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StartseiteKalenderblattDie Entdeckung des Ökosystems "Lost City" im Atlantik 04.12.2020

Vor 20 JahrenDie Entdeckung des Ökosystems "Lost City" im Atlantik

20 Jahre ist es her, dass Meeresforscher in der Nähe heißer Quellen in der Tiefe des Atlantischen Ozeans auf ungewöhnliche Lebensformen stießen. "Lost City" war gefunden. Dadurch bekamen Wissenschaftler einen neuen Einblick in die Entstehung des Lebens auf der Erde.

Von Dagmar Röhrlich

Lost City im Atlantik: Die 60 Meter hohe Carbonat-Struktur Poseidon  (AP Photo/Science and the University of Washington)
"Lost City" am Boden des Atlantiks (AP Photo/Science and the University of Washington)
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Dezember 2000. 30 Grad Nord, 42 Grad West, irgendwo im Nordatlantik, auf halbem Weg zwischen Afrika und Nordamerika. Seit Wochen kreuzt das Forschungsschiff Atlantis über einem untermeerischen Berg: dem Atlantis-Massiv, einem gewaltigen Felsblock, der sich mehr als 4.000 Meter hoch über dem Meeresboden erhebt.

Meist sind Unterwasserberge Vulkane, doch das Atlantis-Massiv ist etwas Besonderes: Es besteht aus schwerem, grünem Peridotit – dem Gestein, aus dem der Erdmantel ist. 

"Wir versuchten zu verstehen, wie Mantelgestein auf den Meeresboden gelangt."

Hochhaushohe Kamine erheben sich aus den Felsen

Tektonische Kräfte müssen dieses Stück Erdmantel aus mehreren Kilometern Tiefe an die Oberfläche gezerrt haben. Und so gleitet in dieser Nacht ein Kameraschlitten durch die Tiefsee. Gretchen Früh-Green von der ETH-Zürich überwacht die Bilder, die per Glasfaserkabel von der Kamera ans Schiff übertragen werden.

"Und dann sahen wir plötzlich Strukturen, die nicht von Korallen stammten, sondern untermeerische Hydrothermalquellen waren."

Schneeweiße, hochhaushohe Kamine erheben sich aus den Felsen des Massivs. Weißlich schimmerndes Wasser quillt aus ihnen heraus, und Kristallvorhänge drapieren sich um die Felsen. Gretchen Früh-Green läuft los, um eine Kollegin zu holen, deren Spezialgebiet sind Hydrothermalsysteme in der Tiefsee:

"Sie kam gegen Mitternacht in meine Kabine gerannt und rief: ‚Komm schnell und schau Dir das an‘. Dann versuchten wir bis 3 Uhr morgens gute Bilder von diesen Türmen zu bekommen."

Eintauchen in eine unbekannte Welt

Was sie da sehen, ist ein Hydrothermalsystem, aber keinesfalls eines wie die sogenannten Schwarzen Raucher, die berühmten vulkanischen Quellen am Meeresgrund, aus denen schwarze Sulfidminerale wie Rauch ins Meerwasser aufsteigen und die meterhohe Schlote aufbauen. Deborah Kelley von der University of Washington in Seattle:

"Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, woraus sie bestanden, doch es war eindeutig etwas, das wir noch nie zuvor gesehen hatten."

Zwei Tage später findet der auf dieser Ausfahrt einzig mögliche Tauchgang mit dem Tiefsee-U-Boot Alvin in diese unbekannte Welt statt, die die Forscher "Lost City" getauft haben – eine verlorene Stadt in der Tiefsee.

"Als wir nach Lost City kamen, fanden wir eine sehr sanfte und gedämpfte Umgebung. Diese absolut gigantischen weißen Türme. Es war, als ob wir durch einen Wald aus Mammutbäumen führen. Es war anders als alles, was ich bisher erlebt habe."

Tiere leben in den weißen Zinnen 

Erst ganz dicht vor den Steinen erkennen die Forscher die Bewohner. Wie durchsichtiger Seetang wogen Kolonien von Mikroorganismen im Wasser. Und in den Hohlräumen und Spalten verstecken sich Schnecken, Flohkrebse, Ringel- und Fadenwürmer, Muschelkrebse und Muscheln.

"Es gibt dort nicht sehr viele Tiere, und sie sind sehr klein, höchstens so groß wie ein Daumennagel. Sie sind durchsichtig und damit für das menschliche Auge schwer zu erkennen."

Dass es in den weißen Zinnen, Türmen und Vorhängen Leben gibt, ist eine Sensation. Denn was da aus den Kaminen quillt und die Türme aufbaut, das ist im Grunde genommen heißer Rohrreiniger. Ein für jedes irdische Lebewesen eigentlich tödlicher Lebensraum, an den es sich kaum gewöhnen kann:

"Aber diese Mikroorganismen und Tiere ertragen Bedingungen, die zu den extremsten überhaupt auf der Erde gehören, und sie leben dort recht glücklich."

Irdisches Leben vor vier Millionen Jahren 

Angetrieben wird diese Lebenswelt nicht von vulkanischer Aktivität wie bei den "Schwarzen Rauchern", sondern rein chemisch: durch eine Reaktion des Meerwassers mit dem Mantelgestein. Die Wärme, die dabei entsteht, heizt das Wasser auf, und beim Kontakt mit der Kälte der Tiefsee fallen winzige Magnesium- und Kalkminerale aus, die seit 30.000 Jahren das Baumaterial von Lost City liefern.

Die chemische Reaktion ist auch die Triebfeder für die Bakterien, die die Grundlage des Nahrungsnetzes in der weißen Stadt sind: Wasserstoff, Methan und andere organische Moleküle. Für Mikroorganismen bedeutet das Energie in Hülle und Fülle. Und vielleicht, so überlegen Wissenschaftler, ist das irdische Leben vor vier Milliarden Jahren in diesen "Verlorenen Städten" entstanden, denn sie bieten alles, was die empfindlichen ersten Wesen gebraucht hätten.

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