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StartseiteKalenderblattAls die Unabhängigkeit von Peru ausgerufen wurde28.07.2021

Vor 200 JahrenAls die Unabhängigkeit von Peru ausgerufen wurde

Die Loslösung von der spanischen Vorherrschaft war in vielen Ländern Lateinamerikas ein langwieriger, steiniger Prozess. Peru erklärte seine Unabhängigkeit vor 200 Jahren, seither ist der 28. Juli Nationalfeiertag. Doch zur Ruhe kam das Land bis heute nur selten.

Peter B. Schumann

Denkmal für den Freiheitskämpfer General José San Martín (imageBROKER / Peter Giovannini)
Denkmal für den Freiheitskämpfer General José San Martín (imageBROKER / Peter Giovannini)
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Es war ein weiter Weg von der spanischen Okkupation Südamerikas im 16. Jahrhundert bis zu seiner Unabhängigkeit im 19. Jahrhundert. Als Vizekönigreich Peru umschrieben die Spanier ihre Besitzungen in den Andenländern, die nichts anderes als Kolonien waren. Die indigene Bevölkerung haben sie vernichtet oder versklavt. Der Reichtum vor allem an Edelmetallen wurde nach Europa verschifft oder diente dem fürstlichen Ausbau von Lima zur "Stadt der Könige". Doch nachdem Anfang des 19. Jahrhunderts Napoleon Spanien besetzt und den König zur Abdankung gezwungen hatte, begann sich auch das Vizekönigreich von innen her aufzulösen.

Nikolaus Werz, Professor für Politologie und Autor einer ungewöhnlichen Geschichte des Kontinents: "Es ging darum, dass die kreolische Oberschicht, also die in dem späteren Lateinamerika geborenen Nachfahren der Spanier, partizipieren wollten an der Verwaltung, aber auch am Wohlstand der Kolonien."

Unabhängigkeitsheld General José de San Martín

Die Kreolen erklärten sich zwar für unabhängig von der spanischen Krone, aber gegen die Macht der Royalisten konnten sie zunächst nichts ausrichten. Es bedurfte einer militärischen Intervention von außen. Sie wurde angeführt von dem argentinischen General José de San Martín.

"Er ist der sicherlich am besten ausgebildete Unabhängigkeitsheld aller Lateinamerikaner, weil er als einziger eine solide, militärische Ausbildung durchlaufen hat in Spanien. Er begibt sich nach Mendoza und baut dort dieses Heer auf, mit dem er die Anden überschreitet. Das wird in der Symbolik der Unabhängigkeit mit Hannibal verglichen, also mit dem Zug über die Alpen."

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Nach diesem einzigartigen Gewaltmarsch befreite General San Martín zunächst mit seinem Expeditionsheer den Norden Perus sowie weite Teile der Küstenregion und rückte dann auf Lima vor, dem Zentrum des Vizekönigreichs. Dabei war er auf die Hilfe von Partisanentruppen angewiesen, die meist aus rebellischen Indigenen bestanden. Sie blockierten die Versorgungsrouten der Royalisten, sodass allmählich der Notstand ausbrach. Am 5. Juli 1821 suchte der Vizekönig mit Gefolge das Weite. Wenig später rückte der General mit seinen Truppen ein. Auf seine Veranlassung entwarf eine Reihe von Notablen den Text der Unabhängigkeitserklärung.

Am 28. Juli 1821 besiegelten Vertreter der Oberschicht, der Stadtregierung, des Militärs und des Klerus auf der Plaza Mayor in Lima durch ihren Eid die Unabhängigkeit Perus. Die Realisierung des formalen Aktes scheiterte jedoch zunächst an innerperuanischen Querelen und am wachsenden Widerstand der Royalisten.

"San Martín gerät in Lima in eine komplizierte Situation, und im Unterschied zu Bolívar ist er ein Zauderer. Er möchte auch nicht unbedingt bewaffnet vorgehen, und das führt dann zu seinem überraschenden Ende: dass sich nämlich der eigentliche Befreier Perus zurückgezogen (hat) und das Feld Simón Bolívar überlassen hat."

Simón Bolívar besiegte die spanischen Truppen

Der General hatte den Libertador zu Hilfe gerufen. Dieser beendete mit starker Hand die internen Konflikte, besiegte 1824 in der Schlacht von Ayacucho endgültig die spanischen Truppen und wurde vom Kongress zum Alleinherrscher der neuen Republik Peru ernannt.

Ein Mann in dunkler Jacke steht mit emporgereckten Armen jubelnd auf einem Balkon. In der einen Hand hält er ein Mikrofon, in der anderen einen hellen Sombrero. (imago images / Agencia EFE / Stringer) (imago images / Agencia EFE / Stringer)Hoffnung der Armen, Schreck der Eliten
Anfang Juni gewann der bis dahin unbekannte sozialistische Dorfschullehrer knapp die Präsidentschaftswahl in Peru. Seitdem steht das Land Kopf, weil seine Gegner Castillos Ernennung mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.

Doch zur Ruhe, zu einem fortdauernden Entwicklungsprozess kam das Land bis heute nur selten. Die Präsidentschaften der letzten Jahrzehnte gingen beispielsweise meist im Sumpf der Korruption unter. Nun wird an diesem 28. Juli, dem Nationalfeiertag, ein neuer Präsident das Amt antreten: Pedro Castillo. Er stammt nicht aus der Oberschicht und ist kein Militär, sondern ein Landschullehrer mit einem linken Konzept gesellschaftlicher Veränderung, allerdings ohne Mehrheit im Parlament. Nikolaus Werz:

"Es wird schwer für ihn zu regieren. Er wird Kompromisse machen müssen. Und wenn man Optimist ist, kann man sagen, er wird sich in die Mitte bewegen. Und dann kann sogar eine Reformregierung daraus werden, wenn man einmal seine Absichten ernst nimmt."

Vielleicht gelingt es gerade dem Pädagogen aus einem Dorf in den Anden, das politisch tief gespaltene Peru auf einen Kurs der Erneuerung zu führen.

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