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StartseiteHintergrundDie Wiedervereinigung im Kleinen17.06.2018

Vor 25 Jahren: Gründung von DeutschlandradioDie Wiedervereinigung im Kleinen

Am 17. Juni 1993 unterzeichneten die Ministerpräsidenten den Staatsvertrag zur Gründung von Deutschlandradio. Der Sender sollte die Integration sowie das Zusammenwachsen von Ost und West fördern und zwei bundesweite Programme veranstalten. Sendestart war am 1. Januar 1994.

Von Bettina Schmieding

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Deutschlandradio am Hans-Rosenthal-Platz (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
RIAS-Haus des Deutschlandradios (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
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"Wir haben hier das interessante Experiment, dass im Deutschlandradio zum ersten Mal wirklich journalistische Mannschaften aus Ost und West zusammentreffen und nun gemeinsam miteinander Programm machen müssen. Hier wird sich zeigen, ob die Barrieren in den Köpfen auch wirklich überwunden werden können."

Lothar Löwe, Beauftragter der ARD für den Radiosender DS Kultur, spricht vom Projekt Nationaler Hörfunk. Wir schreiben das Jahr 1993, die allerletzten Sendungen von RIAS und DS Kultur laufen gerade. In wenigen Minuten werden die beiden Radioprogramme abgeschaltet, um Mitternacht soll das Deutschlandradio starten. Monika Künzel, damals Chefredakteurin von DS Kultur, verabschiedet sich an diesem Silvesterabend, und erinnert – hörbar bewegt – an die erste Zeit im neuen, wiedervereinigten Deutschland und in ihrem jungen Programm:

"Es war eine Stunde der Anarchie, unter deren Deckmantel sich Gutes und Schlechtes verbarg und die Extreme in beide Richtungen ermutigte. Eine Stunde der Freiheit, des Freiheitsrausches, der ersten Reisen und der ersten frischen Tomaten im Winter, die Zeit der toten Trabbis am Straßenrand."

Gleichzeitig, im Berliner Westen, sitzt die Mannschaft von RIAS 1 und arbeitet sich durch die letzten Sendeminuten.

"RIAS Berlin stellt nach fast 48 Jahren um Mitternacht seine Tätigkeit ein. An seine Stelle tritt das Deutschlandradio mit jeweils einem Programm aus Berlin und Köln. Das Wetter: Temperatur in Berlin sechs Grad…"

Zu Ende ging ein mehrere Jahre dauernder Prozess

Information, das Kerngeschäft des RIAS, daran wollte man auch kurz vor Schluss festhalten. Schließlich war – jenseits der eigenen Betroffenheit – die Nachricht, dass es bald das neue Deutschlandradio mit zwei Programmen geben würde, eben auch bloß eine Nachricht.

Zu Ende ging an diesem Silvesterabend ein mehrere Jahre dauernder Prozess. Was sollte nach der Wende aus dem Rundfunk der DDR werden? Was sollte aus den beiden westdeutschen Sendern Deutschlandfunk und RIAS werden?

"Der Bund, darauf hat der Bundeskanzler heute Morgen um acht beim Frühstück hingewiesen, ist Eigentümer dieser Anstalten und gedenkt, sein Eigentum in den Verhandlungen auch wahrzunehmen. Ob zu verteidigen, wird man sehen."

Der Bundeskanzler hieß damals Helmut Kohl. Dass Gerhard Schröder einmal sein Nachfolger werden würde, war 1991 noch längst nicht ausgemachte Sache. Schröder trat im Juli als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz vor die Presse. Die Länderchefs hatten zuvor über die Neuordnung des deutschen Rundfunkwesens mit Helmut Kohl verhandelt. Es sollte aber noch zwei Jahre, bis zum 17. Juni 1993, dauern, bis die Ministerpräsidenten den Staatsvertrag zur Gründung von Deutschlandradio unterzeichneten.

Das Gelände des ehemaligen Rundfunks der DDR in der Nalepastraße in Berlin - aufgenommen 2006.  (picture-alliance/ ZB / Soeren Stache)Das Gelände des ehemaligen Rundfunks der DDR in der Nalepastraße in Berlin - aufgenommen 2006. (picture-alliance/ ZB / Soeren Stache)
DS Kultur war das jüngste Mitglied der Rundfunkfamilie in Gründung. Ein Kind der Bürgerrechtsbewegung des Runden Tisches, entstanden aus dem Kulturkanal Radio DDR II und dem Deutschlandsender, seit dem 16. Juni 1990 in der Ostberliner Nalepastraße auf Sendung. Ein Vollprogramm mit kulturellem Schwerpunkt. "Europäisch, klassisch, kontrovers" wollte DS Kultur sein, erinnert sich die damalige Chefredakteurin Monika Künzel.

"Es war ein großes Glück, dass sich die Welt plötzlich auch für uns als Journalisten weitete. Wir hatten nicht mehr die gleichgeschalteten Tageszeitungen, sondern "Stern" und "Spiegel" und die "Süddeutsche" und die "FAZ". Man konnte und musste reisen, um sich dieser Welt anzunähern, und das war ganz sicher auch eine ganz große Aufbruchssituation, die uns sehr motiviert hat."

"Kontrovers zum Thema: Religionskonflikte und Ausländerpolitik, eine Herausforderung für Europa…" Die Reihe "Kontrovers", Anfang der 1990er-Jahre täglich bei DS Kultur auf Sendung. Das Thema ließe sich problemlos auch 25 Jahre nach dem Ende von DS Kultur gleich morgen neu diskutieren. Die Sendereihe gibt es immer noch, montagsmorgens zu hören im Deutschlandfunk. Streiten, diskutieren, mal nicht einer Meinung sein zu müssen, die neue Freiheit der Journalisten im Funkhaus in der Nalepastraße. Für Jörg Degenhardt, damals DS Kultur, heute Deutschlandfunk Kultur, ein wunderbares Machtvakuum.

Die Zeiten waren spannend

"Die alten Verantwortlichen waren weg, die Neuen waren noch nicht da. Und in der Nalepastraße war mehr oder wenig alles möglich. Das war die spannendste Zeit in meinem Journalistenleben, weil man endlich auch einmal das machen konnte, was die Hörer von einem erwartet haben, nämlich das man das beschreibt und das berichtet, was wirklich in der Welt passiert und ihnen nicht irgendetwas vormacht."

Aber auch für Rundfunkhistoriker war die Zeit nach der Wende spannend. Eine Fusion von drei öffentlich-rechtlichen Sendern hatte es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Dr. Christoph Classen arbeitet am Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam.

"Ursprünglich war es eben so, dass man gesagt hat: RIAS, Deutschlandfunk, daraus soll der nationale Hörfunk werden. Und dann hat man gemerkt: Moment mal, so ganz ohne Ostdeutschland geht es ja vielleicht doch nicht. Und dann gab es eben diesen jungen Reformsender im DDR-Rundfunk…."

Jingle: "Deutschlandradio Berlin." "Das will ich hören." "Ab Januar auf den Frequenzen von RIAS Berlin und DS Kultur."

"In einem Neuanfang wie diesem liegt eine ungeheure Chance. Ich habe es als berufliches Geschenk betrachtet, dazu aufgefordert zu werden, ein solches Kultur- und Informationsprogramm, mit einer solchen Programmbeschreibung im Staatsvertrag, aufbauen zu dürfen."

Willi Steul, später Deutschlandradio-Intendant, übernahm 1994 den Posten des Chefredakteurs von Deutschlandradio Berlin in Schöneberg.

Auf dem Dach des Rundfunkhauses in Berlin-Schöneberg ist das Logo des Senders "RIAS" (Rundfunk im amerikanischen Sektor) angebracht. Der Sender ist inzwischen im "Deutschland Radio" aufgegangen. (dpa)Das Rundfunk-Emblem des RIAS (dpa)
Der "Rundfunk im amerikanischen Sektor", abgekürzt "RIAS", war ein Jahr nach Kriegsende zunächst als DIAS, als "Drahtfunk im Amerikanischen Sektor" von der US-Militärverwaltung gegründet worden. Helmut Drück war der letzte RIAS-Intendant:

"Der RIAS war der Erste, der sich um Informationen für die Menschen hier interessierte. Gerade im journalistischen Bereich, da gab es unendlich viele Leute, die nicht nur Fachleute waren für alles, was sich östlich des Eisernen Vorhangs abspielte. Sondern die auch sehr persönlich betroffen waren, weil sie Flüchtlinge waren, weil sie Verfolgung erlitten hatten."

Als die Mauer fiel, fiel auch der Sendeauftrag

Die Idee der Amerikaner: der sowjetischen Propaganda im Berliner Rundfunk etwas entgegenzusetzen.

"Sie hörten unsere Sendung ‚Musik kennt keine Grenze, Melodien und Grüße für Hörer in Ost und West´."

Jingle: "Hier ist RIAS Berlin– eine freie Stimme der freien Welt."

Die Welt befand sich im Kalten Krieg, man setzte auf Propaganda. Mikrofone waren die Waffen der Wahl. Der RIAS werde von der CIA gelenkt und sei deswegen das Agitationsinstrument des politischen Gegners, so die Sprachregelung des Regimes in Ostdeutschland. Und die DDR ließ nichts unversucht, den Empfang des Senders mit technischen Mitteln zu stören:

"Hier ist RIAS Berlin, eine freie Stimme der freien Welt."

"Die vom Ulbricht-Regime auf Aufforderung der Warschauer-Pakt-Staaten verfügten und eingeleiteten Maßnahmen zur Abriegelung der Sowjetzone und des Sowjetsektors von West-Berlin sind ein empörendes Unrecht."

Der 13. August 1961 gilt als Tag des Mauerbaus. An diesem Tag wurde die Sektorengrenze endgültig abgeriegelt. Die Berliner saßen vor den Radiogeräten, als der RIAS-Reporter einen Passanten befragte, der nur mit Mühe die Fassung bewahren konnte.

"Potsdamer Platz. Auch hier wieder das gleiche Bild in Richtung Leipziger Straße Stacheldraht. Die Ebertstraße durchzieht ein tiefer Graben, der ausgehoben wurde. Hier sind starke Einheiten eingesetzt." "Mein Eindruck ist, dass man nun unbedingt durch den Stacheldraht den Letzten davon abhalten will aus der Zone beziehungsweise aus Ost-Berlin die Flucht zu ergreifen. Und darüber hinaus auch uns hier provozieren will."

Der Deutschlandfunk ging – sechs Monate nach dem Bau der Mauer – per Bundesgesetz auf Sendung, mit dem Auftrag ein "umfassendes Bild Deutschlands zu vermitteln". Ein Sender, der im föderalen System der Bundesrepublik, in dem Rundfunk Kultur und Kultur immer Ländersache ist, eigentlich gar nicht vorgesehen war. Bei der Gründung des Deutschlandfunks hatte man 1962 eine Ausnahme gemacht, weil er im Sinne des Grundgesetzes im Auftrag der Wiedervereinigung auch für die DDR-Bürger sendete.

Als die Mauer fiel, fiel auch der Sendeauftrag. Und das galt auch für den RIAS. Der war als Rundfunk im amerikanischen Sektor, auf einmal ohne amerikanischen Sektor. Die Verhandler der Deutschen Einheit schrieben in den Einigungsvertrag, dass die Neuordnung der deutschen Rundfunklandschaft bis zum 1. Januar 1992 stehen solle. Für Rundfunkhistoriker Christoph Classen ein ambitionierter Plan:

"Die Leute, die beim DDR-Rundfunk waren, die wollten am liebsten den DDR-Rundfunk als Ganzes erhalten. Das wollte die Bundesregierung auf gar keinen Fall. Die haben das so als SED-Propagandainstitution gesehen, die sie auf jeden Fall abgewickelt haben wollten. Das ZDF hätte sehr gerne endlich Hörfunk gehabt. Die ARD hat gesagt, wieso, wir sind doch eigentlich schon der nationale Hörfunkanbieter. Und die Ministerpräsidenten der Länder hatten vor allen Dingen das Interesse – wie immer – politischen Einfluss auf die Medien zu nehmen – und wünschten sich deshalb Landessender."

Stasi-Informant als Kollege

Zur Disposition standen die Reste des Rundfunks der DDR, der RIAS und der Deutschlandfunk. Und in den Sendern Journalistinnen und Journalisten, die sich im Kalten Krieg die kalte Schulter gezeigt und sich gegenseitig der Agitation bezichtigt hatten. In der wiedervereinigten Bundesrepublik gab es Stimmen, die gar die Abschaltung von RIAS und DLF forderten, sagt der Rundfunkhistoriker Christoph Classen. Aber:

"Im Falle des RIAS hat wohl eine Rolle gespielt, dass man die Amerikaner nicht verprellen wollte. Die Amerikaner hatten gerade die Wiedervereinigung möglich gemacht. Und der Deutschlandfunk hatte damals einen Intendanten, der sehr gut vernetzt war in der damaligen Regierung. Und der hat sehr erfolgreich Lobbyarbeit dafür geleistet, dass der Deutschlandfunk bestehen bleiben konnte."

"Das war der Tag, Journal vor Mitternacht. Am Mikrofon Gerhart Fleischle. Die Schatten der Staatssicherheit reichen möglicherweise weiter, als es bisher den Anschein hatte…."

Gerhart Fleischle war im Juni 1993, als die Ministerpräsidenten den Gründungsstaatsvertrag für den Nationalen Hörfunk unterschrieben, noch Redaktionsleiter Politik und Moderator der Spätsendung im Programm des Deutschlandfunks. Der Journalist sollte nur wenige Monate später als langjähriger Stasi-Informant enttarnt werden. Frank Capellan war Anfang der 1990er-Jahre Volontär beim Deutschlandfunk, als die Staatssicherheit auf einmal auch bei Westmedien Thema wurde.

"Das waren Momente, wo viele im Haus ziemlich geschockt waren darüber. Natürlich wusste jedermann, dass das Programm des Deutschlandfunks unter Beobachtung stand. Aber das ganz aktiv – soweit wir wissen – zwei Leute eingeschleust worden waren in diesen Sender, das hatte wohl kaum jemand für möglich gehalten."

Dr. Monika Künzel, Redaktion Lange Nacht, bei der Veranstaltung im Centre Marc Bloch in Deutschland; Berlin; Lange Nacht - Marx aus Frankreich (Deutschlandradio/ Christian Kruppa)Monika Künzel ist heute für die Sendereihe "Lange Nacht" zuständig, die im Berliner und im Kölner Programm läuft (Deutschlandradio/ Christian Kruppa)
Bei DS Kultur hatte die Mannschaft schon mehrere Stasiüberprüfungen hinter sich, während sich der Deutschlandfunk noch vom Schock der Enttarnung des Kollegen Gerhart Fleischle erholte. In der Nalepastraße waren noch 140 Mitarbeiter übriggeblieben, mit Monika Künzel an der Spitze. Warum gerade sie Chefredakteurin von DS Kultur wurde, beantwortet sie heute mit einem Schmunzeln.

"Warum ich? Ich glaube bis heute, dass das eine gute Entscheidung war. Damals wusste ich das nicht. Ich war Anfang 30. Ich war jung, unbelastet und man hat mir doch eine gewisse Kompetenz zugeschrieben. Und das gab den Ausschlag."

"Im RIAS gab es eine tiefe Spaltung. Es gab eben die Leute, die mit den Kollegen aus dem Osten nichts zu tun haben wollten, und die schließlich verloren haben. Und dann gab es eine Gruppe, die viel Angst hatte: Da kommen die aus dem Osten, die überrollen uns doch. Und dann gab es die Gruppe, die sehr schnell gesagt hat: Das ist unheimlich spannend, was Neues auf die Beine zu stellen, raus aus dem Mief Westberlins zu kommen als RIAS-Redakteur und ein bundesweites Programm zu machen."

Ulf Dammann war seit 1990 als Redakteur beim RIAS, einem Programm, zu dem die Hörer immer eine sehr emotionale Bindung hatten. Mit dem RIAS waren sie durch dick und dünn gegangen, hatten den Nachkriegshunger, die Berlin-Blockade, die Teilung ihrer Stadt, die Verinselung und eine Existenz als Zankapfel geostrategischer Weltordnung überstanden. Das alles war nun Geschichte. Und jetzt sollte auch der Herzens-Hörfunk der Berliner Geschichte werden.

Das Deutschlandradio war ein Kompromiss

In der Nalepastraße im Berliner Osten, wo das Funkhaus des jungen Senders DS Kultur stand, hatten die Mitarbeiter gerade erst begonnen, ihre neue journalistische Freiheit auszukosten, erinnert sich Astrid Kuhlmey, die vorher beim Berliner Rundfunk war.  

"Das waren Wunder, die da passierten. Man stellte sich auf den Flur, entwickelte eine Sendung. Und drei Wochen später lief die."

Kurz vor knapp, Ende 1993, nur zwei Tage vor Weihnachten, ratifizierte in Thüringen das letzte Landesparlament den Deutschlandradio-Staatsvertrag. RIAS, DS Kultur und der Deutschlandfunk wurden zum neuen nationalen Hörfunk vereint. Von ursprünglich einmal knapp 1.800 Mitarbeitern sollten am Ende 710 übrig bleiben. Eine RIAS-Welle war privatisiert worden, RIAS TV und die Europaredaktionen des Deutschlandfunks gingen zur Deutschen Welle.

Das Deutschlandradio war ein Kompromiss, was man an seiner Rechtsform erkennen kann. Es entstand eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, ARD, ZDF und die Bundesländer sind ihre Träger. Der Auftrag lautete, zwei bundesweite Programme zu veranstalten. Die Integration, das Zusammenwachsen von Ost und West zu fördern, wurde dem Sender ins Aufgabenheft geschrieben. Und am 1.1.1994 um Mitternacht ging es los.

"Es ist null Uhr, 1. Januar 1994. Wir wünschen allen unseren Hörerinnen und Hörern ein frohes, friedliches und gesundes Neues Jahr."

Um 0 Uhr schlug die Geburtsstunde des neuen, nationalen Hörfunks. Aus drei mach zwei. Der Deutschlandfunk sollte weitgehend unverändert und unter Beibehaltung seines Namens ein Programm aus Köln machen. DS Kultur und RIAS gingen auf in das neue Programm aus dem RIAS-Funkhaus namens Deutschlandradio Berlin. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Berlin unter dem Dach des Deutschlandradio also. Mmh. So richtig geländegängig war das nicht. Und es klang auch noch nicht so.

"Mit der Liberty Fanfare von John Williams ist das Programm des Deutschlandradio Berlin eröffnet. Deutschlandradio Berlin begrüßt Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, ganz herzlich in diesem vierten Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer und in einer Zeit des weltweiten Umbruchs und Ideologiensterbens mit einem neuen Sendeauftrag…."

Im neuen Programm lief zwölf Stunden RIAS 1 und in den anderen zwölf Stunden des Tages DS Kultur. Die Hörer fanden das so schwierig, dass sie sich in Scharen verabschiedeten und lieber andere Sender hörten. Claus Bredel, ehemaliger RIAS-Redakteur, hat sich darüber nicht gewundert.

"Ich reime mir das so zusammen, dass die Führungsetage jetzt in diesem Fall von DS Kultur sagte, wir wollen unser Programm weitermachen. Und die Führungsetage vom RIAS sagte, wir wollen unser Programm weitermachen. Kompromiss: halbe halbe. Das ist für uns alle in gewisser Weise tödlich gewesen, weil eingefleischte RIAS-Hörer wollten da keine Leute aus dem Osten hören und eingefleischte DS Kultur-Hörer, das darf man auch nicht vergessen, die wollten alles, nur nicht den RIAS hören."

Der Anfang war schwierig

Deutschlandradio-Gründungsintendant wurde der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte. Im April übernahm Ernst Elitz. Das Berliner Programm wurde im Laufe des ersten Sendejahres überarbeitet und die Zweiteilung aufgegeben. Ernst Elitz definierte das journalistische Selbstverständnis der beiden Programme aus Berlin und Köln so:

"Wir sprechen ein Publikum an, was ein besonderes politisches und kulturelles Interesse hat und deshalb bedarf es auch eines Mediums, vergleichen wir es mal mit einer überregionalen Zeitung, die das Interessante, das Wichtigste, aus allen deutschen Regionen, Hörerinnen und Hörern überall in Deutschland zur Kenntnis bringt."

Doch der Anfang war schwierig. Es sollte zusammenwachsen, was zusammengehörte, aber zunächst nicht zusammenwachsen wollte. Zumindest galt das für manche der neuen Kollegen, erinnert sich Astrid Kuhlmey.

"Wir hatten erste Sitzungen. Und da haben einige Kollegen gesagt: Wir treffen uns meinetwegen in Raum 217. Jetzt hat dieses Haus zweimal den Raum 217. Und wir kleinen dummen Ossis sind rumgerannt und haben es nie gefunden. Wieso war der denn nicht bei der Sitzung, wir haben uns doch über das neue Programm Gedanken gemacht? Aber ich finde das alles im Abstand vielleicht normal. Damals war es traurig. Und ich muss auch gestehen, ich habe im ersten Jahr manches Mal geheult und habe gedacht, mein Weg geht zum Arbeitsamt."

Altes Deutsche Welle Gebäude in Köln mit Deutschlandfunk im Vordergrund (imago)Das Gebäude des Deutschlandfunks in Köln, im Hintergrund ist das alte Deutsche Welle-Gebäude zu sehen (imago)
25 Jahre nach dieser Wiedervereinigung im Kleinen besteht der nationale Hörfunk heute aus drei Programmen: Dazu gehört der Deutschlandfunk, den Sie gerade hören. Aus Deutschlandradio Berlin wurde im letzten Jahr Deutschlandfunk Kultur. Und es gibt die junge Welle namens Deutschlandfunk Nova. Viele von damals sind in Rente, Monika Künzel ist heute für die Sendereihe "Lange Nacht" zuständig, die im Berliner und im Kölner Programm läuft. Funktioniert die Wiedervereinigung im Kleinen?

"Ich bin sicher, dass das sogar beim Nationalen Hörfunk besser gelungen ist, als in manch anderen Teilen der Gesellschaft, weil eben diese ganz persönlichen Erfahrungen, die die Mitarbeiter gemacht haben und auch in ihren Redaktionsgesprächen mit den anderen machen, dass das wichtig war, diese Auseinandersetzung. Und die Probleme abzubilden."

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