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StartseiteKalenderblattUraufführung von Albert Lortzings Spieloper "Der Wildschütz"31.12.2017

Vor 175 Jahren Uraufführung von Albert Lortzings Spieloper "Der Wildschütz"

Die Besonderheit der so genannten Spieloper war das Nebeneinander von großem Kunstgesang und Verwechslungsdramaturgie, die harmonische Synthese von komödiantischem Musiktheater und parodistischer Zeitkritik. Entstanden in einer Zeit schärfster Zensur, war Albert Lortzing einer ihrer erfolgreichsten Autoren.

Von Stefan Zednik

Markus Vollberg als Graf von Eberbach singt eine der Hauptrollen in der komischen Oper "Der Wildschütz", 2015 am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin (Jens Büttner / dpa-Zentralbild)
Markus Vollberg als Graf von Eberbach singt eine der Hauptrollen in der komischen Oper "Der Wildschütz", 2015 am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin (Jens Büttner / dpa-Zentralbild)

"Fünftausend Taler!"

Es ist ein unverhoffter Geldsegen, der den Dorfschulmeister Baculus in Albert Lortzings Spieloper "Der Wildschütz" in erhebliche Schwierigkeiten bringt. Was tun, wenn man plötzlich steinreich wird?

"Vor kurzem war ich noch ein rechter Lumpenhund;

Nicht sehr viel mehr als Mensch und Christ,

Und nun auf einmal – Kapitalist!"

Was ist passiert? Der ältliche Pädagoge steht kurz vor der Heirat mit seinem Mündel, dem hübschen und für ihn viel zu jungen Gretchen. Doch in die scheint sich auch ein bessergestellter Herr verliebt zu haben, der sie seinerseits zu ehelichen beabsichtigt. Um den Deal zu sichern, bietet der dem bis dato armen Lehrer einen Betrag, der in etwa das 50-fache seines bisherigen Jahreseinkommens ausmacht. Baculus geht auf den Handel ein, steht aufgrund zahlreicher Verwechslungen und Missverständnisse am Ende aber als der große Verlierer da und kann froh sein, wenigstens seinen Job behalten zu dürfen. Der Traum des kleinen Mannes vom Kapitalismus ist zerplatzt.

"Lortzing hat immer sehr fein beobachtet, 1840 war das ja mit dem Kapitalismus noch nicht so verbreitet, aber er wusste genau, da gibt es Leute, die haben viel Geld, weil sie viel Geld hatten, weil nur das Geld arbeitet."

Entwicklung zum Zuschauermagneten

Die Lortzing-Spezialistin Irmlind Capelle über den Komponisten, der als Grundlage seines Stückes eine Komödie von August von Kotzebue, einem beliebten Lustspieldichter des frühen 19. Jahrhunderts, gewählt hatte.

"Albert Lortzing selbst war ja Schauspieler und hat in sicherlich 20 oder 30 Lustspielen von August Kotzebue selbst auf der Bühne gestanden, er kannte also auch das Stück ‚Der Rehbock‘ von seiner eigenen schauspielerischen Tätigkeit. Und die Konstellation, die von Kotzebue vorgegeben ist, die dramaturgische Konstellation, hat er auch fast völlig übernommen."

Das Stück, an Silvester 1842 in Leipzig uraufgeführt, entwickelte sich zum Zuschauermagneten und wurde an unzähligen deutschen Bühnen gespielt. Für Lortzing war es nach seinem "Zar und Zimmermann" bereits der zweite Beitrag zu einem erfolgreichen, spezifisch deutschen Genre, der sogenannten "Spieloper".

 "Wie lange, meinen Sie, würde eine Bühne bestehen, auf der nur die Erzeugnisse der höchsten Genies gegeben werden dürfen und vor der nur Kenner als Hörer sitzen sollten? Einige meiner Opern bereiten vielen ehrlichen Seelen angenehme Stunden und damit bin ich zufrieden."

Gesprochene Dialoge abgeschafft

So galt Lortzing lange Zeit als biedermeierlich braver Musiker, dem Erfolg bei einem die Theaterkasse füllenden Publikum wichtiger erschien als der Platz im Olymp neben Mozart, Beethoven oder Wagner. In dessen durchkomponiertem Gesamtkunstwerk waren gesprochene Dialoge abgeschafft. Ein Weg, den Lortzing für abwegig hielt. Dabei waren die Probleme, die diese Mischform mit sich bringt, auch für Lortzing enorm.

"Unseren deutschen Sängern mangelt durchschnittlich die Leichtigkeit des Spiels, des Vortrags, mit einem Worte: die zu dieser Operngattung erforderliche Salongewandtheit."

Immer scheint er eher Praktiker des Theaters als Theoretiker der Form, eher ein die reale Wirkung bedenkender Künstler als ein politisch-ästhetischer Utopist. Doch den "Wildschütz" als reines Unterhaltungstheater zu werten, scheint ungerecht. Lortzing interessierte das Abschießen ironischer und gesellschaftskritischer Pfeile durchaus, und das in einer Zeit strengster Zensur.

Pankratius: "Unsere gnädige Gräfin will nämlich mit aller Gewalt Komödie spielen. Kennt ihr den Sophoklex?"
Baculus: "Den Sophoklex?"
Pankratius: "Das ist nämlich der Poet, der die Komödie gemacht hat."

"Der preußische König wollte griechische Tragödie wiederbeleben und hat Mendelssohn gebeten dazu Chöre zu schreiben. Antigone, diese Schauspielmusik, die ist im März 1842 in Leipzig auch aufgeführt worden. Und es wird immer wieder berichtet von allen, das steht auch in der zeitgenössischen Presse, dass es einen unglaublichen Hype ausgelöst hat, dass jetzt die ganze bessere Gesellschaft mit griechischen Zitaten und griechischer Kleidung durch Leipzig lief. Und darauf spielt er bei der Gräfin an."

 "Schade, schade, dass wir’s nicht verstehen."

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