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StartseiteKalenderblattKupferstecher Martin Schongauer gestorben02.02.2016

Vor 525 JahrenKupferstecher Martin Schongauer gestorben

Die Gemälde von Martin Schongauer markieren den Höhepunkt einer Zeit der Mystik und der Gottesfurcht. Parallel zu seiner Malerei entwickelte Schongauer die noch junge Kunst des Kupferstichs zu solcher Perfektion, dass seine Motive über ganz Europa verbreitet wurden. Der gefeierte Künstler starb am 2. Februar 1491.

Von Martin Tschechne

Im Schlossmuseum in Gotha betrachtet Kuratorin Ute Däberitz am Dienstag (12.08.2008) einen Kupferstich, den Entwurf für einen Bischofsstab, von Martin Schongauer aus Colmar (1430-1491). (dpa/ picture alliance/ Martin Schutt)
Im Schlossmuseum in Gotha betrachtet Kuratorin Ute Däberitz am Dienstag (12.08.2008) einen Kupferstich, den Entwurf für einen Bischofsstab, von Martin Schongauer aus Colmar (1430-1491). (dpa/ picture alliance/ Martin Schutt)

Nie hat das Mittelalter so intensiv geleuchtet wie auf diesem Gemälde! Nicht, bevor Martin Schongauer das Werk vollendete, und nicht mehr danach. Das Bildnis der Muttergottes in rotem Gewand vor goldenem Hintergrund, von Engeln gekrönt, umgeben von Blumen, Ranken, Vögeln - diese berühmte "Maria im Rosenhag" aus der Dominikanerkirche im elsässischen Colmar markiert den Höhepunkt einer Zeit der Mystik und der Gottesfurcht. Und steht zugleich, wie der Kunsthistoriker Stephan Kemperdick von der Berliner Gemäldegalerie bestätigt: für den Schritt von der Kunst als Gottesdienst zum Ausdruck künstlerischer Autonomie.

"Das ist, wenn man so will, natürlich etwas für die Seele, das ist weniger ein theologisches Konzept, was da erarbeitet wird, sondern das ist etwas offenbar emotional Ansprechendes. Man soll diesen schönen Ort mit diesen wunderbaren Pflanzen, diesen wunderbaren Tönen - das soll einen in eine erhabene und gleichzeitig emotional positive Stimmung versetzen. Das soll uns mit Liebe sozusagen zur Gottesmutter mit ihrem Kinde erfüllen."

Datiert ist das Gemälde auf 1473, und lange glaubte die Wissenschaft, vor einem Wunder zu stehen – denn gerade zwanzig Jahre alt kann der Künstler nach ihren Berechnungen damals gewesen sein. Dabei spricht aus seinem Menschenbild ein Maß an Reflexion und Reife, das viel mehr an Lebenserfahrung voraussetzt. Außerdem beherrschte er neben der Malerei auch die Kunst des Kupferstichs in einer Perfektion, die mit Begabung allein kaum zu erklären wäre.

"Martin Schongauer schafft es, diese Stiche, die ja rein mit Linien auskommen müssen - das Ganze ist also nur schwarz-weiß mit Linien gedruckt - denen trotzdem einen gemäldehaften Anschein zu geben. Das heißt mit Schraffuren nicht nur Plastizität und Rundung, sondern auch so etwas wie Farbe und Licht darzustellen."

Die Kunstgeschichte revidierte ihre Berechnungen. Der "hübsche Martin", wie er in seiner Zeit genannt wurde - wahrscheinlich vor allem aus Bewunderung für seine Bilder - muss deutlich früher geboren sein, als bislang angenommen: Anfang der vierziger Jahre des 15. Jahrhunderts, vielleicht noch früher. Anders lässt sich das alles zeitlich nicht unterbringen: Die Erfahrung im Gravieren aus der väterlichen Goldschmiede in Colmar, die Ausbildung zum Maler, vermutlich in Nürnberg, das Intermezzo an der Akademie in Leipzig, wo sein Name erstmals aktenkundig wurde, die Wanderjahre zu den Meistern seiner Zeit in die Niederlande, womöglich auch nach Spanien. Und dann der Ruhm, der längst über Europa verbreitet war. Schongauer hatte das Medium gefunden, seinen Zeitgenossen und Generationen von Nachfolgern den Musterkatalog einer neuen Psychologie zu entwerfen:

"Der Kupferstich ist damals noch verhältnismäßig neu. Der entsteht so um 1430, wahrscheinlich tatsächlich am Oberrhein, und das wird ja für die kommenden Jahrhunderte, man muss ja sagen: für die kommenden 500 Jahre mindestens, eines, wenn nicht das wichtigste Mittel zur Verbreitung von Bildern."

Klarheit und Struktur der gedruckten Linie

Die 116 heute bekannten Kupferstiche Schongauers sind Meisterstücke einer in ihrem Wesen kargen Kunst. Der Künstler beobachtete die Menschen, die Natur, notierte, was er sah, mit dem Zeichenstift und verstand es, den Geschichten aus der Bibel in der Klarheit und Struktur der gedruckten Linie eine zusätzliche, ganz ungewohnte, doch zwingende Präsenz zu geben. Nicht nur der junge Michelangelo, so der Kunsthistoriker Kemperdick, verehrte den Meister, indem er seine in hoher Auflage verbreiteten Stiche als Vorlagen nutzte.

"Es gibt sicher viele Hunderte, wenn nicht Tausende Kunstwerke aus dem Europa nördlich der Alpen, aber auch aus Italien, und aus Spanien auch sehr viele, die direkt auf Drucke von Schongauer zurückgehen, manchmal die ganze Komposition, manchmal auch nur eine Figur."

Die Kopie "Selbstbildnis im Pelzrock", die den Maler Albrecht Dürer darstellt, ist am 11.03.2014 im Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg (Bayern) zu sehen. Die Stadt Nürnberg hat am Vormittag nach vierjährigem Umbau das modernisierte Albrecht-Dürer-Haus vorgestellt. Die Arbeiten des Renaissance-Künstlers Dürer sollen künftig mit interaktiven Elementen vorgestellt und erläutert werden. Foto: Daniel Karmann/dpa (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)Albrecht Dürer bewunderte Martin Schongauer. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Einer, der diesen Neuerer unbedingt kennenlernen wollte, war Albrecht Dürer. Auch sein Vater war Goldschmied gewesen, auch er stand mit seinem klaren Blick an der Schwelle einer neuen Zeit.

"Und bei Dürer ist es nun auch so, dass man vor allem beim frühen Dürer den Einfluss von Schongauers Kupferstichen und Zeichnungen so stark spürt, dass es einzelne Blätter gibt, die sind bis heute zwischen den beiden Künstlern umstritten. Also, es gibt so einen segnenden Christus in London zum Beispiel, der heißt manchmal Schongauer und manchmal Dürer."

Wie enttäuscht aber muss der junge Maler aus Nürnberg gewesen sein, als seine eigene Wanderschaft ihn nach Colmar führte, wo er hoffte, das große Vorbild persönlich anzutreffen - um dann zu erfahren, dass er zu spät gekommen war.

Am 2. Februar 1491 war Martin Schongauer in Colmar gestorben. Vermutlich fiel er der Pest zum Opfer.

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