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StartseiteKalenderblattJohn G. Rand erhält Patent für die verschließbare Bleitube11.09.2016

Vor 175 JahrenJohn G. Rand erhält Patent für die verschließbare Bleitube

Mit John G. Rands Erfindung hatte die Schweinsblase ausgedient. Vor 175 Jahren erhielt der amerikanische Maler ein Patent auf seine Bleitube. Durch diese ließen sich frisch gefertigte Farben - sehr zur Freude der impressionistischen Freiluftmaler - endlich gut verschließen.

Von Mathias Schulenburg

Tuben mit bunten Malerfarben liegen auf einem Haufen. (imago/ ecomedia/ Robert Fishman)
Der Amerikaner John Goffe Rand erhielt vor 175 Jahren das Patent auf die von ihm entwickelte Farbtube. (imago/ ecomedia/ Robert Fishman)

Es muss eine Welle wie diese gewesen sein, die um ein Haar den Maler Claude Monet mitsamt seiner Staffelei bei Étretat an der Küste der Normandie ins Meer gezogen hätte. Monet war den Strand entlang gewandert, um das Manneport zu malen, das große Tor, einen jener von tiefen Strömungen geschaffenen Kreidefelsbögen der Gegend.

Monet wäre bei der Malerei mit leichtem Gepäck unter freiem Himmel in Schwierigkeiten geraten, hätte ihm nicht eine Erfindung des Amerikaners John Goffe Rand, geboren 1801, zur Seite gestanden, für die dieser am 11. September 1841 das amerikanische Patent mit der Nummer 2252 erhielt:

"Meine Erfindung bezieht sich auf eine Methode, Farben und andere Flüssigkeiten aufzubewahren, indem sie in ein metallisches Rohr eingebracht werden, das mit leichtem Druck verformbar ist, sodass die Farbe oder Flüssigkeit darin durch einen verschraubbaren Verschluss getrieben wird, dergestalt, dass die Flüssigkeit von Zeit zu Zeit entnommen und das Ende wieder luftdicht verschlossen werden kann."

Die Tube ersetzte die Schweinsblase

Ein Rohr heißt im Lateinischen "tubus", im Englischen tube, daher "Tube". Das dem Schraubverschluss abgewandte Ende war mit einem Falz verschlossen. Endlich ließen sich malfertige Farben verwahren, transportieren und problemlos unter freiem Himmel verwenden. Bis dahin wurden frisch gefertigte Farben in einer Schweinsblase transportiert, die die Farbe nach einem nicht wieder verschließbaren Einstich freigab. Der Maler Pierre-Auguste Renoir urteilte:

"Ohne Tubenfarben würde es keinen Cézanne, keinen Monet, keinen Pissarro und keinen Impressionismus geben."

Das war vielleicht übertrieben, aber ohne John Rands Tubenfarben hätten Monet und Gleichgesinnte nicht so einfach in der freien Natur malen können. Und dann kam ihnen auch die Chemie mit einer großen Zahl neuer Farben zu Hilfe, darunter – endlich – gute Gelbtöne, die selbst Debussys "Mädchen mit den flachsblonden Haaren", bedichtet von Charles Marie Leconte de Lisle, hätten gerecht werden können.

"Im blühenden Klee sitzend,
wer singt seit dem frühen Morgen?
Es ist das Mädchen mit den flachsblonden Haaren,
die Schöne mit den kirschroten Lippen."

Ein klarer Fall für die Tube. Von dieser abgesehen, hat der Erfinder John Rand kaum Spuren hinterlassen, obwohl das neue Behältnis vom Künstlerfarbenhersteller Winsor & Newton in England erfolgreich kommerzialisiert und auf der Weltausstellung 1851 in London präsentiert wurde. Als Porträtmaler freilich sollte Rand sein Auskommen gehabt haben, schließlich zählte zu seiner Kundschaft der englische Hochadel. Die berühmten Smithsonian Archive der amerikanischen Künste, immerhin, bewahren eine der ersten nach John Rands Patent fabrikmäßig gefertigten Tuben auf; ebenso einen Brief an seine Nichte; etwas abgetippte Familienkorrespondenz und eine Fotografie – nur seines Grabsteins. Mehr hat nicht überdauert. John Goffe Rand starb 1873.

Eine Tube kam selten allein

Aber die Tube lebt. Auf über zehn Milliarden Tuben schätzt allein der europäische Tubenherstellerverband die Jahresproduktion seiner Mitglieder und blickt frohgemut in die Zukunft: Die Gesellschaft wird immer tatteriger und die Tube ist bedienerfreundlich.

Eine Tube kam früher selten allein, meist wurde sie in jedem bürgerlichen Haushalt, der dem Vorwurf der Verschwendungssucht entgehen wollte, von einem Utensil begleitet, dessen Benutzung ständig angemahnt wurde. Der Handel spart nicht an Bezeichnungen:

"Tubenpresse, Tubenquetsche, Tubenquetscher, Tubenausdrücker, Tubenentlehrer, Tubenschieber, Tubenhexe, Tubenaufroller, Auspressegerät ..."

Das weist auf einen der wenigen Makel der Tube hin: Man bekommt sie allein per Hand selten vollständig geleert – ohne Malheur. Das werden auch die Impressionisten erfahren haben. Und dann wäre bei der Zahl der produzierten Tuben dringend Recycling geboten. Bei Bierdosen werden mittlerweile stolze 98 Prozent zurückgenommen.

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