Dienstag, 19.01.2021
 
Seit 10:08 Uhr Sprechstunde
StartseiteKalenderblattImre Nagy: Revolutionär wider Willen16.06.2018

Vor 60 Jahren hingerichtetImre Nagy: Revolutionär wider Willen

Im Herbst 1956 kam es in Ungarn zu Massenprotesten, an deren Spitze sich der frühere Ministerpräsident Imre Nagy schließlich stellte. Nach der Niederschlagung des Volksaufstands durch sowjetische Truppen wurde er am 16. Juni 1958 hingerichtet.

Von Matthias Bertsch

Vor seinem Sturz 1955 spricht der ungarische Ministerpräsident Imre Nagy vor der Volkskammer, links an seiner Seite sein Widersacher Matyas Rakoski, der ihn 1955 stürzte (picture-alliance / dpa)
1953 wurde Imre Nagy zum ungarischen Ministerpräsidenten ernannt. Vor seinem Sturz 1955 spricht Nagy vor der Volkskammer (picture-alliance / dpa)
Mehr zum Thema

Vor 60 Jahren Der Volksaufstand in Ungarn beginnt

Historiker Krisztian Ungvary "So ein Ereignis, wo die ganze Nation sich sozusagen vereint, gibt es sehr selten in der Geschichte"

"Ich bin sicher, dass die internationale Arbeiterbewegung und das ungarische Volk mich rehabilitieren werden. Ich bin das Opfer eines schweren Justizirrtums. Ich bitte nicht um Gnade." 

Budapest, am 15. Juni 1958: Imre Nagy hat das letzte Wort, nachdem er in einem Geheimprozess wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde. Der ehemalige ungarische Ministerpräsident hatte sich im Volksaufstand zwei Jahre zuvor auf die Seite der Massen gestellt - und damit gegen die kommunistische Parteidoktrin, der er lang die Treue gehalten hatte.

Nagy war 1896 im Westen des damals noch sehr bäuerlich geprägten Landes zur Welt gekommen: Sein Vater war Kutscher, seine Mutter Dienstbotin. Mit 18 wurde er zum Krieg eingezogen und geriet bald in russische Gefangenschaft.  

"Seine grundlegende Erfahrung in der russischen Gefangenschaft war, wie das bei vielen jungen Leuten war, dass er gegen diesen Krieg war. Und die Partei, der er in dem Kriegsgefangenenlager in Sibirien beigetreten war, hieß nicht kommunistisch, sondern sozialdemokratisch."

Zunächst wurde Nagy zum Agrarminister ernannt

Zum Kommunisten, so der ungarische Historiker György Dalos, wurde Nagy nach seiner Rückkehr nach Ungarn 1920. Dort hatte der ehemalige österreichisch-ungarische Admiral Miklós Horthy inzwischen ein autoritäres Regime mit feudalen Zügen errichtet.

"In diesem Regime hat die Bauernschaft noch mehr als die Arbeiterschaft unter der Willkür dieser lokalen Feudalherren und Großgrundbesitzer gelitten. Ihn hat diese bäuerliche Rebellion zum Kommunismus geführt, und in dieser Art war er eher emotional als ideologisch Kommunist."

Ende der 20er-Jahre emigriert Nagy in die Sowjetunion, wo er sich mit landwirtschaftlichen Fragen befasst und in den Führungszirkel der ungarischen KP aufsteigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernehmen die Kommunisten die Macht in Ungarn. Nagy wird zum Agrarminister ernannt, um die Bodenreform voranzutreiben. Die Großgrundbesitzer werden enteignet, das Land wird an die Bauern verteilt. Das Ziel allerdings lautet: Kollektivierung.

Nach Massenprotesten wird Nagy erneut Ministerpräsident

Nagy plädiert für Freiwilligkeit, doch die Sowjets setzen auf Zwang und Terror. Moskau weiß, dass das Regime verhasst ist, und so wird Nagy nach Stalins Tod 1953 zum Ministerpräsidenten ernannt. Er entlässt Gefangene und lockert die staatliche Zensur. Manchen in der Partei geht das zu weit, und er wird wieder abgesetzt. Doch als 1956 die Verbrechen Stalins publik werden, brodelt es erneut in der Bevölkerung. Es kommt zu Massenprotesten in Budapest, die sowjetischen Truppen sind zum Einsatz bereit. Um die Wogen zu glätten, wird Nagy am 23. Oktober zum zweiten Mal als Ministerpräsident eingesetzt.

"Aber er hat ein großes Problem: Wenn er bei den Sowjets fordert, dass sie sich zurückziehen oder zumindest Budapest verlassen, dann wird er in den Augen der Sowjets verdächtig, solange er aber duldet, dass die Sowjets sich in Budapest aufhalten, ist er in den Augen der Aufständischen und der Massen verdächtig." 

Die Sowjets schlagen die Revolution blutig nieder

Nagy versucht zu vermitteln, vor allem aber sucht er das Gespräch zu den Studenten, Arbeitern und Angestellten, die sich in Räten organisieren. Ein klares politisches Programm haben sie nicht, doch in einem Punkt sind sie sich einig, erklärt einer der Aufständischen: 

"Mit zwei Worten kann ich es sagen. Außenpolitik: Unabhängigkeit und keine Betonung einer russisch-ungarischen Freundschaft, und Innenpolitik: Freiheit, freie Wahlen, Demokratie - aber wahre Demokratie!" 

Als sich Imre Nagy den Forderungen anschließt und Anfang November den Austritt aus dem Warschauer Pakt ankündigt, beschließen die Sowjets, die Revolution blutig niederzuschlagen - während die Weltöffentlichkeit mit der Suez-Krise beschäftigt ist. Nagy erhält zunächst Asyl in der jugoslawischen Botschaft, dann wird er herausgelockt und nach Rumänien deportiert. Im Juni 1958 wird ihm mit anderen in Budapest ein politischer Prozess gemacht. Obwohl er den Volksaufstand selbst nicht wollte, übernimmt er die Verantwortung.
 
"Das ist die moralische Stunde von Imre Nagy. Da gelingt es ihm, irgendwie sich selbst und seine eigene Vergangenheit zu überwinden und sich mit einem Volk zu identifizieren, ohne dass er seine kommunistischen Ideen aufgibt, er ist Kommunist geblieben."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk