Seit 23:05 Uhr Schöne Stimmen
Donnerstag, 13.05.2021
 
Seit 23:05 Uhr Schöne Stimmen
StartseiteKalenderblatt"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar"17.03.2021

Vor 50 Jahren erschien der Roman "Malina""Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar"

Am 17. März 1971 erschien Ingeborg Bachmanns Roman "Malina", das Prosadebüt der bis dahin für ihre Lyrik gefeierten Österreicherin. Es ist nicht nur ästhetisch ein Meilenstein der Nachkriegsliteratur, sondern auch, weil darin ein weibliches Erzähler-Ich die Vergangenheitsbewältigung dekonstruiert.

Von Carola Wiemers

Ein Schwarzweiß-Foto zeigt die österreichische Lyrikerin Ingeborg Bachmann 1972 nach der Verleihung des Wildganspreises  in  weißem Hemd und schwarzer Weste auf einer Bank sitzend, die linke Hand erhoben gestikulierend,  den Blick leicht lächelnd nach oben gerichtet.  (picture-alliance / IMAGNO / Barbara Pflaum )
Die Dichterin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann im Jahr 1972, ein Jahr vor ihrem Tod (picture-alliance / IMAGNO / Barbara Pflaum )
Mehr zum Thema

Hörspiel nach Ingeborg Bachmann Undine geht

Matthias Bormuth: "Die Verunglückten" Vier schwierige Tote

Paul Celan: "etwas ganz und gar Persönliches" Liebesbriefe und die Liebe zum Gedicht

Biografie "Siegfried Unseld" Der bedeutendste Verleger unserer Zeit

"Ich werde Ihnen ein furchtbares Geheimnis verraten: die Sprache ist die Strafe. In sie müssen alle Dinge eingehen und in ihr müssen sie wieder vergehen nach ihrer Schuld und dem Ausmaß ihrer Schuld." So beschrieb Ingeborg Bachmnann einmal ihr sprachphilosophisches Credo.  "Malina" ist der einzige Roman Bachmanns, der zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde. Er erschien am 17. März 1971 als eine "Ouvertüre" zum großen Buch der "Todesarten", das auf drei Teile konzipiert war.

Eine Herausforderung für die männlichen Kritiker

Ihr Debüt wurde ein Bestseller und forderte die männliche Kritikerschar heraus. Helmut Heißenbüttel las "Malina" als banale Geschichte einer "schönen Seele", Marcel Reich-Ranicki belächelte den "pseudophilosophischen Anspruch". Für Hans Mayer war es eine literarische Komposition, in der die Utopie der Liebe ebenso anklingt wie die Krise des Künstlers.

Erzählt wird aus der Perspektive eines namenlosen weiblichen Ich, wie die Autorin eine österreichische Schriftstellerin. Sie liebt den aus Ungarn stammenden Mann Ivan, lebt aber mit dem Militärhistoriker Malina – ihrem anderen, männlichen Ich - in der Wiener Ungargasse. "Ich war allerdings von Anfang an unter ihn gestellt, und ich muss früh gewusst haben, dass er mir zum Verhängnis werden müsse, dass Malinas Platz schon von Malina besetzt war, ehe er sich in meinem Leben einstellte."

"Malina" als imaginäre Autobiographie

Bachmann schreibt "Malina" in Rom, und doch ist der Handlungsort Wien. Aus der räumlichen Distanz wird die reale Stadt zu einem symbolischen Ort patriarchalischer Zerstörung, wo unzählige Arten von seelischer Kränkung und physischer Brutalität geschehen. Der äußere Schauplatz wird bald zu einem inwendigen, weshalb Bachmann den Roman auch als "geistige, imaginäre Autobiographie" bezeichnet.

Man kann "Malina" als spannungsreiche Dreiecksgeschichte, als Liebesroman mit letalem Ausgang, als eine Vater-Tochter-Studie lesen. Damit aber wird der filigran erzählte Text erheblich reduziert und entzaubert. In drei Kapiteln, die aus erratischen Monologen, gestörten Telefonaten, unvollendeten Briefen, Alpträumen, Legenden komponiert sind, wird der Verwurzelung individueller Lebensschicksale in den geschichtlichen Katastrophen nachgegangen. Und Bachmann bekundete:

"Ich muss erzählen. Ich werde erzählen. Es gibt nichts mehr, was mich in meiner Erinnerung stört."

Wie ein Motor treibt Bachmanns Schreiben die Frage an, mit welcher Sprache Gewalterfahrungen jenseits von Parolen und Phrasen darstellbar sind. In ihrer "Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden" von 1959 betont sie, der Schriftsteller habe sich an ein Du zu wenden, um von menschlichen Ängsten und Hoffnungen sprechen zu können. Ihr Fazit: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar".

Der Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Foto Enzensberger: picture alliance / dpa / Manfred Rehm, Foto Bachmann: AP Archiv) (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Foto Enzensberger: picture alliance / dpa / Manfred Rehm, Foto Bachmann: AP Archiv) Briefwechsel Bachmann - Enzensberger - Annäherung zweier Ungleicher
Ingeborg Bachmann ist bekannt für ihre intensiven Briefwechsel. Auch mit Hans Magnus Enzensberger pflegte sie zehn Jahre lang einen engen Austausch. Nicht zuletzt hat es zwischen den beiden einen kurzen Sommer lang gefunkt.

Die Konzeption der "Todesarten" verläuft zeitlich zu ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die sie 1959/60 teilweise im Haus Theodor W. Adornos schreibt. Seine Analyse faschistischer Strukturen in der demokratischen Gesellschaft nach 1945 korrespondiert mit Aussagen Bachmanns in "Malina", wonach das Virus Verbrechen auch in Friedenszeiten tötet. Ingeborg Bachmann:

"In dem zweiten Kapitel des Buches ‚Der dritte Mann‘ wird in Träumen gezeigt, warum das Ich krank ist, warum die Gesellschaft krank ist, und dadurch das Individuum wieder krank macht."

Im Schatten des Grauens

Eine brutale, korrupte Vater-Figur agiert darin als Prediger, Psychoanalytiker, SS-Mann, Opern- und Filmregisseur. In der fortlaufenden Schändung und existenziellen Bedrohung der Tochter durch den Vater, von der Mutter schweigend geduldet, zeigen sich sämtliche Arten des Tötens in endloser Wiederholung.

"In eine Ecke gekauert, ohne Wasser, weiß ich, dass meine Sätze mich nicht verlassen und dass ich ein Recht habe auf sie."

Das weibliche Erzähler-Ich wird am Ende verstummen und in einem Wandriss verschwinden, aber der Roman ist vollendet. Malina nimmt nun seinen Platz ein.

Die Lektüre von "Malina" fesselt und wühlt auf, weil die Erfahrungen der literarischen Figuren im Gegenwärtigen widerhallen und weil im Schatten des Grauens um die Schönheit einer Sprache gerungen wird, die – wie Ingeborg Bachmann es formulierte - als "Platzhalter der menschlichen Stimme" an den Hoffnungen festhält, egal wie das Wort Zukunft buchstabiert wird.

Der Schriftsteller Thomas Kling 2003  (imago stock&people/gezett ) (imago stock&people/gezett ) Thomas Kling: Die Sprache, ein Wrack, das klingt
Bei "Suhrkamp" ist eine Werkausgabe des 2003 verstorbenen Lyrikers -und Sprachkritkers Thomas Kling erschienen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk