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StartseiteKalenderblattDesigner Raymond Loewy, der "Apostel der Schlichtheit"05.11.2018

Vor 125 Jahren geborenDesigner Raymond Loewy, der "Apostel der Schlichtheit"

Bereits als Teenager konstruierte Raymond Loewy einen Aufziehmotor für sein Modellflugzeug. In Zeiten, als sein Beruf noch völlig unbekannt war, agierte er bereits als moderner "Designer". Später entwarf der gebürtige Franzose das Logo der US-amerikanischen Zigarettenmarke "Lucky Strike".

Von Jochen Stöckmann

Zwei Männer stehen vor einer Lokomotive (imago/Zuma Keystone)
Loewy (links) mit seinem französischen Kollegen Aerzens (imago/Zuma Keystone)

Seine erste Design-Idee hatte Raymond Loewy 1908 in einem Pariser Salon der Belle Époque, vor dem Grammophon der Eltern: "Ich wurde früh geprägt durch Erfindungen: elektrisches Licht, Automobile, das Flugzeug. Und ich wollte kein Zuschauer bleiben, sondern aktiv daran teilnehmen."

Das Federwerk des Grammophons vor Augen, konstruierte der 15-Jährige einen Aufziehmotor für sein Modellflugzeug. Der Gymnasiast ließ nicht nur den technischen Entwurf patentieren, sondern sorgte auch für die Vermarktung, von der Werbung bis hin zur Verpackung. Raymond Loewy – am 5. November 1893 geboren – agierte bereits wie ein moderner "Designer". Nur war dieser Beruf damals völlig unbekannt, erst in den USA sollte der Franzose ihn zum Leitbild einer Ära machen.

Zunächst als Modezeichner Karriere gemacht

1919 wanderte der hochdekorierte Offizier des Ersten Weltkriegs nach New York aus: ein hervorragend ausgebildeter Ingenieur, der erst einmal als Modezeichner Karriere machte – wegen seiner schmissigen Skizzen mit rasanter Kurvenführung. Doch diese "Stromlinie" war mehr als nur eine elegante Hülle, das stellte Raymond Loewy – wie er sich nun nannte – in den 1930er Jahren unter Beweis: "Der Präsident der Eisenbahngesellschaft rief mich an und sagte: Loewy, wir haben ein Problem. Der Dampf nimmt unseren Lokführern die Sicht. - Um mir ein Bild zu machen, bin ich Tausende von Meilen im Lokführerstand mitgefahren, ein unvergessliches Erlebnis."

Modell eines Buses (imago/United Archives International)Ein von Raymond Loewy entworfener Bus der Zukunft (imago/United Archives International)

Auf den Loks, im Rausch der Geschwindigkeit, sammelt der Industriedesigner seine Erfahrungswerte. Das Ergebnis ist die 6000 PS starke Dampflok "S1" mit langgestrecktem Heizkessel, kugelförmiger Nase und blitzenden Chromstreifen auf fließenden Metallschürzen, ein Besuchermagnet bei der Weltausstellung 1939. Mit windschnittigen Karosserien beschert Loewy dem Auto-Hersteller Studebaker rekordverdächtige Verkaufszahlen, das "Time"-Magazin widmet ihm daraufhin 1949 das Titelbild: ein "industrial designer", umkreist von Greyhound-Bussen und Radioapparaten, Flugzeugen, Kugelschreibern, Konservendosen.

Angewandte Psychologie beim Schließen der Autotür

Zum Geheimnis seiner Erfolgsstory gehört allerdings mehr als nur das Prinzip "Stromlinie": "Wenn eine Autotür beim Schließen nicht auf Blech, sondern gegen eine Kautschukdichtung trifft, dann ergibt das einen satten, vertrauenerweckenden Klang – wie bei einem schweren Tresor. Das ist angewandte Psychologie."

Dieses Gespür für akustische Effekte und visuelle Schlüsselreize sichert Loewy das Vertrauen der Konsumenten, etwa in den "coldspot"-Kühlschrank: eine schneeweiße Alltags-Skulptur, bauchig gewölbt, deren Tür mit sattem Klang ins Schloss fällt. Formvollendete Gestaltung als Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs – von dieser Strategie überzeugt Loewy als redegewandter Partygänger einflussreiche Unternehmer im persönlichen Gespräch. Etwa George Washington Hill, den Boss der American Tobacco, die mit ihrer Zigarettenmarke "Lucky Strike" auf lautstarke Reklame setzt: Loewy entwirft 1941 – mitten im Krieg – eine neue Verpackung: zwei markante rote Punkte auf weißem Hintergrund, das Ganze umhüllt mit verlockend knisterndem Cellophan.

Das spricht alle an, vom ruppigen G.I. bis hin zur Dame der feinen Gesellschaft. Sogar die NASA, die US-Weltraumbehörde, beauftragt den Designer, der sich selbst als "Apostel der Schlichtheit" bezeichnet. Und der kurz vor seinem Tod im Sommer 1986 angesichts der absehbaren Digitalisierung resümiert:  "Wer Komfort nur als Perfektion der Technik begreift, macht das Leben kompliziert. Denn Objekte, die uns eigentlich dienen sollten, werden so komplex, dass sie die Menschen irritieren. Ein Desaster, das muss ein Ende haben."

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