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StartseiteKalenderblattChristliche Enteignungsforderungen und die Anfänge der CDU26.06.2020

Vor 75 JahrenChristliche Enteignungsforderungen und die Anfänge der CDU

Vor 75 Jahren gründete sich in Berlin die CDU. Die Partei suchte einen Dritten Weg zwischen einer Restauration der bürgerlichen Gesellschaft und dem Sozialismus, zur verbindenden Klammer wurde dabei das Christentum. Konrad Adenauer brachte die Partei später auf einen marktwirtschaftlicheren Kurs.

Von Bert Oliver Manig

Blick über den Saal auf das Präsidium während des ersten Bundesparteitags der Christlich-Demokratischen Union (CDU). Vom 20. bis 22. Oktober 1950 hielt die CDU im Odeonsaal der alten Kaiserstadt Goslar ihren ersten Bundesparteitag seit ihrer Gründung 1945 ab. (picture alliance / dpa)
Der erste CDU-Bundesparteitag fand 1950, fünf Jahre nach der Gründung, in Goslar statt (picture alliance / dpa)
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Nur sieben Wochen nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee wurde dort am 26. Juni 1945 die Gründung einer neuen politischen Partei bekanntgegeben:

"Deutsches Volk! In der schwersten Katastrophe, die je über ein Land gekommen ist, ruft die Partei Christlich Demokratische Union Deutschlands aus heißer Liebe zum deutschen Volk die christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte zur Sammlung."

Fast die Hälfte der 35 Gründungsmitglieder hatte Widerstandskreisen gegen Hitler angehört. Mit ihrem Projekt einer christlichen Sammlungspartei standen die Unterzeichner des Aufrufs nicht alleine: Lokale Initiativen in ganz Deutschland verfolgten unabhängig voneinander, aber mit verblüffend ähnlicher Programmatik, dasselbe Ziel. Ansätze zur Sammlung der Parteien der Mitte hatte es bereits in der Weimarer Republik gegeben – neu war, dass nicht das Bürgerliche, sondern das Christentum die verbindende Klammer war:

"Aus dem Chaos von Schuld und Schande kann eine Ordnung in demokratischer Freiheit nur erstehen, wenn wir uns auf die kulturgestaltenden sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums besinnen und diese Kraftquelle unserem Volke immer mehr erschließen."

Christlichkeit als Markenkern

Die Worte "bürgerlich" oder "konservativ" kamen im Berliner Gründungsaufruf nicht vor – diese Begriffe waren nach der Katastrophe des 1933 geschlossenen Bündnisses von Konservativen und NSDAP gründlich desavouiert. Zwar gab es unter den evangelischen Gründungsmitgliedern einige Kirchenfunktionäre und Intellektuelle konservativer Prägung. Doch die maßgeblichen politischen Profis unter den Gründern hatten ihre Sporen in der katholischen Zentrumspartei, in der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, DDP, oder den christlichen Gewerkschaften verdient.

  (picture-alliance/dpa/Kurt Rohwedder) (picture-alliance/dpa/Kurt Rohwedder)Die Partei, die keine sein wollte
Die CDU wollte sich bei Ihrer Gründung nicht als Partei im klassischen Sinne sehen. Sie war ein Zusammenschluss des politischen Katholizismus und der protestantisch konservativen Vereine und Parteien, die es vor 1933 gab. Experten sprechen von der Gründung einer Partei neuen Typs.

Der Markenkern der neuen Sammlungspartei war also nicht das Konservative, sondern das Christentum – unter diesem Leitbegriff konnten Bauernvertreter, Beamtenpolitiker, Kleriker und Gewerkschafter beider Konfessionen ihre Interessen einbringen. Auf Kernforderungen wie Rechtstaatlichkeit, Gewissensfreiheit, Elternrecht und obligatorischen Religionsunterricht konnten sie sich leicht verständigen. Die Betonung der "Persönlichkeit" und die Abwehr des "Massenwahns" dienten dazu, die CDU als Gegengewicht gegen Kommunisten und Sozialdemokraten zu positionieren. Gleichwohl wurde im Gründungsaufruf ein recht harmonisches Idealbild des Parlamentarismus gezeichnet:

"Die Volksvertretung soll die brüderliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller die Demokratie bejahenden Parteien und aller aufbauwilligen Kräfte verwirklichen."

Forderung nach Enteignung des Großgrundbesitzes

In konkreten Fragen gab es durchaus Berührungspunkte mit den sozialistischen Parteien. Den Christdemokraten schwebte keine Restauration des Kapitalismus vor, sondern eher ein mittelständischer Arbeiter-, Handwerker-, Bürger- und Bauernstaat mit einem hohen Maß an – wie es hieß – "straffer Planung" der Wirtschaft: Die Schwerindustrie und die Bodenschätze sollten verstaatlicht werden, die Bildung einer starken Einheitsgewerkschaft wurde begrüßt. Das Privateigentum war für die CDU Bestandteil ihres Gesellschaftsentwurfs, aber kein unantastbarer Besitztitel. Ausgerechnet unter der Führung des späteren westdeutschen Bauernverbandsvorsitzenden Andreas Hermes forderten die Berliner Parteigründer die Enteignung des Großgrundbesitzes:

"Eine umfassende ländliche und gärtnerische Siedlung muss unter weitgehender Heranziehung des Großgrundbesitzes einer möglichst großen Zahl von Deutschen den Zugang zu eigener Scholle und zu selbständiger Arbeit eröffnen. Die wirtschaftliche Sicherung eines freischaffenden Bauerntums und die Ansiedlung der Landarbeiter sind ein unerlässlicher Bestandteil jeder Aufbaupolitik und verlangen den stärksten Ausbau des ländlichen Genossenschaftswesens."

Angesichts der bald einsetzenden Repression in der sowjetischen Zone wechselten viele der Berliner CDU-Gründer in die Westzonen und nahmen dort später wichtige politische Ämter ein. Die Ost-CDU degenerierte zum Anhängsel der SED, doch im Westen erwies sich das Konzept einer überkonfessionellen Sammlungspartei als tragfähig. Dies erkannte auch Konrad Adenauer, der sich zunächst nicht an der Neugründung beteiligt hatte, dann aber entschlossen die Führung der Partei an sich zog. Unter ihm wurde die CDU bürgerlicher, marktwirtschaftlicher und auch konservativer.

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