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StartseiteKalenderblattNashorn "Clara" in Versailles20.01.2019

Vor 270 Jahren Nashorn "Clara" in Versailles

17 Jahre lang ist der Holländer Douwe Mout van der Meer mit "Clara", dem zahmen weiblichen Panzernashorn, das er 1741 aus Indien nach Rotterdam gebracht hatte, kreuz und quer durch Europa getourt. Auch vor Königen wurde es präsentiert. Es wurde zum Archetyp eines Rhinozeros.

Von Irene Meichsner

Das Bild "Das Rhinoceros Miss Clara" (1748) von Johann Elias Ridinger wird auf einer Ausstellung in Washington gezeigt. (imago / UPI Photo / Andrew Robison)
Das Bild "Das Rhinoceros Miss Clara" (1748) von Johann Elias Ridinger wird auf einer Ausstellung in Washington gezeigt. (imago / UPI Photo / Andrew Robison)
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"Dieses Wunder-Thier ist dunckel-braun, hat keine Haare gleichwie der Elephant, doch an den Ohren, und am Ende von dem Schwatz seynd einige Härlein; auf der Nase hat es sein Horn, womit es die Erde viel geschwinder kann umgraben, als niemahls ein Bauer mit dem Pflug thut."

17 Jahre lang ist Douwe Mout van der Meer mit "Clara", seinem indischen Panzernashorn, kreuz und quer durch Europa getourt. Als junger Kapitän der Niederländischen Ostindien-Kompanie hatte er das Tier 1741 in Kalkutta gekauft, wo es wie ein "Haustier" aufgezogen worden war.

"Es ist zahm wie ein Lamm, dieweil dasselbe 1 Monat alt gewesen ist, wie es mit Stricken gefangen, als zuvor die Mutter von diesem Thier von den schwartzen Indianern mit Pfeilen todt geschossen worden", hieß es in einem der Flugblätter, die van der Meer drucken ließ, um Kunden anzulocken. Gegen Entgelt durften Sie einen Blick auf das imposante Geschöpf werfen.

Zwölf Golddukaten von Friedrich dem Großen

"Es ist sicherlich eine Sensation in dieser Zeit gewesen. Nie zuvor hatte jemand so ein mystisches, gewaltiges Tier gesehen", erklärt die Kunsthistorikerin Hela Baudis. 

"Es hat 20 Brote gefressen am Tag. Es hat also enorme Liter an Wasser gebraucht, und es wird berichtet, dass, wenn dem Kapitän mal das Wasser ausgegangen ist, er das Tier auch mit Bier vom Durst befreit hat. Und auch der Tabakrauch soll dem Tier ganz angenehm gewesen sein." 

Dank "Clara" wurde van der Meer ein reicher und berühmter Mann. In Berlin gab ihm Friedrich der Große vor aller Augen zwölf Golddukaten. In Wien erwies Kaiserin Maria Theresia dem Nashorn ihre Reverenz. Und im Januar 1749 hatte "Clara" dann ihren großen Auftritt im Schlosspark von Versailles, dieses Mal allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch bald hatte sich herumgesprochen, dass Frankreichs König Ludwig XV. mit dem Gedanken spielte, das Rhinozeros in seine höfische Menagerie aufzunehmen. 

"Und die Hauptattraktion der Menagerie von Versailles zu werden, war mit Sicherheit nicht das schlimmste Schicksal, das ein exotisches Tier in Nordeuropa treffen konnte", schreibt die britische Historikerin Glynis Ridley in ihrem Buch über "Claras Grand Tour". Van der Meer wusste, dass der Besitz exotischer Tiere damals auch politische Macht demonstrierte – und setzte alles auf eine Karte.

"Er bot (...) dem König das Rhinozeros für 100.000 Écu zum Kauf an – eine gewaltige Summe, die etwa dem dreifachen Jahreseinkommen des Königs entsprach." 

Attraktion auf dem Jahrmarkt in Paris

Ludwig XV. war empört über die Dreistigkeit, eine so horrende Summe zu fordern. Und so zog van der Meer wieder von dannen. Wenig später war Clara DIE Attraktion auf dem großen Jahrmarkt im Pariser Stadtteil Saint-Germain.

"Ganz Paris, so leicht berauscht von kleinen Dingen, ist nun gefesselt von einem Tier genannt Rhinozeros", schrieb der deutsche Schriftsteller Friedrich Melchior Grimm in einem Brief an den Philosophen Denis Diderot. Histo­riker sprechen von einer regelrechten Rhino- oder Clara-mania, die Paris erfasste. Für jeden Geschmack und Geldbeutel gab es Rhino­zeros-Accessoires – von Perücken "à la rhinocéros" bis hin zu teuren Uhren, die auf dem Rücken eines Nashorns thronten. Diverse Naturforscher nutzten die Gelegenheit, um das Tier aufs Genaueste zu inspizieren. 

"Seine Zunge ist keinesfalls rau, ..., im Gegenteil sie ist so weich, dass man glaubt, mit der Hand über Samt zu streichen", hieß es in einer an der Sorbonne eilig angefertigten Broschüre über das Nashorn im Allgemeinen – und "Clara" im Besonderen. Jean-Baptiste Oudry, Hofmaler Ludwigs XV., fertigte Skizzen für ein Ölgemälde an. Es zeigt "Clara" in Lebensgröße, mit einer imaginären Landschaft im Hintergrund. 

"Drei Meter 50 hoch und fast fünf Meter breit – und schon die schiere Größe ist natürlich überwältigend", sagt Gero Seelig vom Staatlichen Museum in Schwerin, wo dieses Bild heute hängt. Es gilt als Paradebeispiel für Oudrys Kunst, die besondere Aura von Tieren einzufangen, ohne sie zur bloßen Spezies verkommen zu lassen. Oudrys Gemälde diente unter anderem als Vorlage für einen Stich von "Clara", den der Comte de Buffon für seine monumentale Naturgeschichte anfertigen ließ. Auch in die "Encyclopédie" von Diderot und D'Alembert hat "Clara" Einzug gehalten – und damit als Archetyp eines Nashorns Unsterblichkeit erlangt.

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