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StartseiteKalenderblattAls der erste internationale Roma-Kongress tagte08.04.2021

Vor 50 JahrenAls der erste internationale Roma-Kongress tagte

Am 8. April 1971 trafen sich erstmals Vertreter der Roma aus mehreren europäischen Ländern in London und gründeten den Welt-Roma-Kongress. Im Mittelpunkt stand die Erinnerung an den Völkermord, der Kampf um soziale Gleichberechtigung, Bewahrung von Sprache und Kultur sowie die Ablehnung diskriminierender Bezeichnungen.

Von Otto Langels

Die Roma-Flagge auf einer Demonstration im Jahr 2010 im belgischen Brüssel (IMAGO / Xinhua)
Die Roma-Flagge auf einer Demonstration im Jahr 2010 im belgischen Brüssel. Vom Roma-Kongress 1971 existiert wenig Bildmaterial (IMAGO / Xinhua)
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Djelem, djelem, ein traditionelles Liebeslied der Roma aus Südosteuropa, das auf dem ersten Internationalen Roma-Kongress 1971 zur Hymne erklärt wurde. Jahrhundertelang waren Sinti und Roma marginalisiert, diskriminiert, verfolgt und als "Zigeuner" verunglimpft worden. Und noch Jahrzehnte, nachdem die Nationalsozialisten rund eine Viertelmillion aus rassischen Gründen ermordet hatten, wurden sie in Europa als kriminelle oder bettelnde Landstreicher abgestempelt und waren Schikanen ausgesetzt.

Treffen am Rande Londons

Vor diesem Hintergrund trafen sich zwei Dutzend Delegierte unter anderemaus Jugoslawien, Frankreich, der Schweiz, Spanien, Deutschland und der Tschechoslowakei in einem kleinen Schulgebäude am Rande Londons, darunter der Brite Grattan Puxon: "Am 8. April 1971 wurde das Vorbereitungstreffen in London eröffnet. Nachdem wir einige Stunden zusammengesessen und geredet hatten, beschlossen wir, das Treffen als Roma-Weltkongress zu deklarieren."

Der Kongress fand kaum öffentliche Aufmerksamkeit, nur wenige Fotos dokumentieren das Treffen. Die Versammlung wählte den Jugoslawen Slobodan Berberski, einen früheren Partisan und Weggefährten des Staatschefs Josip Tito, zu ihrem Präsidenten.

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Berberski skizzierte die Aufgaben des Kongresses: "Unser Ziel ist es, die Roma weltweit zu vereinen und zu mobilisieren. Wir stehen überall vor den gleichen Problemen: Wir wollen an unseren eigenen Bildungsidealen festhalten, unsere Roma-Kultur bewahren und weiterentwickeln, eine neue Dynamik in unseren Gemeinden entfachen und die Zukunft im Einklang mit unseren Lebensgewohnheiten und unserem Glauben gestalten. Wir waren viel zu lange untätig."

"Es war der Startschuss einer Bürgerrechtsbewegung, die man vielleicht mit dem Schlagwort umschreiben könnte: Aus dem Schatten heraustreten", erklärt Frank Reuter von der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg.

Kampf gegen sprachliche Diskriminierung

Die Delegierten vereinbarten, sich künftig vor allem auf drei Themen zu konzentrieren: die Erinnerung an den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma, die soziale Situation als Minderheit sowie die Bewahrung von Sprache und Kultur. Außerdem beschlossen sie: "Wir haben uns problemlos darauf verständigt, den 8. April zum Internationalen Tag der Roma zu erklären, das Wort ‚Gipsys‘ zu streichen und stattdessen das Wort Roma zu verwenden und eine Nationalhymne zu bestimmen."

Ein besonderes Anliegen der Delegierten war die sprachliche Diskriminierung der Roma als "Zigeuner", "Gipsys" oder "cigani". Frank Reuter: "Es geht ja hier nicht nur um Worte, daran hängt ja eine komplette Ideologie. Sie können den Zigeuner-Begriff im Grunde nicht wertneutral verwenden, er ist derart über die Jahrhunderte aufgeladen mit Assoziationen: der Unzivilisierte, der Primitive, dieser Abschaum, ein Wort, was noch Anfang der 80er Jahre im Synonym-Duden beim Wort Zigeuner vorgeschlagen wurde als Synonym."

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Am zweiten Welt-Roma-Kongress 1978 in Genf nahmen bereits 50 Delegationen aus allen Teilen Europas sowie aus den USA, Indien und Pakistan teil. Sie beklagten weiterhin existierende Vorurteile und forderten, die Bezeichnung Roma zu verwenden. Wie hartnäckig sich Stereotypen und Klischees hielten, zeigt der Bericht einer Rundfunk-Korrespondentin über den Kongress.

"Stehend sangen sie gestern Abend ihre Hymne in einer ehemaligen reformierten Kirche, die das sonst Andersgläubigen gegenüber so unduldsame Genf ihnen geöffnet hatte. Und selbst der Präsident des Zigeuner-Kongresses, ein emigrierter tschechischer Arzt, sesshaft in Bern, lässt es sich nicht nehmen, ein Zigeunerlied gefühlvoll vorzutragen."

Ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Internationalen-Roma-Kongress in London reagierte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fassungslos auf eine Fernsehsendung, in der unlängst darüber diskutiert wurde, ob man auf die Bezeichnung "Zigeunersauce" verzichten solle. Studien aus den letzten Jahren belegen, dass Sinti und Roma nach wie vor diskriminiert werden und als unbeliebteste Minderheit in Europa gelten.

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