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StartseiteKalenderblattAls sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund gründete 02.09.2021

Vor 75 JahrenAls sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund gründete

Unter der Abkürzung SDS wurde der Sozialistische Deutsche Studentenbund in den Revolten des Jahres 1968 bekannt, er galt als Motor der APO, der außerparlamentarischen Opposition. Auch wenn die bald zerfiel – beim sogenannten Marsch durch die Institutionen war die gemeinsame SDS-Erfahrung entscheidend.

Von Jochen Stöckmann

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Nach dem Krieg sind Straßen und Schienenwege zerstört, Deutschland ist in vier Besatzungszonen geteilt. Dennoch kommen aus 20 Städten fast 100 Delegierte linker Studentengruppen am 2. September 1946 in der Hamburger Elbschlossbrauerei zusammen. Der Osten beteiligt sich allerdings nur mit einer einzigen Abordnung der Berliner Humboldt-Universität. In der Sowjetischen Besatzungszone wird die Kommunistische Partei favorisiert. In Hamburg aber, bei der Gründung des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS), stehen führende Sozialdemokraten Pate: Erich Ollenhauer und Kurt Schumacher.

Von Beginn an Streit um Verhältnis zur SPD

"Da war Ollenhauer da, Schumacher da. Ja, und dann sind Reden gehalten worden. Und es gab eine große Auseinandersetzung, ob nur Leute aufgenommen werden sollen, die der SPD angehören – und das wurde dann aber mehrheitlich abgelehnt. Wir wollten frei bleiben." Sagt Irmgard Heydorn, die als überzeugte Sozialistin im Widerstand gegen Hitler war. Sie hat mit der Bekennenden Kirche ebenso zusammengearbeitet wie mit Kommunisten. In dieser "Freiheit" von allzu enger Parteibindung soll auch der SDS agieren – und damit Intellektuelle für die Sozialdemokratie gewinnen.

"Wenn die SPD die Führung in der neuen Republik übernehmen wollte, dann brauchte sie dazu Unterstützung auch aus den ehemals bürgerlichen Bevölkerungsschichten und die Fachkompetenz der sogenannten geistigen Berufe." So sah es in der Rückschau Peter von Oertzen, in den 1970er-Jahren Leiter der SPD-Programmkommission. Er hatte das "Fremdeln" der Bildungsbürger und Akademiker gegenüber der Sozialdemokratie selbst erlebt, 1946 als Student in der Britischen Zone:

"Ich hatte gar keine Ahnung, was eigentlich mit der SPD so los wäre. Ich fand mal irgendwo eine Formulierung von Schumacher: "Wir wollen alles tun, damit die Schrecken der Vergangenheit sich nicht wiederholen." Ein berühmtes Zitat. Das fand ich sehr plausibel. Und dann bin ich abends zu einer Versammlung des SDS und am Ende der Versammlung war ich Vorsitzender in der Gruppe Göttingen."

Helmut Schmidt kam im Offiziersmantel

Die Studenten erwarten politische Bildung, der Vorstand ist mit praktischen Problemen konfrontiert: Für finanziell notleidende Studenten müssen Stipendien her. Das fordert sehr energisch ein neuer Vorsitzender, Helmut Schmidt. Der spätere Bundeskanzler ist in Hamburg in den SDS eingetreten Irmgard Heydorn erinnert sich:

"Helmut Schmidt kam im Offiziersmantel rein und sagte, er wolle aufgenommen werden. Und ich sagte zu ihm: Das geht nicht. Da sagt er: warum nicht? Und ich sag: Na, weil Sie Offizier in der Wehrmacht waren. Und daraufhin sagt er: Das kann ich aber erklären."

Mitglieder von KPD und SED flogen raus

Als Wehrpflichtiger, nicht aus Überzeugung ist Schmidt Offizier geworden – wie viele seiner Altersgenossen. Diese jungen Männer wollen einige SDS-Gruppen erst einmal vom Studium ausschließen. Die Delegiertenkonferenz lehnt einen entsprechenden Antrag ab, allerdings nur mit knapper Mehrheit.

Zugleich wird im August 1947 beschlossen, dass die Mitgliedschaft in KPD oder SED mit dem demokratischen Sozialismus des SDS nicht vereinbar sei. Dieser Rauswurf der Kommunisten – demokratisch entschieden – wird in Hamburg schneidig durchgesetzt. Aber gegen die Gruppe um Schmidt gewinnen jüngere SDSler an Einfluss. Dazu Peter von Oertzen:

"An die Stelle der Kriegsteilnehmergeneration traten unter den Studenten diejenigen, die Nazizeit und Krieg nur noch als Kinder miterlebt hatten. Sie forderten eine konsequente Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit. Und der SDS war der Vorreiter dieser Bewegung."

Eine Collage zusammengesetzt aus dem Ausstellungsplakat mit Werbung für die Berliner Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" im März 1960 und das Cover der von Wolfgang Koppel, dem hiesigen Karlsruher SDS-Verantwortlichen für die Ausstellung 1959, der im Sommer 1960 herausgegeben Broschüre mit einer Auswahl der ausgestellten Urteile sowie Namenlisten. Das Exemplar befindet sich im Bestand des Stadtarchivs Karlsruhe. (Stadt Karlsruhe / Layout: Setzer / Foto: Stadtarchiv) (Stadt Karlsruhe / Layout: Setzer / Foto: Stadtarchiv)Historiker Frei: SDS hat sich nicht abspeisen lassen
Mit der Ausstellung des SDS, "Ungesühnte Nazijustiz", begann vor 60 Jahren die Aufarbeitung der NS-Justizverbrechen. Di Veranstalter, Mitglieder des Die SDS hätten zum ersten Mal gezeigt, wie sich "die Justiz zum Büttel der Nationalsozialisten gemacht hatte", so der Historiker Norbert Frei im Dlf.

Diese Kritik, unter anderem an Wiederbewaffnung und Wehrmachtsgenerälen in der Bundeswehr, führt 1961 zum Bruch: SDS-Mitglieder werden aus der SPD ausgeschlossen. Nun knüpfen die Studentengruppen mit ihren führenden Köpfen um Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl Verbindungen für einen neuen SDS, die "Außerparlamentarische Opposition" APO. Peter von Oertzen:

"Nach wenigen Jahren waren seine Kräfte jedoch verbraucht. 1970 zerfiel die Organisation. Aber Hunderttausende junger Menschen – die viel berufenen "68er" – strömten, von ihm, dem SDS, beeinflusst in die Politik."

Götz Aly steht in einem Gang und schaut freundlich in die Kamera. Er trägt ein blaues Hemd, schwarzen Pullover und darüber ein graues kariertes Sacko. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe) (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)Historiker: "Verdienste der 68er sind deutlich kleiner, als sich viele einbilden"
Die 68er waren "die erste Generation, die ungeschützt und unvorbereitet in den Abgrund von Auschwitz gucken musste", sagte der Historiker Götz Aly im Dlf. Dadurch sei eine Umbruchphase entstanden – allerdings mit eingebildeten Verdiensten.

In Parteien, Parlamenten und beim sogenannten Marsch durch die Institutionen war eine gemeinsame SDS-Erfahrung entscheidend: die streitbare Diskussion in unabhängigen, auf niemanden verpflichteten Gruppen.

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