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StartseiteKalenderblatt Das Scheitern der "Germania" im ewigen Eis 11.09.2020

Vor 150 Jahren zurückgekehrt Das Scheitern der "Germania" im ewigen Eis

Mit dem Schiff bis zum Nordpol – das war das Ziel der zweiten deutschen Nordpolarexpedition, von der Kapitän Carl Koldewey am 11. September 1870 mit der „Germania“ wieder zurückkehrte. Viel Glück war ihm auf der Fahrt nicht beschieden gewesen. Statt auf eisfreies Meer stieß er auf Hunger und Eisbären.

Von Irene Meichsner

Zeichnung von der zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition mit den Schiffen Germania und Hansa (picture alliance / Bildagentur-online/Sunny Celeste)
Zeichnung von der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition mit den Schiffen Germania und Hansa (picture alliance / Bildagentur-online/Sunny Celeste)
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"Die Abfahrt bot einen wahrhaft erhebenden Anblick. Vor dem neuen Bassin in Bremerhafen lagen beide Schiffe Germania und Hansa an der Moole; an den Ufern drängte sich Mann an Mann und wartete auf das Erscheinen des Königs, welcher ... sich an Bord des Norddeutschen Lloyd-Dampfers Deutschland befand. Jetzt ertönt tausendstimmiges Hurrah ...; der König ist aufgebrochen und begibt sich von dem stolzen transatlantischen Dampfer zu den kleinen unscheinbaren Schiffen, die das nördliche Polarmeer erschließen sollen."

Der Polarforscher und Leiter der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition,  Carl Christian Koldewey  (183-1908)  (imago-images/ XenxWelsh )Leiter der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition Carl Christian Koldewey (imago-images/ XenxWelsh )

Halb Bremerhaven war auf den Beinen, als die "Hansa" und die "Germania" am 15. Juni 1869 - im Beisein von König Wilhelm von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I. - die Anker lichteten. Das Ziel der Expedition war der Nordpol. Oder genauer: Es ging um das eisfreie Meer, von dem viele damals noch glaubten, dass es rund um den Pol existiere, und dass man es mit Schiffen problemlos würde durchqueren können. Aber gab es das wirklich – dieses sagenhafte, offene Gewässer am nördlichen Ende der Welt? Ein erster Versuch, durch den Packeisgürtel wenigstens bis nach Grönland zu gelangen, war erst ein Jahr zuvor gescheitert. Nun sollte es der Leiter der Expedition, Kapitän Carl Koldewey, ein weiteres Mal versuchen.  Auch die "Ehre des deutschen Vaterlands" stand dabei auf dem Spiel.

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Missverständnisse und Bootsuntergänge

"Abermals haben sich muthige Männer zusammengefunden, welche die gefährlichen Hindernisse mit Beharrlichkeit überwinden wollen, um deutscher Wissenschaft und deutschem Forschungseifer ein neues ruhmwürdiges Denkmal zu setzen", hieß es dazu in der Illustrirten Zeitung. Doch leider war auch dieser zweiten deutschen Nordpolar-Expedition nicht allzu viel Glück beschieden. Bereits nach wenigen Wochen trennten sich die Wege der beiden Schiffe aufgrund von Missverständnissen beim Austausch von Signalen im dichten Nebel. Friedrich Hegemann, der Kapitän der Hansa, blieb im Packeis stecken. Sein Schiff ging später unter, die Männer retteten sich mit drei Beibooten und Proviant auf eine Eisscholle, mit der sie sich in 200 Tagen rund 2000 Kilometer weit treiben ließen - bis sie endlich offenes Wasser erreichten und sich in Sicherheit bringen konnten. Koldewey schaffte es mit der "Germania" immerhin bis an die Ostküste von Grönland. Der Plan sah vor, dort zu überwintern.

"Das Schiff wurde abgetakelt und das ganze Deck von vorn nach hinten mit einem Dache überdeckt, das Deck außerdem noch zu einer größeren Wärmehaltung im Innern mit einer Lage Moos und Schnee versehen, und außen herum eine Eis- und Schneemauer gebaut, so dass vom Schiffe selbst nichts mehr zu erkennen war und das ganze eher wie ein in das Eis eingebautes Haus aussah. Man konnte die kahlen Masten füglich für Schorn­steine halten", schrieb Koldewey später.

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Erkundungstouren zu Fuß und mit Schlitten

In den folgenden zehn Monaten machten die Männer, darunter auch mehrere Wissenschaftler, lange Erkundungstouren – zu Fuß und mit Schlitten, die sie selber ziehen mussten. Sie trotzten Schnee und Sturm, Hunger und Kälte, wurden von Eisbären attackiert und machten, trotz aller Strapazen, fleißig ihre meteorologischen, botanischen und astronomischen Beobachtungen. Als das Eis die Germania im Juli 1870 wieder freigab, versuchte Koldewey noch einmal, nach Norden vorzustoßen. Aber vergeblich, und so machte er schließlich wieder kehrt. Auf der Rückfahrt stieß Koldewey auf den "Kaiser-Franz-Joseph-Fjord" - die wohl größte Entdeckung bei dieser Expedition.

"Ein unbekanntes Land, das wirkliche Innere von Grönland, eröffnete sich immer schöner und imposanter unseren staunenden Augen. Zahlreiche Gletscher, Cascaden, Sturzbäche kamen von dem immer höher und höher ansteigenden Gebirge herunter."

Ganz am Ende wurde es dann noch einmal spannend. Zwischenzeitlich war der Deutsch-Französische Krieg ausgebrochen. Koldewey durchbrach - nichtsahnend - eine Blockadelinie vor Helgoland, lief aber wie durch ein Wunder nicht auf eine Mine und kehrte am 11. September 1870 wohlbehalten nach Bremerhaven zurück. Eine dritte deutsche Nordpolar-Expedition wurde zwar noch erwogen, kam aber nicht mehr zustande. Der Glaube an die Theorie vom eisfreien Polarmeer schwand zunehmend dahin. Spätestens seit die Norweger Fridtjof Nansen und Otto Sverdrup Ende des 19. Jahrhunderts mit der ‚Fram’ durch das Packeis gedriftet und dem Nordpol dabei so nahe gekommen waren wie nie zuvor, galt sie endgültig als widerlegt.

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