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StartseiteKalenderblatt Als mit "pardon" der humoristische Wiederaufbau begann27.08.2017

Vor 55 Jahren Als mit "pardon" der humoristische Wiederaufbau begann

Die 50er-Jahre wurden in Westdeutschland vor allem von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder geprägt. In Sachen Humor und Satire aber war die Adenauer-Republik Entwicklungsland. Das änderte sich mit der Satirezeitschrift "pardon", die vor 55 Jahren erstmals erschien.

Von Hartmut Goege

Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt (13.12.1937 - 30.06.2006) (AP)
Einer der Macher von "pardon", der 2006 verstorbene Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt. (AP)
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Es war ein ereignisreiches Jahr. Während die Welt in der Kubakrise knapp einem Atomkrieg entging, die Beatles ihre erste Single veröffentlichten und die Spiegel-Affäre die Republik erschütterte, erschien am 27. August 1962 in Frankfurt die erste Ausgabe der Satirezeitschrift "pardon". Zusammen mit seinem Freund Erich Bärmeier wollte der junge Verleger Hans A. Nikel, Pazifist und Wiederaufrüstungsgegner der Bundesrepublik, frischen Wind in die westdeutsche Zeitungslandschaft bringen: "Es wurden die ganzen alten Beamten aus dem Dritten Reich, fast alle wurden wieder genommen. Die alten Generäle wurden wieder geholt. Und der Adenauer, der hat eine Politik gemacht, die eben ganz konservativ war, und da habe ich gedacht, also so geht das ja nicht, wozu haben wir einen neuen Staat. Also da muss mal eine Zeitschrift her, die das aufs Tablett bringt." 

Namhafte Autoren von Kishon bis Walser

Für das erste Titelblatt gewannen sie Loriot, dessen berühmtes Knollennasenmännchen dem Betrachter einen bunten Blumenstrauß - gefüllt mit Bombe und brennender Lunte - entgegenhält. Für ein Geleitwort überredeten sie Erich Kästner, dessen Popularität weitere illustre Autoren lockte, wie etwa Ephraim Kishon, Martin Walser oder Werner Finck. Und auch der damals noch unbekannte Robert Gernhardt stieß dazu: "Und ich merke, da geht was Neues los. Da wird eine Sprache gesprochen, da werden Witze gemacht, Pointen gesetzt, auf die ich gewartet habe."

Zum Markenzeichen avancierte das kleine schwarze Teufelchen, das böse grinsend seine Melone zum Gruße lupft: entsprungen aus der Feder des bis dahin ebenfalls unbekannten Karikaturisten Friedrich-Karl Waechter:

"Ich habe die Zeit bei "pardon", erinnert sich Waechter, "hauptsächlich deshalb so genossen, weil ich davor in der Schule brav und angepasst war. Und plötzlich die Erfahrung machte, für das, wofür ich in der Schule noch Ohrfeigen bezog, jetzt bei "pardon" geliebt und getätschelt zu werden und auch noch Geld dafür zu bekommen."

Schon die erste Ausgabe sorgte für Aufregung. Ein harmloser Cartoon von nackten, Sekt trinkenden Menschen in einer Straßenbahn rief den sittenstrengen katholischen Jugendschutz Volkswartbund auf den Plan, dessen Zensurantrag aber selbst Springers konservativer Zeitung "Die Welt" zu spießig war: ""pardon"ist immerhin ein Versuch auf einem Feld, wo zumindest Versuche bitter nötig sind."

Doch auch Springer geriet bald ins Visier der neuen Humoristen: "großer Freizeit-Knüller: Finden Sie doch mal eine wahre Geschichte in der Bild!", hieß es :1955 in "pardon"

Franz-Josef Strauß klagte 18-mal - vergeblich

Besonders populär wurden die politischen "pardon-Aktionen": für US-Präsident Richard Nixon etwa buddelten Redaktionsmitglieder während des Vietnamkriegs eine Ruhestätte inmitten der Gräber hingerichteter NS-Schergen, oder Günter Wallraff tarnte sich als Napalm-Fabrikant, um im Beichtstuhl Absolution zu erfahren. Solche Provokationen und vergebliche Zensuranträge von betroffenen Polit- und Kirchengrößen ließen die Auflage von fünftausend auf über 320.000 steigen. Allein 18-mal verlor der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß werbewirksam seine Klagen vor Gericht. Dazu Hans A. Nickel:

"Das Interessante war, dass diese Zeitschrift, die sehr satirisch angelegt war, dennoch im Hinblick auf die Tatsachen, ganz exakt recherchiert hat."

So entwickelte sich die Satirezeitschrift zu einem vergnüglich-subversiven, publizistischen Wegbegleiter der 68er- Bewegung. Dafür zeichneten nicht zuletzt Mitarbeiter wie Hans Traxler, F. W. Bernstein, Robert Gernhardt oder Chlodwig Poth verantwortlich: "Also in der "pardon"-Zeit sind viele neue Formen entwickelt worden der Zeitungssatire oder auch des Nonsens, mit Fotos zu arbeiten, und auch der Text spielt eine viel größere Rolle, auch bei den Zeichnern, als es früher der Fall war."

Legendär wurde die Beilage Welt im Spiegel, kurz Wims. Eine als Provinzblatt aufgemachte Kolumne, in der die Autoren mit literarischen Gattungen, Formen und Klischees spielten und neue lyrisch-kalauernde Hoch-Formen des Nonsens entwickelten. Etwa Robert Gernhardt: "Die Basis sprach zum Überbau: "Du bist ja heut´schon wieder blau!" Da sprach der Überbau zur Basis: "Was is´?"

Doch Mitte der 70er-Jahre geriet "pardon" langsam in die Krise. Differenzen innerhalb der Redaktion nahmen zu und die Mitarbeiter forderten vergeblich mehr Mitspracherechte. 1979 stiegen die besten Köpfe aus und gründeten das Konkurrenzblatt Titanic. "pardon" dümpelte noch einige Jahre erfolglos vor sich hin und wurde 1982 eingestellt.

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