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StartseiteKalenderblattKatholische Kirche legt ihren alten "Absolutheitsanspruch" ab28.10.2015

Vor 50 Jahren Katholische Kirche legt ihren alten "Absolutheitsanspruch" ab

"Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil" - mit dieser rigiden Haltung der römisch-katholischen Kirche machte das Zweite Vatikanische Konzil Schluss. Denn mit der Verabschiedung der Erklärung "Nostra Aetae" vor 50 Jahren erkannte Rom an, dass es nicht nur einen, sondern mehrere Wege zum Heil gibt. Zugleich öffneten die Konzilsväter damit die Tür zum interreligiösen Dialog.

Von Ulrich Pick

Ein Messdiener schwenkt Weihrauch (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Mit dem dem Dekret "Nostra Aetate" – "In unserer Zeit" – erkannte der Vatikan zum ersten Mal nichtchristliche Religionen offiziell als spirituelle Wege zum Heil an. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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50 Jahre "Nostra Aetate" Katholische Kirche und nicht-christliche Religionen

"Super declaratione de ecclesia habitudine ad religiones non cristianas ... "
Als der Generalsekretär des Zweiten Vatikanischen Konzils Pericle Felici am 28. Oktober 1965 das Abstimmungsergebnis über "die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" bekannt gab, vollzog sich eine kleine Revolution. Mit 2.221 gegen 88 Stimmen beschloss das höchste Gremium der römisch-katholischen Kirche nichts Geringeres als die Abkehr vom eigenen, Jahrhunderte alten Absolutheitsanspruch. Denn mit dem Dekret "Nostra Aetate" – "In unserer Zeit" – erkannte der Vatikan zum ersten Mal nichtchristliche Religionen – namentlich: das Judentum, den Islam, den Buddhismus und den Hinduismus – offiziell als spirituelle Wege zum Heil an. Zudem machten sich die Konzilsväter für einen gegenseitigen Austausch unter den Religionen stark. Wörtlich heißt es in der Erklärung:

"So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten. Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist."

Die katholische Kirche unterstrich die gemeinsamen religiösen Wurzeln von Juden und Christen

Im Mittelpunkt der Erklärung steht eine völlig neue Haltung gegenüber den Juden und eine Abkehr vom lange praktizierten Antijudaismus. Denn über Jahrhunderte hinweg hatten die christlichen Kirchen die Juden bezichtigt, Jesus nicht als ihren Messias erkannt und dadurch ihren Status als "Gottes auserwähltes Volk" verwirkt zu haben. Zudem nahmen sie immer wieder die Kreuzigung Jesu zum Anlass, die Juden pauschal als "Gottesmörder" zu diffamieren. Diese Anschuldigungen bildeten die theologische Legitimation für zahllose Verfolgungen. Mit dem Konzilsdokument "Nostra Aetate" distanzierte sich die katholische Kirche vom Vorwurf des Gottesmordes. Sie erklärte zudem, dass Israel nach wie vor von Gott auserwählt sei und unterstrich die gemeinsamen religiösen Wurzeln von Juden und Christen. Rückblickend betont die jüdische Religionswissenschaftlerin und Historikerin Ruth Lapide:

"Ich war damals von dem Text hochzufrieden. Warum? Es ist alles relativ im Leben. Wenn dieser Text, diese Goodwill, diese Versammlung von diesen Persönlichkeiten 200 Jahre vorher hätten stattgefunden, dann wäre die Weltgeschichte anders gelaufen."

Dass das Zweite Vatikanum in seiner Erklärung auch andere nichtchristliche Religionen erwähnt, war eigentlich nicht vorgesehen. Ursprünglich nämlich hatte Papst Johannes XXIII. den deutschen Kardinal Augustin Bea beauftragt, lediglich eine Erklärung zum Judentum zu entwerfen. Deren zentrale Aussagen – eine Entschuldigung für den kirchlichen Antisemitismus und die Abkehr von der sogenannten Gottesmordtheorie – stießen aber in traditionellen Kirchenkreisen sowie bei zahlreichen Politikern des Nahen Ostens auf erheblichen Widerstand. Deshalb empfahl Kardinal Bea, die Erklärung auszuweiten – was Papst Johannes XXIII. und sein Nachfolger Paul VI. unterstützten. Dass in "Nostra Aetate" letztlich auch andere nichtchristliche Religionen behandelt wurden, erweist sich aus heutiger Sicht als hellsichtig. So nahm beispielsweise Papst Benedikt XVI. bei seinem Türkeibesuch Ende 2006 mit Blick auf den Islam dezidiert Bezug auf das Konzilsdokument:

"Gemäß der biblischen Tradition lehrt das Konzil, dass die Menschheit einen gemeinsamen Ursprung und eine gemeinsame Bestimmung hat: Gott, unsern Schöpfer, der auch das Ziel unserer irdischen Wanderschaft ist. Christen und Muslime gehören zu der Familie, die an den einen Gott glaubt und sich gemäß der Tradition ihre Abstammung auf Abraham zurückführt. Diese anthropologische wie spirituelle Übereinstimmung in unseren Wurzeln und Zielen mahnt uns, einen gemeinsamen Weg zu suchen und unseren Beitrag zu leisten bei der Suche nach Grundwerten, die charakteristisch sind für die Menschen unserer Zeit."

Mit der Verabschiedung des Konzilsdokumentes "Nostra Aetate" legte die katholische Kirche den Grundstein für den interreligiösen Dialog, dessen Notwenigkeit und Bedeutung gerade angesichts der wachsenden Spannungen im Nahen Osten heute immer stärker zum Tragen kommen.

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