdisziplin der kommunistischen Parteien im Ostblock verwechseln."

Richtet Interesse auf die Sozialdemokratie

Nach 1989, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, richtet sich Hobsbawms Interesse auf die Sozialdemokratie. Der Historiker, nach seiner Emeritierung geehrt mit zahlreichen Gastprofessuren, sucht für die britische Labour Party nach einer programmatischen Antwort auf Sozialabbau und Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung in der Ära der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher. Als dann tatsächlich Tony Blair das Ruder übernimmt, konstatiert Hobsbawm in seiner hintersinnig nüchternen Art: 

"Thatcher in trousers! – Wir wollten die erneuerte Labour Party, nicht noch einmal Thatcher nur diesmal in Hosen."

Entmutigen konnten solche Rückschläge den Marxisten nicht. Denn Eric Hobsbawm, gestorben 2012 im Alter von 95 Jahren, bewahrte sich zeitlebens seine Neugier – und die Fähigkeit, zu lernen, sich dem noch Unbekannten zu nähern. Wie in seinem ersten Buch, einer Sozialgeschichte des Jazz.

"I didn’t like Modern Jazz initially… Ich mochte Modern Jazz anfangs nicht, ich verstand ihn nicht. Aber dann entdeckte ich, dass mir seine Wurzeln gut vertraut waren – nämlich der Blues! Da war ich bekehrt… the Blues. I got converted."

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