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StartseiteKalenderblatt"Die Ehe der Maria Braun" feierte Premiere20.02.2019

Vor 40 Jahren auf der Berlinale"Die Ehe der Maria Braun" feierte Premiere

Rainer Werner Fassbinder war ein filmischer Chronist der westdeutschen Nachkriegsgeschichte - und der produktivste Regisseur des Neuen Deutschen Autorenkinos. Sein größter Publikumserfolg, das Melodram "Die Ehe der Maria Braun", wurde 1979 bei den 29. Filmfestspielen in Berlin uraufgeführt.

Von Hartmut Goege

Hanna Schygulla als Maria Braun in einer erotischen Szene mit einem Soldaten.  (picture alliance / dpa / Istvan Bajzat)
Erst mit seinem Spätwerk "Die Ehe der Maria Braun" gelang Regisseur Rainer Werner Fassbinder der internationale Durchbruch (picture alliance / dpa / Istvan Bajzat)
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Fassbinder als Betreiber von Geschichtsschreibung

Der überwältigende Erfolg der Uraufführung auf den Berliner Filmfestspielen am 20. Februar 1979 deutete schon an, dass Fassbinders Melodram nicht nur der erfolgreichste seiner bisher über dreißig Filme werden sollte, sondern auch sein internationaler Durchbruch. Für den Filmkritiker Hans Günther Pflaum zählte "Maria Braun" zu den wichtigsten filmischen Auseinandersetzungen über die unmittelbare bundesdeutsche Nachkriegszeit.

"Fassbinder hat ja eigentlich immer auf seine Weise Geschichtsschreibung betrieben. Ihm ging es vor allem um die private Geschichtsschreibung, um die Aufzeichnung von Glücksvorstellungen, von Wertbegriffen. Und genau da setzte 'Maria Braun' eigentlich ein."

Fassbinder verknüpft das Schicksal seiner Hauptfigur Maria Braun, gespielt von Hanna Schygulla, mit dem Aufstieg Deutschlands aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs zum egoistischen Wirtschaftswunderland. Der Film beginnt im Kriegsjahr 1943.

Während draußen die Bomben fallen, heiratet im Standesamt Maria den Soldaten Hermann Braun. Am nächsten Tag muss er zurück an die Ostfront. Nach Kriegsende bleibt Hermann verschollen. Die ehrgeizige Maria nimmt ihr Leben selbst in die Hand und schlägt sich als Bardame in Clubs der alliierten Siegermächte durch.

Dort lernt sie den GI Bill kennen und lieben. Als der totgeglaubte Hermann überraschend heimkehrt und die beiden in flagranti erwischt, wird Bill in einem Handgemenge von Maria erschlagen. Hermann nimmt die Schuld auf sich und geht ins Gefängnis. Maria hält an der Liebe zu ihrem Mann fest, auch als sie die Geliebte und Assistentin des Industriellen Karl Oswald wird.

"Gestern Nacht waren Sie eine andere!"- "Gestern Nacht war ich Maria Braun, die mit Ihnen schlafen wollte, heute bin ich Maria Braun, die für Sie arbeiten möchte."

Zielstrebiger sozialer Aufstieg

Mit Oswalds Hilfe schafft sie zielstrebig den sozialen Aufstieg und baut für sich und ihren Mann eine neue Existenz auf. Doch als Hermann vorzeitig entlassen wird, wandert er ohne sie nach Kanada aus.

 "Es ist dein Geld und dein Leben, Maria. Ich lebe das meine und lasse mir kein anderes schenken." – "Ich habe dieses Leben geführt für dich. Für uns!"

1954, als Oswald stirbt, kommt Hermann zurück, um mit Maria Oswalds Erbe anzutreten. Erst jetzt wird Maria klar, dass die beiden Männer einen Pakt geschlossen hatten, in dem Hermann auf sie verzichten musste, solange Oswald lebte. Der hatte ihm dafür sein halbes Vermögen versprochen. Maria, die ihrem Lebensplan bisher alles skrupellos unterordnete, erkennt, dass sie selbst wie eine Ware zwischen den beiden Männern gehandelt wurde. Fassbinders Drehbuch-Autor Peter Märthesheimer:

 "Und das ist auch eine gesellschaftliche Tragik, die der Fassbinder sehr genial aufgenommen hat in der Art und Weise, wie die Kamera die Figuren dann nur noch findet, nämlich irgendwo allein, verborgen. Zwar im Reichtum, aber auch zugleich erstickt im Reichtum."

Eindrücke, die dank Kameramann Michael Ballhaus intensiv in Szene gesetzt wurden. Fassbinder lässt den Film fast so enden, wie er begonnen hat. Analog zum Bombenlärm bei ihrer Eheschließung explodiert am Ende Marias Haus während der Live-Übertragung des Fußball-Weltmeisterschafts-Endspiels Deutschland gegen Ungarn. Maria hatte sich am Gasherd eine Zigarette anzünden wollen.

 "Aus, aus, aus."

Das kollektive Scheitern einer ehrlichen Vergangenheitsbewältigung

Ob es ein bewusst herbeigeführter Selbstmord war oder ein Unfall, lässt der Film offen. "Die Ehe der Maria Braun" war Fassbinders filmischer Kommentar zu den Ursachen der gesellschaftlichen Proteste der 60er- und 70er-Jahre, wie er in einem Interview 1979 betonte:

"Ich glaube, dass speziell Deutschland sich in einer Situation befindet, wo sehr vieles sehr rückläufig ist. Ich würde sagen, dass sich 1945, als der Krieg zu Ende war, das Dritte Reich zu Ende gewesen ist, dass da die Chancen, die Deutschland gehabt hätte, nicht wahrgenommen worden sind."

Das Scheitern von Marias Lebensplan steht in diesem Sinne stellvertretend auch für das kollektive Scheitern einer ehrlichen Vergangenheitsbewältigung  während  der konservativen Adenauer-Ära. Nach dem weltweiten Erfolg der "Maria Braun" erklärte Fassbinder im Nachhinein den Film zum ersten Teil einer Serie über Frauenschicksale aus den frühen Jahren der Bundesrepublik. Vollenden konnte er noch "Lola" und "Die Sehnsucht der Veronika Voss", bevor er 1982 mit gerade 37 Jahren starb.

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