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StartseiteKalenderblattZwischen Wissenschaft und Anarchismus 08.02.2021

Vor 100 Jahren gestorben: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin Zwischen Wissenschaft und Anarchismus

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin war Sohn einer hocharistokratischen Familie. Aus Enttäuschung über das Ausbleiben von Reformen im Zarenreich wurde er zum Revolutionär: als anarchistischer Kommunist und als Darwin ergänzender Evolutionstheoretiker.

Von Rolf Wiggershaus

Porträt von Pjotr Kropotkin. (Picture Alliance / Russian Picture Service / akg-images)
Kropotkin wurde 1842 in Moskau geboren (Picture Alliance / Russian Picture Service / akg-images)
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"Wir haben in den letzten Jahren so viel von dem 'harten, erbarmungslosen Kampf ums Dasein' gehört, dass es erst einmal notwendig war, dem eine lange Reihe von Tatsachen gegenüberzustellen, die Tier- und Menschenleben in einem anderen Licht zeigen."

Was mit diesem "anderen Licht" gemeint war, machte bereits der Titel des Buches deutlich, das der russische Emigrant Pjotr Alexejewitsch Kropotkin 1902 im englischen Exil publizierte: "Gegenseitige Hilfe. Ein Faktor der Evolution". In diesem Werk, das zu seinem wirkungsgeschichtlich bedeutendsten wurde, knüpfte er an Beobachtungen Darwins an, die in der Darwin-Rezeption zu wenig Beachtung fanden.

"Darwin legte dar, wie in zahlreichen Tiergesellschaften der Kampf um die Existenzmittel zwischen den einzelnen Individuen ersetzt wird durch Zusammenwirken und die Entwicklung der Fähigkeiten, die der Art die besten Bedingungen des Überlebens sichern."

Sein Vater herrschte über zahlreiche Leibeigene

Kropotkin wurde 1842 in Moskau geboren. Sein Vater gehörte zur russischen Hocharistokratie und herrschte mit strenger Hand über 1.200 männliche und ungezählte weibliche Leibeigene auf den Gütern der Familie. Mit 15 Jahren wurde Kropotkin ins Petersburger Pagenkorps aufgenommen, das Söhne des Hochadels auf Karrieren in Militär und Verwaltung vorbereitete. Was das bedeutete, machte er später in seinen "Memoiren eines Revolutionärs" klar.

"In unserer Schule zielte alles darauf ab, uns zur Kriegsführung zu ertüchtigen. Wir würden aber mit derselben Begeisterung an das Trassieren einer Eisenbahn, oder Bestellen eines Feldes gegangen sein. Doch aller Drang unserer Jugend nach wirklicher Arbeit wurde mißachtet." 

Bei seinem Eintritt in die Armee entschied er sich für die Amurprovinz. Er wurde mit einer Untersuchung des Gefängnis-, Straflager- und Verwaltungssystems beauftragt, doch seine Reformvorschläge wurden am Petersburger Zarenhof ignoriert. Danach übernahm er gerne die Aufgabe, noch unerschlossene Teile Ostsibiriens zu erkunden. So wurde er auch zum Forschungsreisenden und Expeditionsleiter, zum Ethno- und Geographen. Im Rückblick auf die Jahre in Sibirien meinte er später:

"Aufgewachsen in der Familie eines über ein Heer von Leibeigenen gebietenden Grundherrn erkannte ich in Sibirien, von wie geringem Wert Befehl und Gehorsam bei ernster Arbeit sind. So wurde ich darauf vorbereitet, ein Anarchist zu werden."

Zweimal zu mehrjähriger Haft verurteilt

Kropotkin beendete den Militärdienst, studierte in Petersburg Mathematik und Geologie, bereiste Finnland, publizierte Abhandlungen über die physische Geographie Zentralasiens. 1872 – der Vater war gestorben und er zum unabhängigen Erben geworden – unternahm er die langersehnte Reise nach Westeuropa. In der Schweiz machte er erste Bekanntschaft mit sozialistischen und anarchistischen Gruppen. Zurück in Russland schloss er sich einem geheimen Diskussionskreis für Volksbildung und -aufklärung an. Damit begann eine Doppelkarriere als Wissenschaftler und Revolutionär.

Zweimal wurde er zu fünf Jahren Gefängnishaft verurteilt. Das erste Mal 1874 wegen der Teilnahme an dem geheimen Diskussionskreis. Anarchistische Freunde sorgten für eine Verkürzung, indem sie ihm zur Flucht verhalfen. Das zweite Mal in Frankreich 1883 wegen Mitgliedschaft in der Internationale der Arbeiterbewegung. Für die Verkürzung dieser Strafe sorgten öffentliche Proteste renommierter Wissenschaftler.

Zehntausende folgten seinem Sarg

Während der folgenden drei Jahrzehnte im Londoner Exil war Kropotkin neben seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten weiterhin publizistisch tätig als Historiker und Verfechter eines anarchistischen Kommunismus. 1917 kehrte er nach Russland zurück. Lenins Parole "Alle Macht den Räten" war ganz im Sinne der Anarchisten. Aber Lenin vertrat sie nur aus taktischen Gründen. Tatsächlich bekämpfte er die russischen Anarchisten. In einer "Botschaft an die Arbeiter des Westens" warnte Kropotkin:

"Ich bin der Ansicht, dass dieser Versuch, auf staatlich-zentralistischer Grundlage und unter dem eisernen Gesetz einer Parteidiktatur eine kommunistische Republik zu errichten, mit einem großen Fiasko enden wird. Russland lehrt uns, wie der Kommunismus sich nicht aufdrängen sollte."

Kropotkin starb am 8. Februar 1921 in Dmitrow nahe Moskau. Zehntausende Menschen folgten seinem Sarg. Es war die letzte große Manifestation gegen die bolschewistische Diktatur.

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