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StartseiteKalenderblattDer Meeresgeologe Eugen Seibold 11.05.2018

Vor 100 Jahren geborenDer Meeresgeologe Eugen Seibold

Eugen Seibold, ein Schwabe, der in Kiel seine Berufung finden sollte - die Meeresgeologie. Ihm ist zu verdanken, dass Deutschland heute in den Meereswissenschaften eine große Rolle spielt. Aufgrund seiner einnehmenden Persönlichkeit machte er auch als Wissenschaftsmanager eine beeindruckende Karriere.

Von Dagmar Röhrlich

Der Meeresgeologe und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft: Eugen Seibold  (picture-alliance / dpa)
Der Meeresgeologe und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft: Eugen Seibold (picture-alliance / dpa)
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Dass aus ihm ein Meeresgeologe werden würde, war Eugen Seibold nicht an der Wiege gesungen worden: Am 11. Mai 1918 in Stuttgart geboren, studierte er an Universitäten im Binnenland, in Tübingen und Bonn. Doch dann verschlug ihn ein Forschungsprojekt ans Mittelmeer, wie er einmal in einem Interview  erzählte: 

"Ich hab aus irgendwelchen Zufällen heraus so in der Mitte der 50er Jahre, als ich noch Professor in Tübingen war, in der Adria gearbeitet. Und daraus kam ein Ruf nach Kiel, und Kiel bin ich ja dann treu geblieben, weil es am Meer liegt, weil da viele Möglichkeiten sind, direkt auf ein Schiff zu gehen, und vor allem weil man in der Ostsee direkt vor der Haustüre neue Geräte ausprobieren konnte."

Fasziniert vom Archiv der Erde

Eugen Seibold war fasziniert von der Erkenntnis, dass die Sedimente am Meeresgrund das Archiv der Erde sind: Sie verraten, wie sich das Klima verändert hat, ob sich neue Gebirge bildeten oder die Ökosysteme kippten. Und so begann Eugen Seibold 1958 in Kiel das damals kleine, geologische Institut in Richtung Meeresgeologie umzusteuern:

"Das hat er mit Verve und mit Beharrlichkeit getan, und Kiel ist wohl heute einer der großen Standorte in der Meeresgeologie", erinnert sich sein Schüler Jörn Thiede. Schon bald waren Ost- und Nordsee nicht mehr groß genug, seine Expeditionen führten ihn in den Atlantik, den Persischen Golf, den Indischen Ozean: Allein zwischen 1965 und 1975 leitete er sieben große Forschungsreisen:

"Früher sind die Seefahrer wegen Pfeffer und wegen Muskatnuss und wegen Gold in die fernen Länder gefahren. Da hat man ferne Küsten entdeckt, und wir haben das Privileg jetzt den Meeresboden selbst zu entdecken, mit modernsten Geräten, mit Expeditionen. Wir werden vielleicht nicht so reich werden, wie die früheren Seefahrer, aber ich glaube schon, dass wir so langsam entdecken, was alles wissenschaftlich und was alles vielleicht wirtschaftlich auf und unter dem Meeresboden zu finden sein wird."

Dann - Ende der 1960er Jahre - lief eine wissenschaftliche Revolution. US-amerikanische Meeresgeologen konnten beweisen, dass an der bis dato als dubios geltenden Idee von den wandernden Kontinenten etwas dran ist. 1912, als Alfred Wegener sie in Frankfurt vorgestellt hatte, war er ausgelacht und beschimpft worden. Nun zeigte sich, dass an untermeerischen Gebirgsrücken tatsächlich neuer Meeresboden entsteht und die Erdkruste dort auseinander driftet. Die Theorie von der Plattentektonik setzte sich durch, und in Deutschland zählte Eugen Seibold zu ihren ersten Verfechtern:

"Ozeane und Kontinente geben unserer Erde das Gesicht. Vom Weltraum her gesehen erscheint es erstarrt, vor allem hinter den so dynamisch wirkenden Wolkenwirbeln. Und doch hat es sich im letzten Jahrzehnt herausgestellt, dass sich auch die Erdfeste bewegt, dass sich die Kontinente verschieben."

Ein enthusiastischer, gründlicher und nachdenklicher Menschenfischer

1980 ging für Eugen Seibold die Zeit als aktiver Meeresforscher erst einmal zu Ende: Er war zum Präsidenten der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gewählt worden. Zum einen sicherlich aufgrund seines exzellenten wissenschaftlichen Rufes, zum anderen aber auch wegen seiner Erfahrung in der Koordination komplexer Forschungsprojekte und seiner gewinnenden Art. An die erinnert sich Robert Paul Königs, einer seiner früheren Mitarbeiter bei der DFG: 

"Was mir jetzt nach 30 Jahren am meisten in Erinnerung bleibt, ist seine Liebenswürdigkeit."

Und Christoph Schneider, ebenfalls früherer Mitarbeiter Seibolds, ergänzt:

"Er war enthusiastisch, er war gründlich, er war nachdenklich, er war überschäumend, er war ein Menschenfischer, er konnte ungeheuer gut motivieren."

Eugen Seibold war ein überzeugter Forscher, dem die Wissenschaften wirklich am Herzen lagen. Sein eigenes Wissen gab er in Büchern weiter, darunter sein wohl bekanntestes Werk: "Das Gedächtnis des Meeres". Zu seinem Erbe zählt außerdem der Leibniz Preis der DFG. Er setzte diesen hoch dotierten Förderpreis durch, der an in Deutschland arbeitende Wissenschaftler vergeben wird. Dass der 1986, ein Jahr nach dem Ende seiner DFG-Präsidentschaft, erstmals verliehen wurde, war für Seibold nicht ohne bittere Ironie. Doch da war er schon Präsident der Europäischen Wissenschaftsstiftung in Straßburg.

Eugen Seibold starb am 23. Oktober 2013 in Freiburg im Alter von 95 Jahren. Ihm ist zu verdanken, dass Deutschland heute in den Meereswissenschaften eine führende Rolle spielt.

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