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StartseiteKalenderblattDer Auszug aus den Pariser Markthallen27.02.2019

Vor 50 Jahren Der Auszug aus den Pariser Markthallen

Es war einer der größten Umzüge in der Geschichte von Paris: Innerhalb weniger Tage zogen alle Händler aus dem Großmarkt im Stadtzentrum in einen modernen Neubau südlich von Paris. Die alten Markthallen wurden später abgerissen - für viele Anwohner verlor die Stadt hierdurch ein Stück seiner Seele.

Von Björn Stüben

Teilansicht vom Innenren der halb abgerissenen Stahlbauten der alten Markthallen in Paris. Im Hintergrund die Kirche Saint-Eustache (picture alliance / akg-images / Christian Lemaire)
Der "Bauch von Paris", die zentralen Markthallen inmitten der Stadt, wurden 1973 abgerissen (picture alliance / akg-images / Christian Lemaire)
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"Florent betrachtete die großen Hallen. Sie erschienen wie eine moderne Maschine für die Verdauung eines ganzen Volkes bestimmt, ein ungeheurer Bauch von Metall. Er vernahm das anhaltende Getöse. Paris kaute die Bissen für seine zwei Millionen Einwohner. Es war gleichsam ein großes Zentralorgan, das aus voller Kraft arbeitete, und das Blut, den Lebenssaft, in alle Adern sandte."

Emile Zola setzte 1873 mit seinem Roman "Der Bauch von Paris" den neuen, kurz zuvor von dem Architekten Victor Baltard aus Eisen und Glas errichteten Pariser Markthallen ein literarisches Denkmal. Unter der luftigen, von Straßen und engen Gassen durchzogenen Stahlkonstruktion boten unzählige Händler in zehn gewaltigen Pavillons ihre Waren feil. Fleisch, Fisch, Schalentiere, Gemüse, Obst, Käse und Blumen türmten sich hier zur Versorgung der Millionenmetropole. 

"Unter den hellen Farben die hellsten waren doch die der Möhren und Rüben, die in überreicher Menge auf dem ganzen Markte ausgestreut, mit ihren hellen Streifen einen bunten Ton in diese Farbenpracht setzten. Da und dort schimmerte der braunrote Glanz eines Korbes voll Zwiebeln, das Blutrot eines Häufleins Tomaten, das Blassgelb einer Partie Gurken, während einzelne Reihen großer schwarzer Rettiche dunkle Flecken inmitten aller Farbenfreude bildeten."

"Jahrhundertumzug" nach Rungis

Das Markttreiben hatte in Paris bereits eine sehr lange Tradition. Der Historiker Jean-Pierre Babelon blickt zurück: "Bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts gab es auf der Seine-Insel einen ersten Wochenmarkt, doch dieser erwies sich schnell als zu klein. Also suchte man nach einem Standort außerhalb der Stadt, und so entstand auf der rechten Seine-Seite um 1135 ein neuer großer Markt. Paris wuchs jedoch so rasant, dass mit der Erweiterung der Stadtmauer der Markt erneut ins Zentrum rückte.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es dann Pläne, die zentralen Markthallen wieder aus Paris zu verbannen, doch Napoleon III. beschloss lediglich einen Neubau am alten Standort. Die Waren sollten auf unterirdischen Schiffskanälen und Schienenwegen transportiert werden, aber daraus wurde nichts. Somit war der neue Markt von Anfang an zum Scheitern verurteilt."

1959 wurde die Schließung der zentralen Markthallen und deren Verlegung in den hochmodernen Großmarkt von Rungis südlich von Paris beschlossen. Permanenter Platzmangel und sich verschärfende Sicherheits- und Hygienestandards hatten schließlich den Umzug nötig gemacht. Die Entscheidung traf einige Händler hart, andere hofften auf  bessere Arbeitsbedingungen in Rungis. 

"Wir haben unser Geschäft auflösen müssen. Man hat uns völlig im Stich gelassen. Wenn wir jetzt wenigstens eine Rente gezahlt bekämen. Ich finde, die Sitten sind hier immer rauer geworden." "Es gibt hier sehr viel Kundenverkehr, und die Arbeitsbedingungen sind wirklich enorm schwierig. Die Straßen sind dermaßen eng, dass wir kaum Platz haben. Das hat unser Geschäft schon immer sehr behindert."

Zwei Gesundheitsinspektoren auf dem Großmarkt Rungis schauen sich in der Fischhalle um. (afp / Martin Bureau)Der Großmarkt Rungis ist heute einer der imposantesten Großmärkte der Welt mit einer Gesamtfläche von über 200 Fußballfeldern (afp / Martin Bureau)
Am 27. Februar 1969 begann der später als "Jahrhundertumzug" betitelte Exodus der Händler, der mehrere Tage andauerte. Zu dieser logistischen Meisterleistung trugen 30.000 Menschen und tausende Lastwagen bei, und bereits drei Tage später öffnete der neue Großmarkt in Rungis seine Tore. Hier, auf einem der imposantesten Großmärkte der Welt mit einer Gesamtfläche von über 200 Fußballfeldern, laufen die Geschäfte mit einem jährlichen Umsatz von über neun Milliarden Euro seither glänzend. 

Einkaufszentrum statt Markthallen 

Das alte Pariser Hallenviertel blieb verwaist zurück, seiner Seele beraubt. Das empfanden viele Nachtschwärmer, die sich früher im Treiben der Hallen noch vor Sonnenaufgang an der traditionellen Zwiebelsuppe wärmten und mit Rotwein berauschten. Die Lieder der Marktfrauen waren hier nun endgültig verstummt.

Die alten Markthallen wurden zu Beginn der 1970er-Jahre abgerissen. Lange klaffte eine gigantische Baugrube im Herzen von Paris, die schließlich mit dem größten unterirdischen Nahverkehrsbahnhof gefüllt und mit einem mehrstöckigen, architektonisch trostlosen Einkaufszentrum überdeckt wurde. Seit April 2016 spannt sich nun ein weit ausladendes, "Canopée" genanntes Schirmdach über einer Shopping-Mall. Den einstigen "Bauch von Paris" kann jedoch auch diese futuristische Architektur nicht ersetzen.

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