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StartseiteKalenderblattDie erste Ausgabe der „taz“27.09.2018

Vor 40 JahrenDie erste Ausgabe der „taz“

Die Initiatoren der linksalternativen „Tageszeitung“ hatten weder Geld noch Ahnung vom Zeitungsmachen - aber die Vision einer eigenen Medienstimme. Am 27. September 1978 lag die erste Ausgabe in den Kiosken. Allen Krisen zum Trotz hat sie sich schon 40 Jahre gehalten, was sich viele nicht hätten träumen lassen.

Von Andrea Westhoff

Die Nullnummer der alternativen "Tageszeitung", allgemein taz genannt, erschien im September 1978. (dpa / picture alliance / Roland Witschel)
Die erste Ausgabe der „taz“ erschien als Nullnummer. Regelmäßig erschien die alternative Zeitung erst ab Frühjahr 1979. (dpa / picture alliance / Roland Witschel)

Es war im "Deutschen Herbst", 1977, kurz nach der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF: Der Staat ging mit harter Hand nicht nur gegen die Terroristen vor, sondern auch gegen den "Sympathisantensumpf", wie es damals hieß. Dazu zählte man linke Studenten- und Stadtteilinitiativen ebenso wie Atomkraft-Gegner und Aktivisten der Friedensbewegung.

"Diese gesellschaftliche Spaltung bedeutete auch, dass viele von uns sich als Gegengesellschaft verstanden", erzählt Thomas Hartmann, einer der Mitbegründer der "Tageszeitung", "taz". Und in der gärte schon eine Weile die Idee von einem eigenen links-alternativen Medium:

"Nach der Schleyer-Entführung gab es eine Nachrichtensperre. Wir merkten, dass wir keine Möglichkeit mehr hatten, in normalen Zeitungen gedruckt zu werden, und da ist dann diese Idee der Tageszeitung sozusagen verallgemeinert worden."

"Ob sie heute kommt, ob sie morgen kommt - wer weiß, wer weiß." 

Wirklich los ging es, nachdem die Idee im Januar 1978 auf dem Treffen der Alternativszene, dem "Tunix-Kongress" in Berlin, vorgestellt worden war, unter anderem von Hans-Christian Ströbele und Günter Wallraff. Zunächst nutzten die Initiatoren Büros und Technik des "Informationsdienstes für die Verbreitung unterbliebener Nachrichten" in Frankfurt am Main. Über 100 Leute arbeiteten mit. Initiativgruppen überall in der Republik lieferten Beiträge, jeder Artikel wurde einzeln im Plenum diskutiert. Und die Sponti-Kabarett-Truppe "Die 3 Tornados" feixte in ihrem "TAZ-Swing": "Ob sie heute kommt, ob sie morgen kommt - wer weiß, wer weiß." 

Die erste Ausgabe der "Tageszeitung" trägt das Datum "Freitag, 22. September 1978". Tatsächlich hielten die Leser die "Nullnummer 1" aber erst am 27. September in den Händen. Hartmann:

"Also das war für uns nicht das Problem, wie lange das dauert. Es war ja ein Exempel, mit dem man zeigen wollte, wie wir uns das ein bisschen vorstellen, und dann haben wir den 22. September als Datum gewählt, um zu zeigen, dass das der Nachrichtenstand war."

Zwischen Gegenkultur und Professionalisierung

Entstanden war eine bunte Mischung: Ein Leitartikel über den Kampf der "Sandinistas" in Nicaragua, daneben Berichte über Gorleben, über das Nato-Herbstmanöver und eine Animierdame in einer Peepshow.

Bis zum Erscheinen der ersten wirklichen "Tageszeitung" am 17. April 1979 gab es insgesamt zehn Nullnummern. Schon in dieser Zeit zog die Redaktion von Frankfurt nach Berlin, das ausschlaggebende Argument hieß "Berlinförderungsgesetz".

"Geld" ist seither eines der zentralen Themen der "taz" - mit vielen Facetten: Selbstausbeutung, prekäre Arbeitsplätze mit Einheitslohn, spektakuläre Spendenaktionen, die Umwandlung in eine Genossenschaft, schließlich neue Online-Bezahl-Modelle.

Ein weiteres Dauerthema der "taz": die Frage von Nähe und Distanz zur "Basis". Anfangs wollte die Zeitung eine "permanente Provokation des Establishments" sein. "Das Selbstverständnis als Teil einer Gegenkultur, das war schon sehr stark vertreten in der ‚taz‘", erzählt Hartmann. Politischen Initiativen und Basisgruppen wurden dazu ganze Seiten zur Verfügung gestellt. Und wenn den kritischen Lesern etwas nicht passte, besetzten die auch schon mal die Redaktion.

"Sich im Mainstream bewegen, ohne Mainstream zu sein"

Bald wurde die "taz" dann professioneller gemacht. Aber nun meinten Kritiker, sie orientiere sich zu stark an der rot-grünen Koalition, betreibe allenfalls noch "linken Wohlfühljournalismus" und sei von liberalen Zeitungen nicht mehr zu unterscheiden. Dagegen betonte zum 25. Jubiläum 2004 die damalige Chefredakteurin Bascha Mika:

"Die wichtigste Veränderung ist, dass die ‚taz‘ durchaus in der Lage ist - im Gegensatz zu früher - sich im Mainstream zu bewegen, ohne Mainstream zu sein."

Auch Thomas Hartmann sieht, dass die "taz" "zahmer" geworden ist in den letzten 40 Jahren. "Aber was der ‚taz‘ wirklich geblieben ist, ist eine gewisse Kreativität und auch die Freiräume für die, die hier arbeiten, das glaub ich schon."

Ein besonderer Ausdruck hierfür: die witzig-ironischen Schlagzeilen, auch bei politischen Themen. Das hat zwar längst Schule gemacht, aber "die Tazzler" waren die ersten, die sich trauten. Unvergessen zum Beispiel die Titel-Überschrift am 11. Oktober 2005, nachdem Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt wurde: "Es ist ein Mädchen!"

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