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StartseiteKalenderblattLondon flieht vor der "Großen Pest"19.07.2015

Vor 350 JahrenLondon flieht vor der "Großen Pest"

Ebola hat wieder gezeigt, wie hilflos Menschen einer tödlichen Seuche ausgeliefert sind, wenn die Medizin kein Gegenmittel kennt. Gegen die Pest, die jahrhundertelang in Europa wütete, half nur Flucht. Vor 350 Jahren flohen die Bürger von London vor der "Großen Pest". Auf dem Lande, wohin viele sich retten wollten, waren se aber nicht willkommen.

Von Ulrike Rückert

Eine Pestarzt-Maske, wie sie einst zum Schutz gegen die Seuche getragen wurde. (dpa/lhe/Uwe Zucchi)
Eine Pestarzt-Maske, wie sie einst zum Schutz gegen die Seuche getragen wurde. (dpa/lhe/Uwe Zucchi)

"Also zum 'Cross Keys' am Cripplegate, wo ich fast die ganze Stadt auf den Beinen finde, Kutschen und Wagen voller Menschen, die aufs Land wollen."

Was Samuel Pepys Ende Juni 1665 in London beobachtete und in seinem Tagebuch festhielt, war der Beginn eines Exodus, der viele Wochen andauerte. Aristokratische Karossen mit Insassen in Samt und Seide, überfüllte Mietkutschen und hochbeladene Fuhrwerke verstopften die Gassen, stauten sich an den sieben Stadttoren und auf der einzigen Themsebrücke, Reiter drängten Fußgänger mit großen Bündeln beiseite, Peitschen knallten, Kinder schrien. Auf der Themse ruderte eine Armee von Bootsleuten Tausende voll besetzte Kähne stromaufwärts.

"Die großen wie die einfachen Leute fliehen aus der Stadt wegen der Pest", berichtete ein Diplomat. London lebte schon lange mit der Seuche. Sie hatte sich in der Stadt eingenistet, als der Schwarze Tod 1348 ganz Europa verwüstete. Kaum ein Jahr verging ohne einige Pesttote, und jede Generation erlebte mindestens eine Epidemie.

"Man nennt es 'die Krankheit', als wäre es die Krankheit der Krankheiten, was es in der Tat ist", so der Flugblattschreiber Thomas Dekker. 1665 war London die zweitgrößte Stadt Europas mit einer halben Million Einwohnern. Die meisten lebten in den wuchernden Vorstädten, und in diesen überfüllten Armutsquartieren erkrankten im Frühjahr alarmierend viele Menschen an der Pest. Der Bürgermeister ordnete an, die betroffenen Häuser mit allen Bewohnern darin zu versiegeln.

Die größte Massenflucht in der Geschichte Londons

"Jedes infizierte Haus ist mit einem roten Kreuz zu markieren, einen Fuß lang, in der Mitte der Tür und den Worten 'Herr, sei uns gnädig' darüber geschrieben."

Als vermeintliche Überträger der Seuche erschlug man hunderttausende Hunde und Katzen - und rottete damit die Feinde der Ratten aus, der Wirtstiere des Flohs, der tatsächlich die Erreger überträgt. Im Juni schnellte die Zahl der wöchentlich registrierten Pesttoten von vierzehn auf fast dreihundert hoch - und die größte Massenflucht in der Geschichte Londons begann. Seit Jahrhunderten galt:

"Das beste Mittel gegen die Pest ist, vor ihr wegzulaufen."

Die Aristokraten verließen ihre Residenzen in Westminster und eilten auf ihre Landsitze. König Charles II. zog mit dem ganzen Hof aus dem Whitehall-Palast ins ländliche Schloss Hampton Court. Die reichen Kaufleute aus der City suchten Zuflucht in Seebädern und Provinzstädten. Die weniger Betuchten strömten zu Fuß in die Dörfer des Umlands. Etwa 200.000 Menschen flohen im Laufe des Julis aus London. Und niemand wollte sie aufnehmen.

Bauern verjagten die Flüchtlinge mit Knüppeln und Mistgabeln, Städte stellten schwerbewaffnete Wächter an die Tore. In der glühenden Sommerhitze wurden Brunnen verschlossen, damit die Fremden sie nicht mit der Pest verseuchten. Scharen verzweifelter Menschen irrten durch das Land, gequält von Hunger und Durst. Währenddessen senkte sich über London Totenstille.

Hunderttausend Tote in der Stadt

"Aber Gott, wie traurig das ist, keine Boote auf dem Fluss zu sehen, und Gras wächst im Hof von Whitehall, und niemand auf der Straße als ein paar arme Teufel."

Läden und Tavernen waren geschlossen, die Marktplätze leer, die Straßenhändler und Musiker verschwunden. Nur die Sterbeglocken läuteten unaufhörlich. Im August zählte man 4.000 Tote in einer Woche, im September 8.000. Inzwischen wütete die Pest im ganzen Land, während sie in London im Herbst allmählich erlosch. "Im Dezember strömten sie in Scharen zurück, so wie sie geflohen waren. Die Läden wurden wieder geöffnet, und die Leute gingen wieder fröhlich ihren Geschäften nach."

"Kaufte in meinem alten Austernladen zwei Fässer, die gute Frau ist noch am Leben. Das ist jetzt das erste, wonach wir in London fragen, über jeden, den wir vorher kannten."

Etwa hunderttausend hatte die Seuche in London hingerafft. Die große Pest von 1665 war der letzte große Ausbruch in der Stadt. Auf dem Land dauerte das Sterben noch ein Jahr lang an und forderte noch einmal hunderttausend Opfer. Die Überlebenden in der Metropole hatten schon wieder ganz andere Sorgen: "Ich frage mich, was aus der Perückenmode wird, denn es wird doch niemand Haare kaufen wollen aus Furcht, sie könnten von den Köpfen von Leuten geschnitten sein, die an der Pest gestorben sind."

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