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StartseiteKalenderblattDurchbruch erst mit 50 - die Pianistin Clara Haskil07.01.2020

Vor 125 Jahren geborenDurchbruch erst mit 50 - die Pianistin Clara Haskil

Clara Haskils Klavierspiel wurde bestaunt, gelobt, gefeiert – und dennoch sind Leben und künstlerische Karriere der Pianistin als beinahe tragisch zu bezeichnen. Denn beides wurde durch eine eher einsame Kindheit, durch Krankheit und nicht zuletzt zwei Weltkriege überschattet.

Von Stefan Zednik

Die Schweizer Pianistin Clara Haskil in einer Aufnahme aus dem Jahr 1959 (dpa/Keystone)
Die rumänisch-schweizerische Pianistin Clara Haskil (M.) (dpa/Keystone)
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"Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 mit Clara Haskil am Flügel und Markevitch als Dirigenten. (...) Für mich ist das so eine große Annäherung an die Wahrheit, wie es ein Kunstwerk nur sein kann."

So erinnert sich Charlie Chaplin an die Kunst der aus Rumänien stammenden Clara Haskil, die am 7. Januar 1895 in Bukarest geboren wird. Die Familie ist sehr musikalisch, doch das ganz besondere Talent von Clara fällt schon in ihrem vierten Lebensjahr auf. Auf dem Klavier spielt sie Melodien nach Gehör – und transponiert sie mühelos in andere Tonarten. Als der Vater früh stirbt, übernimmt ein Onkel die Erziehung der Hochbegabten. Es ist eine Mischung aus Fürsorge und übertriebenem Ehrgeiz, die ihn antreibt, jedenfalls zieht er mit dem Mädchen nach Wien, wo die Siebenjährige ein Klavierstudium beginnt, später nach Paris.

Sie führt ein isoliertes Leben, in bescheidenen Verhältnissen und ohne Kontakt zu Gleichaltrigen. Begabt mit einer mehr intuitiven Technik, soll ihr Lehrer, der Star-Pianist Alfred Cortot, ihr Spiel als das einer "Putzfrau" kritisiert haben. Dennoch beginnt die nun 15-Jährige nach dem Examen eine Laufbahn als Solistin. Ihr musikalischer Duktus ist überaus klar, Kritiker vermerken eine beseelte, nie kitschige oder zu Pathos neigende Interpretation.

Krankheit und Selbstzweifel

Doch einer erfolgreichen Karriere steht eines im Weg: ihre Gesundheit. Wegen einer Rückgratverkrümmung muss sie vier Jahre teilweise bewegungslos in einem bis zum Hals reichenden Gipskorsett verbringen. Nach erfolgreich beendeter Therapie unternimmt sie ab 1918 einen zweiten Versuch, die Konzertsäle zu erobern. Sie tritt auf, wird in der Presse hochgelobt, doch ihre Klavierabende sind nicht gut besucht. Drei Konzertreisen in die USA bringen keinen Durchbruch. Zu ständiger materieller Not und Krankheit gesellen sich mitunter zynisch wirkende Selbstzweifel.

"Leider gebe ich einen Klavierabend. Ich sage leider, weil ich schlechter spiele denn je (...). Ich habe gerade in Brüssel einen Klavierabend gegeben und viel Erfolg gehabt, auch wunderbare Kritiken. Hat man denn in Brüssel noch nie Musik gehört?", schreibt sie 1924 über ein bevorstehendes Konzert.

Bis in die späten 30er-Jahre gelingen ihr immer wieder glänzende Auftritte, doch für das eine kraftvolle, genialische Aura erwartende Publikum scheint sie zu wenig Ausstrahlung zu haben. Vor allem an ihrem französischen Wohnort hat sie es schwer.

"Es ist schon merkwürdig, dass mir in Paris die Karriere nicht gelingen will. Vielleicht liegt es daran, dass ich keinen Pelzmantel besitze und mir kein Rouge auflege?"

"Eingeschlossen ins Gefängnis ihrer Hinfälligkeit"

Dazu kommen die politischen Verhältnisse: Aus Paris muss die jüdische Künstlerin 1940 fliehen, und auch aus dem zunächst von den Deutschen unbesetzten Marseille gelingt ihr 1942 erst in letzter Stunde die Flucht in die Schweiz. Unterstützt von Freunden und Mäzenen, beginnt sie nach dem Krieg mit bereits 50 Jahren im dritten Anlauf eine Karriere – die jetzt zur glanzvollen Weltkarriere wird.

Die introvertiert wirkende, stets nur auf die Musik konzentrierte Künstlerin scheint den Erwartungen der Musikliebhaber nun mehr zu entsprechen. Und die Kritiker finden im Klischee einer Künstlerin, bei der sich Entbehrung und Leid mit Mozart'scher Weltentrücktheit verbinden, einen Ankerpunkt für das Verständnis ihrer großen pianistischen Kunst. Der Klavierexperte Joachim Kaiser:

"Die von einem körperlichen Leiden, dem sie tapfer widerstand, gezeichnete Künstlerin war, mit aller Ehrfurcht sei's gesagt, eingeschlossen in das Gefängnis ihrer Hinfälligkeit. Höchst konzentriert, fast weltabgewandt, so stellte Clara Haskil mit hoher Reinheit und Kunst alle diejenigen Werke der Klassik und Romantik dar, denen sie physisch gewachsen war."

Tatsächlich machen ihr die Anstrengungen der Konzertreisen mehr und mehr zu schaffen. Auf einer Tournee stürzt sie 1960 im Bahnhof von Brüssel - trotz sofortiger Operation stirbt Clara Haskil in der Nacht zum 7. Dezember an den Folgen ihres Unfalls.

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