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StartseiteKalenderblattAls Josef Naus die Zugspitze erklomm28.08.2020

Vor 200 JahrenAls Josef Naus die Zugspitze erklomm

Die Zugspitze galt lange als unbesteigbar und von Geistern heimgesucht. Bis vor 200 Jahren ein unerschrockener bayerischer Leutnant kam: Josef Naus, der erste namentlich bekannte Bezwinger von Deutschlands höchstem Berg. Seine zwei Kameraden drehten im Angesicht der Gefahr um, Naus schaffte es zum Gipfel und zurück.

Von Irene Meichsner

Blick über Garmisch-Partenkirchen auf die Zugspitze (picture alliance/arkivi)
Blick über Garmisch-Partenkirchen auf die Zugspitze (picture alliance/arkivi)
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Von Garmisch-Partenkirchen aus führt der vergleichsweise einfachste Weg auf die Zugspitze zunächst durch eine wildromantische Schlucht, und von dort bis zur idyllisch gelegenen "Reintalangerhütte". Heute gibt es dort eine urige Gaststube, gemütliche Gästezimmer, saubere Matratzenlager und Waschräume mit warmen Duschen. 1820, als der bayerische Leutnant Josef Naus dort Station machte, war es nicht mehr als ein primitiver Unterschlupf.

"Mit Herrn Hauptmann Jeetze und Leutnant Anlitscheck durch das Rheintal auf den Anger. Übernachtet in der Hirtenhütte, von einer Menge Flöhe dergestalt gemartert, daß ich wachend am Feuer die halbe Nacht mit Tötung derselben zubringen mußte", schrieb Naus unter dem Datum des 26. August 1820 in sein Tagebuch.

Das Reintal an einem bewölkten Tag (picture alliance / chromorange / Bernd Juergens)Das Reintal an einem bewölkten Tag (picture alliance / chromorange / Bernd Juergens)

Zugspitze galt als unbesteigbar

Naus, 1793 in Tirol geboren, war ein Landvermesser, der seit 1813 der bayerischen Armee angehörte. Unter Leitung des Militärs wurde damals gerade ein topographischer Atlas von Bayern erstellt. Naus war ins Werdenfelser Land an der Grenze zu Österreich entsandt worden, wo sich auch die Zugspitze befindet.

"Und sein Auftrag war eben, so das Werdenfelser Land zu vermessen. Also, Höhen zu bestimmen, Täler, Flussläufe und so weiter kartografisch festzuhalten", sagte Tom Dauer, Autor mehrerer Bücher zum Thema Alpinisums und Abenteuer, in einem Radiointerview über den Leutnant Naus, der als erster namentlich bekannter Besteiger von Deutschlands höch­stem Berg in die Annalen eingehen sollte.

Warum Naus den Aufstieg überhaupt wagte, ist unbekannt. Die Zugspitze galt seit alters her als unbesteigbar. Es hieß, dass dort böse Geister ihr Unwesen trieben. Vielleicht war es Übermut, vielleicht wollte sich Naus auch gegenüber seinen Vorgesetzten profilieren. Jedenfalls machte er sich vermutlich auf eigene Faust auf den Weg zum Gipfel.

Kameraden machten kehrt

"Am 27. August früh 4 Uhr wurde von der verwünschten Flohhütte aufgebrochen und über das Platt und den Schneeferner bis an die Grenze hinter dem Zugspitz vorgedrungen; hier wurde der erste Versuch gemacht, den Zugspitz zu besteigen, der aber misslang. Hauptmann von Jeetze und Lieutenant Anlitschek traten alsdann den Rückweg an, ich aber wagte einen abermaligen Versuch, der endlich nach mehrfachen Lebensgefahren gelang. Um dreiviertel 12 erreichten wir – ich, mein Bedienter und unser Führer Deuschl – die höchste Spitze des noch von keinem Menschen bestiegenen, so verschrieenen Zugspitzes."

Es fing an, zu schneien, ein Gewitter zog auf, und so machten die Männer schnell wieder kehrt.

"Kaum zehn bis zwölf Schritte von der Spitze entfernt betäubten uns ein Blitz und ein zur gleichen Zeit erfolgter Donnerschlag derart, dass wir glaubten, alle Berge müssten zusammenstürzen."

Am Ende galt es noch, einen tiefen Spalt zu überqueren, über den nur eine dünne Schneebrücke führte. Aber alles ging gut.

"Um 3 Uhr traf ich meine Freunde und Reisegefährten am Anger im Flohhüttchen wieder."

Es war der 28. August 1820: Josef Naus war wohlbehalten ins Reintal zurückgekehrt, nachdem er am Tag zuvor den 2.964 Meter hohen Westgipfel der Zugspitze bestiegen hatte.

Eine lange Reihe von Gipfelstürmern

Aber war er wirklich als Erster auf dem Gipfel gewesen? Auf einer Landkarte aus dem 18. Jahrhundert, die 2006 wiederentdeckt wurde, ist ein Steig bis zum Gipfel eingezeichnet, den Jäger oder Hirten schon lange vor ihm benutzt haben könnten.

"Ich kann natürlich überhaupt nicht sagen, wie häufig das der Fall war, ob einmal im Jahr, zweimal oder nur alle zehn Jahre. Aber auf jeden Fall war dieses Wissen da", sagte Friederike Kaiser vom Deut­schen Alpenverein anlässlich des Kartenfunds.

Wie dem auch sei - NACH Josef Naus, der später zum Oberleut­nant und Generalmajor befördert wurde, ließen weitere Gipfelstürmer nicht lange auf sich warten. Den Anfang machten 1823 ein Maurermeister aus Partenkirchen, und der "Schaf-Toni", ein Hirte aus dem Reintal.

1851 wurde auf dem Westgipfel ein Kreuz angebracht. Danach wurde die Zugspitze immer populärer. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie schon 1.600 Mal bestiegen worden. Heute geht es dort mitunter zu wie im Taubenschlag. Mit Seil- und Zahnradbahnen werden jedes Jahr mehr als eine halbe Million Menschen auf den Gipfel befördert.

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