Donnerstag, 18.10.2018
 
Seit 10:10 Uhr Marktplatz
StartseiteKalenderblattAls Heinrich Schliemann den "Schatz des Priamos" fand31.05.2018

Vor 145 JahrenAls Heinrich Schliemann den "Schatz des Priamos" fand

Heute vor 145 Jahren, am 31. Mai 1873, entdeckte Heinrich Schliemann den sogenannten Schatz des Priamos. Der Fund war eine Sensation und machte ihn weltberühmt. In der deutschen Wissenschaft dagegen lächelte man über den nichtstudierten Laien-Archäologen.

Von Christian Berndt

Der Nachguss der Bronzebüste des Archäologen Heinrich Schliemann (1822-1890) ist am Mittwoch, dem 9.5.2012 am Pfaffenteich in Schwerin zu sehen. Die Skulptur, die seit 1895 weitgehend unbehelligt im Stadtzentrum stand, war Ende August 2011 von Buntmetall-Dieben gestohlen worden. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Der Nachguss der Bronzebüste des Archäologen Heinrich Schliemann in Schwerin (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Mehr zum Thema

Ausstellung zu Schliemanns 125. Todestag Selten gezeigte Archivalien

Heinrich Schliemann Durchdrungen von schwärmerischer Überzeugung

"Die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte, drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen. Aber der Anblick so vieler Gegenstände machte mich tollkühn, und ich dachte an keine Gefahr."

Theatralisch schilderte Heinrich Schliemann in einem Zeitungsartikel, wie er am 31. Mai 1873 eigenhändig den "Schatz des Priamos" gefunden hatte. Beim Graben war er auf eine Kupferplatte gestoßen, hinter der Gold schimmerte. Um den Fund geheim zu halten, schickte er die Grabungsarbeiter zum Frühstück:

"Und während meine Arbeiter aßen, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne allergrößte Kraftanstrengung und furchtbarste Lebensgefahr möglich war."

Seinen Fund machte er öffentlichkeitswirksam publik

Eine Flasche aus purem Gold wurde sichtbar. Fieberhaft grub Schliemann mit Hilfe eines Vertrauten weiter, es kamen kupferne und goldene Gegenstände zum Vorschein, darunter Trinkgefäße, kostbare Diademe, prachtvoller Schmuck. Endlich glaubte er sich am Ziel: Hier musste das legendäre Troja aus Homers "Ilias" liegen. Ein solch prächtiger Schatz konnte nur von dem sagenumwobenen trojanischen König Priamos stammen. Illegal brachte er den Fund aus dem Osmanischen Reich und machte ihn öffentlichkeitswirksam publik - das Foto seiner jungen Frau mit dem Troja-Goldschmuck ging um die Welt. Schliemann war auf einen Schlag weltberühmt - für den Pfarrerssohn ohne höhere Schulbildung eine Genugtuung. Der sprachbegabte, abenteuerlustige Kaufmann hatte unter anderem im Krimkrieg und während des Goldrauschs in den USA ein Vermögen gemacht und mit 42 Jahren beschlossen, sich fortan ganz der Wissenschaft zu widmen. 1869 verwirklichte er seinen Traum: Die Suche nach jenem Ort, wo im 12. Jahrhundert v. Chr. der Trojanische Krieg stattgefunden haben soll. Wissenschaftler spotteten darüber, dass der Autodidakt Homers "Ilias" wörtlich nahm. Der Prähistoriker und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger.

"Bei Homer war klar, der bezieht sich auf eine Zeit – wenn man Homer ins 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. verweist – er beschreibt Ereignisse, die noch einmal etliche Jahrhunderte zurückliegen. Mit Beschreibungen, die ausgeschmückt waren mit mythischen Vorstellungen. Und da hat man damals schon gedacht, wie kommt man auf diese Idee, einen Ort wiederzufinden, den Homer beschreibt." 

Der Ort passte zu den Beschreibungen der Ilias

Schliemann begann buchstäblich mit der Ilias in der Hand im kleinasiatischen Bunarbaschi zu graben, wo Troja nach Meinung der Forschung gelegen haben soll. Aber der Vergleich mit Homers Landschaftsbeschreibungen überzeugte ihn sofort: Er war am falschen Ort. Erst der britische Amateurarchäologe Frank Calvert führte ihn auf die richtige Spur: Den Berg Hisarlik an der türkischen Mittelmeerküste – hier hatte man schon in der Antike das prähistorische Troja vermutet. Der Ort passte zu den Beschreibungen der Ilias. Schliemann heuerte über 100 Grabungshelfer an, die Siedlungsschichten aus verschiedenen Zeitaltern freilegten. Er ließ einen Graben in den Hügel bohren, um die Schichten wie in einer aufgeschnittenen Torte unterscheiden zu können. Dass er damit antike Gebäudereste zerstörte, wird ihm bis heute angekreidet:

"Heute würde man das so nicht mehr tun. Aber zur damaligen Zeit, schauen Sie hier in Mitteleuropa, da hat man einfach die Grabhügel geschlachtet im besten Sinne des Wortes, um die Objekte herauszuholen. Es war noch gar nicht so klar, dass man viel sorgfältiger vorgehen muss."

Schliemann hat Bahnbrechendes geleistet

Ungeheure Schuttmengen mussten weggeräumt werden, es kamen Baureste zum Vorschein, die zeitlich nicht zu Troja passten. Schliemann dachte ans Aufgeben. Aber als die Ausgräber in zehn Meter Tiefe auf zwei Meter dicke Mauern aus prähistorischer Zeit stießen, war er überzeugt: Das ist Troja. Erst nach seinem Tod 1890 wurde nachgewiesen, dass der vermeintliche Schatz des Priamos 1.000 Jahre zu alt war, die zeitlich zu Homer passende Siedlung lag in einer höheren Erdschicht. Trotzdem hat Schliemann Bahnbrechendes geleistet:

"Die Archäologie insgesamt beginnt mit Winckelmann im späten 18. Jahrhundert. Das war aber eine sehr stark kunstorientierte Archäologie, es ging weniger um Ausgraben, es ging mehr um Beurteilung der Kunstwerke. Dann war man später vor allem auf Gräber, aber weiterhin auch auf Kunstwerke, auf Inschriften fixiert. Dass man nun eine Siedlung, die zunächst unscheinbar ist, systematisch versucht zu untersuchen, das ist das, was die moderne Archäologie ausmacht. Und insofern kann man sagen, dass Schliemann einer der Mitbegründer der modernen Archäologie war."

Weil er Trojas Existenz beweisen wollte, interessierte sich Schliemann – anders als unter Archäologen damals üblich - auch für einfachste Alltagsgegenstände. Bis heute ist der Meister der medialen Inszenierung und Selbstdarsteller, der zu vorschnellen, unwissenschaftlichen Urteilen neigte und in seinen abenteuerlich ausgeschmückten Berichten bewusst Tatsachen verdrehte, umstritten. Aber die Archäologie hat er wie kein anderer populär gemacht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk