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StartseiteKalenderblattCharles Dickens: Schon zu Lebzeiten ein Bestseller-Autor09.06.2020

Vor 150 Jahren gestorbenCharles Dickens: Schon zu Lebzeiten ein Bestseller-Autor

Der englische Schriftsteller Charles Dickens beschrieb in seinen Werken die sich rapide verändernde soziale Wirklichkeit in Slums, Fabriken, Gefängnissen und Pubs. Sogar Karl Marx war von Dickens' Geschichten beeindruckt. Am 9. Juni 1870 starb der Autor von "David Copperfield" und "Oliver Twist".

Von Christian Linder

Ein schwarz-weiß Porträt des Schriftstellers Charles Dickens (1812-1870). (AFP / INP)
Der Schriftsteller Charles Dickens (AFP / INP)
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Der Ruhm Charles Dickens schon zu Lebzeiten war so immens, dass er in seinen Geschichten Selbstporträts nicht mehr heimlich verstecken musste, sondern sie zum Beispiel in seinem Roman "David Copperfield" im Klartext der Autobiographie aussprechen konnte:

"Ich habe mir ein anständiges Einkommen verschafft als Parlaments-Berichterstatter für eine Morgenzeitung und bin mit Furcht und Zittern an die Schriftstellerei gegangen. Dann habe ich mehr Mut gehabt, und jetzt werde ich auch dafür regelmäßig bezahlt."

Welches Understatement. Denn zu dem Zeitpunkt war er bereits der höchstbezahlte Autor seiner Zeit, dem sein Erfolg selbst manchmal märchenhaft vorkam. Geboren 1812 in Portsmouth als Sohn eines Werftarbeiters, wurde der Vater wegen zerrütteter Finanzen jahrelang in ein Schuldgefängnis gesperrt. Im Alter von elf Jahren musste der Junge deshalb die Schule verlassen und in einer Fabrik Schuhwichse in Blechdosen füllen.

Am Kindheitstraum festgehalten

Die Lebensansage, die dem jungen David Copperfield erteilt wird, kannte Dickens aus eigener Erfahrung: "David, für die Jugend ist dies eine Welt der Tat und nicht ein Feld zum Brüten und Faulenzen. Ganz besonders nicht für einen Jungen von deinem Charakter, der der Zucht bedarf und dem man den größten Dienst leistet, wenn man ihn zwingt, die Wege der arbeitenden Welt zu betreten, um ihn zu ducken und zu brechen … Was vor dir liegt, ist der Kampf mit der Welt, und je eher du ihn beginnst, umso besser."

Charles Dickens‘ eigener Widerstand bestand darin, dass er gegen alle Lebenserfahrungen an seinen verschütteten, gleichwohl noch erahnbaren alten Kindheitsträumen festhielt und sie als Energiequelle und Protestmaterial benutzte, um sich sein Leben nicht durch gesellschaftliche Vorschriften im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts auf hässliche Weise begradigen zu lassen. So kam er, durch Entdeckung und Entfaltung seines Schreibtalents, auf eine Lebensbahn.

Eine Ausgabe des Romans "Oliver Twist" von Charles Dickens (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Eine Ausgabe des Romans "Oliver Twist" von Charles Dickens (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Als junger Journalist trieb er sich nicht nur im Parlament herum, sondern recherchierte auch die mit Beginn des industriellen Zeitalters sich rapide verändernde soziale Wirklichkeit in Slums, Fabriken, Gerichten und Gefängnissen, Büroräumen und Pubs. Sogar Karl Marx war von den zunächst in Zeitungen als Fortsetzungs-Romane gedruckten Geschichten beeindruckt: "Dickens hat mehr an politischer und sozialer Wahrheit ausgesprochen … als alle professionellen Politiker, Publizisten und Moralisten zusammen."

Im Gegensatz zu Marx war Dickens aber politisch kein Radikaler, sondern seine besondere Art des Realismus bestand darin, dass er seine Figuren wie David Copperfield oder Oliver Twist mit seinem eigenen Glauben an die Macht der alten Kindheitsträume ausstattete und ihnen die Möglichkeit gab, die offiziellen Wegweiser zu missachten, die einem die Umwege verbieten wollen. Solches Schreiben als Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Entwicklungen hat Dickens zum neben Shakespeare bis heute meist gelesenen und diskutierten englischen Schriftsteller werden lassen.

Innerlich beruhigte ihn der Erfolg nicht

Gilbert Keith Chesterton hat als erster dieses Geheimnis von Dickens‘ weltweiter Wirkung erkannt: "In jedem gibt es etwas, das kleine Kinder gern hat, den Tod fürchtet, das Sonnenlicht liebt; dieses Etwas freut sich auf Dickens." Wenn der Erfolg Dickens‘ äußeres Leben zwar komfortabel auspolsterte und ihm erlaubte, ein herrschaftliches Anwesen im Garten Englands, in Kent, zu bewohnen – innerlich beruhigte ihn der Erfolg nicht.

Statt auszuatmen stand er jeden Tag bis zu seinem Tod am 9. Juni 1870 im Alter von erst 58 Jahren unter dem Zwang, sein zu dem Zeitpunkt umfangreiches Werk immer weiterschreiben zu müssen. Während des von der Queen angeordneten Staatsbegräbnisses wird vielleicht mancher in der unüberschaubaren Menge der Trauergäste in Westminster Abbey an das Schlusswort des Selbstporträts im Roman "David Copperfield" gedacht haben, in dem Dickens sich die entscheidenden Figuren seines Lebens noch einmal vor Augen geführt hatte.

"Dann verschwimmen diese Gesichter. Nur eins, das auf mich niederscheint wie ein himmlisches Licht, das mir alles erleuchtet, steht über ihnen. Und das bleibt. Ich wende meinen Kopf und sehe es in seiner schönen, heitern Ruhe neben mir. Meine Lampe brennt herunter, und ich habe bis tief in die Nacht hinein geschrieben, aber das teure Wesen, ohne dass ich nichts wäre, leistet mir immer Gesellschaft."

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