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StartseiteKalenderblattDie Physikerin Lise Meitner - Erforscherin der Radioaktivität27.10.2018

Vor 50 Jahren gestorbenDie Physikerin Lise Meitner - Erforscherin der Radioaktivität

Als Lise Meitner in Wien Physik zu studieren begann, hatten Frauen an der Universität noch Seltenheitswert. Doch sie setzte sich gegen alle Widerstände durch und machte in Berlin als Kernphysikerin Karriere. Der Nobelpreis blieb ihr allerdings versagt.

Von Irene Meichsner

Lise Meitner (picuture alliance/dpa/Foto: Votava)
Lise Meitner war eine der ersten vier Frauen, die an der Wiener Universität promoviert wurden (picuture alliance/dpa/Foto: Votava)
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"Als ich vor mehr als 50 Jahren an der Wiener Universität Mathematik und Physik zu studieren begann, war ich sehr stark beeindruckt von der neuen Gedankenwelt, die mir eröffnet wurde." Lise Meitner, hier in einem Radiovortrag aus dem Jahre 1953, hatte es nicht immer leicht in ihrem Leben. Aber zäh und zielstrebig, wie sie war, setzte sie sich in einem von Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb durch.

"Die Frage, ob ich als Mädchen später die Möglichkeit haben würde, wirklich wissenschaftlich zu arbeiten, hat mich damals nicht ernsthaft beschäftigt. Später habe ich begriffen, wie viel Dank speziell jede in einem geistigen Beruf tätige Frau den Frauen schuldig ist, die um die Gleichberechtigung gekämpft haben."

Lise Meitner, 1878 in Wien geboren, war in einem liberalen Elternhaus groß geworden. Ihr Studium absolvierte sie mit Bravour, die Doktorprüfung bestand sie "mit Auszeichnung" - als eine der ersten vier Frauen, die an der Wiener Universität promoviert wurden.

"Ich bewundere Deinen Mut", sagte der Vater, als die Tochter 1907 nach Berlin zog, um dort ihre Kenntnisse der theoretischen Physik zu vertiefen. Zusammen mit dem Chemiker Otto Hahn widmete sie sich dem damals immer noch rätselhaften Phänomen der Radioaktivität.

Eigentlich keine Frauen geduldet

"Dass Hahn der beste lebende radioaktive Chemiker, also Radiochemiker war, und dass ich immer eine wasserreine Physikerin geblieben bin, für die die einfachste Formel aus der organischen Chemie immer Mystik bedeutete, war doch eine gute Grundlage und eine gute Ergänzung in unserer Zusammenarbeit."

Hahns Chef, Emil Fischer, duldete in seinem Institut eigentlich keine Frauen. Im Falle von Lise Meitner machte er eine Ausnahme - unter der Bedingung, dass sie das Institutsgebäude nur durch den Hintereingang betrat und sich vor den Studenten nicht blicken ließ. 1912 gingen Hahn und Meitner an das neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem.

"Und in dem Institut wird Lise Meitner wissenschaftliches Mitglied. Das ist die höchste Position, die Sie bekommen können. Und sie ist die erste Frau!", erklärt die Berliner Wissenschaftshistorikerin Annette Voigt. 1922 konnte sich Lise Meitner endlich habilitieren. Ihre Antrittsvorlesung befasste sich mit Fragen der kosmischen Physik.

Dazu sagte Otto Hahn: "Dem Berichterstatter für die Zeitung schien dieses Thema offenbar zu unweiblich. Er nannte den Vortrag damals: ‚Probleme der kosmetischen Physik’!" Angeregt durch Experimente des Italieners Enrico Fermi, versuchten Meitner und Hahn seit 1934, durch den Beschuss von Uran mit Neutronen künstliche schwere Elemente zu erzeugen, sogenannte "Transurane".

"Aber es folgte das Jahr 1938, die Einverleibung Österreichs in das Dritte Reich. Der Schutz der Ausländerin ging ihr verloren." Lise Meitner, die jüdischer Herkunft war, floh Hals über Kopf nach Holland und von dort nach Schweden. Derweil setzten Hahn und sein Assistent Fritz Straßmann die zu dritt begonnenen Versuche fort, die im Dezember 1938 zur Entdeckung der Kernspaltung führen sollten.

Nicht am Bau der ersten Atombombe beteiligt

Lise Meitner lieferte für dieses Phänomen aus dem schwedischen Exil die erste physikalische Erklärung. Hahn wurde für die Entdeckung der Kernspaltung 1944 der Chemie-Nobelpreis zuerkannt; Meitner ging leer aus. Am Bau der ersten Atombombe war Lise Meitner nicht beteiligt. Aber sie hatte Verständnis für die Freunde und Kollegen, die sich in den Dienst des so genannten Manhattan Projects gestellt hatten, weil sie fürchteten, dass sich Nazi-Deutschland eine solche Waffe verschaffen könnte.

Nach dem Krieg machte sich Lise Meitner für eine friedliche Nutzung der Kernenergie stark. "Wenn ich von politischen Problemen absehe, so waren meine in Deutschland verbrachten Jahre die schönsten Jahre meines Lebens", sagte sie 1955 anlässlich der Verleihung des Otto-Hahn-Preises für ihr Lebenswerk. Eine Zeit lang hatte die Physikerin, die am 27. Oktober 1968 in Cambridge in England im Alter von 90 Jahren starb, sogar erwogen, nach Deutschland zurückzukehren. Aber am Ende brachte sie es nicht fertig. Dafür hatte sie in diesem Land doch zu bittere Erfahrungen gemacht.

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