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StartseiteKalenderblattWeißes Gold aus der Wiener Porzellanmanufaktur25.05.2018

Vor 300 JahrenWeißes Gold aus der Wiener Porzellanmanufaktur

Um das Jahr 1700 herum behauptete der Alchimist Johann Friedrich Böttger, er könne Gold machen. Dummerweise nahm ihn der sächsische Kurfürst August der Starke beim Wort und in Haft. Da schmorte Böttger, bis er wenigstens auf das Geheimnis der Porzellanherstellung stieß. Vor 300 Jahren wurde die Wiener Porzellanmanufaktur gegründet.

Von Beatrix Novy

Wien 26 01 2006 - MOZART - Mozarthaus Vienna Eröffnung - Freimaurer - Wiener Porzellanmanufaktur 1755 - Figur 14,5 cm - Vienna 26 01 2006 Mozart Mozart\u0026#39;s House Vienna Opening Freemasons Wiener Porcelain Manufactory 1755 Figure 14 5 CM (imago)
Seit 300 Jahren fertigt die Wiener Porzellanmanufaktur Stücke wie diese an (imago)
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Porzellan Vom Weißen Gold zur Massenware

"Ich tät gewiss die größte Sünde an mir selbst, wenn mir Gott ein Glück zeugte und ich solches freventlich von mir stieße."

Was Samuel Stöltzel vorhatte, musste er seinem besorgten Vater schonend beibringen. Schließlich war es einer Fachkraft wie ihm bei Strafe verboten, die frisch gegründete erste europäische Porzellanmanufaktur in Meissen zu verlassen und woanders  anzuheuern. Doch der Geschäftsmann Du Paquier aus Wien hatte Stöltzel ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte: 2000 Gulden und eine eigene Kutsche, wenn er nach Wien käme, um dort an der Herstellung von Porzellan mitzuarbeiten - Geheimwissen, das der sächsische Kurfürst August der Starke eifersüchtig hütete. Sein Alchimist Johann Friedrich Böttger, dem die Rezeptur gelang, war bis zur Gründung der Meissener Manufaktur im Jahr 1710 Staatsgefangener gewesen. Derart rauhen Sitten entsprachen Du Paquiers Abwerbemethoden durchaus - Wirtschaftskriminalität unter feudalen Vorzeichen. Daniel Bauer von der Wiener Porzellanmanufaktur Augarten:  

"Die haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, diese Arkanisten, die dieses Porzellangeheimnis in sich getragen haben, die sind geflohen, dem Geld hinterher."

Die Obrigkeit war einverstanden: Im Mai 1718 hatte Du Paquier von Kaiser Karl VI. ein  "Special Privilegium" für die Porzellanherstellung erhalten. Im Sinne des Merkantilismus wollte die Krone den Import begrenzen und förderte eigene Produktionsstätten.

"Wohl eingerichtete Fabricken sind ... einem Staat in allem Betracht nützlich, besonders eine Porcellainfabrick, wird eine Zierde desselben, und gereicht ihm beim Auslande zur Ehre."

"Nicht schicklich, von Porzellan zu speisen"

Aber wie kam man an so eine wohl eingerichtete Fabrik?

"Wie wird der Ofen richtig konstruiert, wie stelle ich Porzellanmasse her, wie komme ich an die Rohmaterialien zur Herstellung, wie lerne ich Maler an, das war alles im Anfangsstadium."

Unter derart komplexen Umständen konnte Du Paquier nicht halten, was er seinen Arbeitern versprochen hatte. Das führte zu Randale. Und der Markt spielte auch nicht mit. Porzellan war teuer. Aber, sagt Augarten-Mitarbeiter Christoph Simon  

"Es war überhaupt nicht schicklich, von Porzellan zu speisen, sie haben das als sehr minderwertig empfunden, in besseren Kreisen hat man von Silber gegessen in allerhöchsten Kreisen von goldenen Tellern."

Einen ersten Porzellan-Erfolg verschaffte die ausgeprägte Dessertkultur am Wiener Hof: Zu ihr gehörten prachtvoll dekorierte Tafelaufsätze

"Kaiserin Maria Theresia hat davor Figuren zur Dekoration verwendet, die aus Zucker gemeißelt oder aus Dragant, eine Art Fett modelliert waren. Das war sehr kostspielig, weil sie nicht öfter verwendet werden konnten."

Während Porzellan bekanntlich so lange hält, bis jemand es fallen lässt. Für den Durchbruch sorgte schließlich Maria Theresia, die darauf bestand, wenigstens ihren Nachtisch von Porzellantellern zu essen.

Ausdruck eines neuen Lebensgefühls

Die Konkurrenz zwischen den Pionieren Meissen und Wien wurde bald friedlich, die Kunst des Porzellans gedieh zum Ausdruck eines neuen Lebensgefühls entfalteter Phantasie. Ein Kunsthistoriker der 20er Jahre pries diese Epoche:

"Jetzt, in dieser ungemein gefügigen Substanz, konnte sich alle zurückgedrängte Delicatesse, alles musikalische Feingefühl und die zarteste Farbenharmonie verlebendigen."

Terrinen mit chinesisch anmutender Bemalung von fantastischer Farbgenauigkeit, Figuren und Figurengruppen, Becher, Kannen, Vasen, Leuchter in geradezu unerhörten Formen, sogar ein ansprechendes transportables Bedürfnistöpfchen für Damen - keine Herausforderung war zu groß für den ohnehin mühevollen Herstellungsprozess: Modellieren, Ausgießen, Brennen, Glätten, Bemalen von mitunter Dutzenden Einzelteilen einer Figur.

1864 wurde die staatliche Manufaktur geschlossen, aber 1924 wieder eröffnet, im Augarten, einem Park im 2. Bezirk Wiens. Hier wird noch immer bei knapp 1400 Grad gebrannt, werden Modelle geschnitzt, bemalen Künstler mit feinsten Pinseln - vom sibirischen Eichhörnchen! - die glänzenden Oberflächen, werden zeitgemäße Formen gesucht. Die Kunden aus Adel oder Großbürgertum ersetzt heute das globale touristische Publikum.

"Vor drei Wochen hatten wir eine Anfrage von einer russischen Kundin, die auf der ganzen Welt Tassen mit Füßchen zusammenträgt."

Kein Problem. Der Jugendstilkünstler Josef Hoffmann hatte seinerzeit gegen einigen Widerstand eine Produktion von Tassen mit Füßchen durchgesetzt. Damals währte ihr Erfolg nicht lang.

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