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StartseiteKalenderblattDie blutige Geburt des "Lands der Bengalen"26.03.2021

Vor 50 Jahren: Unabhängigkeitserklärung BangladeschDie blutige Geburt des "Lands der Bengalen"

Nach der Spaltung Indiens wurden Ost- und Westpakistan in einen Staat gezwängt. Der Ostteil, Bengalen, drängte auf Autonomie. Als der Konflikt beider Landesteile eskalierte, rief Sheikh Mujibur Rahman am 26. März 1971 ein unabhängiges "Land der Bengalen" aus: Bangladesch. Westpakistan antwortete schnell.

Von Otto Langels

Ein Farbfoto zeigt einen Mann, der sich  mit seinem Handy  vor einer riesigen Plakatwand ablichtet, auf der Mujibur Rahman In staatstragender Geste abgebildet ist abgebildet ist  (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Md. Rakibul Hasan)
Erinnerungskult um den Gründungsvater von Bangladesch, Sheikh Mujibur Rahman (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Md. Rakibul Hasan)
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Vergesst nicht: Da wir schon so viel Blut vergossen haben, werden wir noch mehr Blut vergießen. Mit Allahs Gnade werden wir die Menschen dieses Landes befreien. Joy Bangla, Sieg für Bengalen." So Sheikh Mujibur Rahman, Anführer der "Awami League", in Bengalen, dem Ostteil Pakistans. Anfang März 1971 hatte er zum Aufstand gegen die herrschende Militärregierung in Islamabad aufgerufen. Vorausgegangen war ein jahrzehntelang schwelender Konflikt zwischen den beiden Landesteilen Pakistans.

Das schwere Erbe Britisch-Indiens

Mit der Teilung Britisch-Indiens im Jahr 1947 in zwei Nachfolgestaaten – Indien und Pakistan – hatte die britische Kolonialmacht ein schweres Erbe hinterlassen. Die beiden über 1.500 Kilometer entfernten Landesteile West- und Ostpakistan waren in einem künstlichen Staatsgebilde vereint, mit massiven politischen und wirtschaftlichen Gegensätzen. Dazu der Südasienexperte Michael Mann von der Berliner Humboldt-Universität:

"Ostpakistan wurde von Anfang an als ein Annex gesehen, auch als hinterwäldlerisch. Das ging runter bis auf die religiöse Ebene, in Westpakistan war quasi der reine Islam vertreten; bis hin, dass man eben auch Ostpakistan als eine Agrarregion sah."

Zur politischen Krise kam ein Zyklon

Fatal wirkte sich zudem die von Westpakistan betriebene Sprachpolitik aus. Das dort gesprochene Urdu sollte zur Nationalsprache erklärt werden, die mehrheitlich bengalische Sprachbevölkerung in Ostpakistan fühlte sich übergangen. Ihr Sprachrohr, die Awami League unter dem Bauernsohn Sheikh Mujibur, forderte deshalb mehr Autonomie für Ostpakistan.

Scheiikh Mujibur Rahman gilt als Initiator der Unabhängigkeit Ostpakistans vom westlichen Landesteil und der Gründung von Bangladesch. Sheikh Mujibur Rahman wird als Vater der Unabhängigkeit Ostpakistans  und Gründer von Bangladesch verehrt (picture alliance / CPA Media )Sheikh Mujibur Rahman wird als Vater der Unabhängigkeit Ostpakistans und Gründer von Bangladesch verehrt (picture alliance / CPA Media )

Aus den ersten allgemeinen und direkten Wahlen im Dezember 1970 ging die Awami League als Sieger hervor, doch das Regime in Westpakistan akzeptierte das Ergebnis nicht. Eine Naturkatastrophe spitzte die Krise weiter zu: Ein Zyklon forderte hunderttausende Menschenleben, unzählige wurden obdachlos. Und, so Michael Mann:

"Von Westpakistan gab es keinerlei Unterstützung für die notleidende Bevölkerung. Das hat natürlich noch die ganze Situation verschärft."

Womöglich drei Millionen Todesopfer des Konflikts

Als das Regime in Islamabad Verhandlungen über die politische Zukunft Ostpakistans aussetzte, die erste Sitzung der neugewählten Nationalversammlung auf unbestimmte Zeit verschob und Truppen in den Osten schickte, erklärte Sheikh Mujibur am 26. März 1971 über den Rundfunk:

"Das bengalische Volk will seine Freiheit, das bengalische Volk will überleben, das bengalische Volk will seine Rechte." Bangladesch – wörtlich Land der Bengalen - hatte damit faktisch seine Unabhängigkeit erklärt. Die Antwort Westpakistans folgte unmittelbar. Sheikh Mujibur wurde festgenommen, das Militär startete eine Großoffensive, bengalische paramilitärische Truppen und Guerillakämpfer setzten sich zur Wehr. Dazu Michael Mann:

"Man versuchte systematisch, die Bevölkerung zu terrorisieren. Wir haben es Schätzungen zufolge mit zwischen 300.000 und drei Millionen Toten zu tun. In jedem Fall muss man davon ausgehen, dass massenhaft Massaker stattgefunden haben und die Bevölkerung terrorisiert werden sollte."

Pakistanische Soldaten in schwarzen Uniformen treffen auf indische Soldaten während einer Fahnenzeremonie am einzigen Grenzübergang in Wagah. Viele Zuschauer aus den verfeindeten Staaten verfolgen die "Beating retreat ceremony".   (imago / Xinhua) (imago / Xinhua)Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan - Das Trauma ewiger Feindschaft
Ein Strich auf der Landkarte besiegelte 1947 das Schicksal von Millionen: Bezirke mit muslimischer Mehrheit sollten zu Pakistan, der Rest zu Indien gehören. So endete der Freiheitskampf Mahatma Gandhis in Gewalt, Tod und Vertreibung. Bis heute sind Pakistan und Indien verfeindet – und sich doch so nah.

Millionen flüchteten in das benachbarte Indien, Cholera und Hunger breiteten sich in dem verwüsteten Land aus. Schließlich intervenierte Ende 1971 das indische Militär an der Seite Bangladeschs in dem blutigen Krieg. Kurz darauf kapitulierten die westpakistanischen Truppen, Sheikh Mujibur wurde aus der Haft entlassen, übernahm im Januar 1972 das Amt des Ministerpräsidenten und löste alle Bindungen zwischen Bangladesch und Pakistan.

In der offiziösen Geschichtsschreibung Bangladeschs erscheint das Jahr 1971 als das Ende der Fremdherrschaft, nach den britischen Kolonialherren seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und nach den pakistanischen Kolonialherren seit 1947, so Michael Mann:

"Was vor allen Dingen jetzt zur Erinnerung 50 Jahre Unabhängigkeit aufkommt ist, dass ein neuer Erinnerungskult quasi gepflegt wird, in einer Verherrlichung von Sheikh Mujibur Rahman." Zahlreiche Denkmäler wie auch das neue Museum des Befreiungskrieges in Dhaka erinnern an den Gründungsvater, der den "heroischen Kampf der Bengalischen Nation für Demokratie und nationale Rechte" anführte.

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