Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Dienstag, 14.07.2020
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteKalenderblattDie Geburtsstunde der "Trümmerfrauen"01.06.2020

Vor 75 Jahren in Berlin Die Geburtsstunde der "Trümmerfrauen"

Heute vor 75 Jahren wurde in der einstigen Reichshauptstadt Berlin bekannt gegeben, dass Frauen zur Trümmerbeseitigung herangezogen werden sollen. Schnell entwickelte sich um die Tätigkeit dieser Frauen ein Mythos, dessen Dimensionen nach Zahlen und Bedeutung die Realität weit hinter sich ließen.

Von Bernd Ulrich

Ältere Frauen räumen 1948 in der Innenstadt von Westberlin den Kriegsschutt beiseite. (picture alliance / dpa / Wolfgang Etzold)
Trümmerfrauen in Berlin 1948 (picture alliance / dpa / Wolfgang Etzold)
Mehr zum Thema

Zum Tod von Joseph Vilsmaier "Poesie der Bodenständigkeit"

Vor 100 Jahren geboren Henry Ries - Fotograf der deutschen Nachkriegszeit

"Trümmerfrauen"-Studie Wer Deutschland wirklich vom Schutt befreite

Trümmerfrauen Den Kriegsschutt räumten andere weg

"Plingpling – So tönt der Hammerschlag – Plingpling – den lieben langen Tag, ich weiß nicht mehr wies früher war, der Stein wiegt schwer in meiner Hand, ich steh damit am Straßenrand, ein ganzes Jahr."

Die Sängerin Ruth Pera intonierte im November 1947 die "Vision einer Trümmerfrau". Aufgenommen in den Studios des sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunks, glorifizierte das Lied den sozialistischen Aufbau und die Leistung der dafür in Berlin verpflichteten "Trümmerfrauen". Es gab genug zu tun. Mehr als die Hälfte des Wohnraumbestandes in der Stadt war zerstört. 2,8 Millionen Menschen – von einmal 4,1 Millionen – hausten noch in den Trümmern, darunter eine halbe Million in die Stadt gezwungene Fremd- und Zwangsarbeiter – und Frauen und Kinder, denen es gelungen war, die verlustreichen Kämpfe in Berlin zu überleben. Schon am 1. Juni 1945 hatte das noch für alle Besatzungszonen zuständige Hauptamt für den Arbeitseinsatz verkündet, dass Frauen im Alter zwischen 15 und 50 Jahren zur Trümmerbeseitigung herangezogen werden sollen. Die Arbeiterin Luzie Appelt schilderte 1982, wie es begann:

"Also, das fing so an, dass ich damals gegangen bin mit vielen anderen Frauen zusammen zur Greifswalder Straße, da mussten wir uns die Schippen holen, ja, Material, also Schippe, Picke und den Hammer vor allen Dingen für die Steine, und dann marschierten wir zur Baustelle und das war in Friedrichshain, Ecke Knipprodestraße – und dann gings los."

Zweithöchste Kategorie der Lebensmittelzuteilung

Allerdings erwähnte Luzie Appelt nicht, dass es eine Verpflichtung zur Arbeit gab. Leonie Treber, die 2014 mit ihrer historischen Dissertation zum "Mythos Trümmerfrau" entscheidende Aufklärungsarbeit geleistet hat:

"Die Arbeitsämter, die in Berlin und der sowjetischen Besatzungszone diese Frauen, genauso aber eben auch Männer, zu diesen Arbeiten herangezogen haben, die haben das eben daran gekoppelt einmal an die Registrierung der Arbeitslosen und eben auch daran, dass die Arbeitslosen, die sich eben dieser Registrierung oder dann auch dieser Arbeitspflicht entzogen haben, die haben keine Lebensmittelmarke erhalten."

Wer aber mitmachte, der erhielt, namentlich im sowjetisch besetzten Teil Berlins, die zweithöchste Kategorie der Lebensmittelzuteilung; damit war das Überleben gesichert, auch wenn die anstrengende Arbeit zusetzte und es häufig zu Unfällen kam.

Die sogenannten "Trümmerfrauen" arbeiten im Mai 1945 in Berlin an der Beseitigung der Trümmer von im 2. Weltkrieg zerstörten Häusern. (picture-alliance / Ursula Röhnert)Berlin 1945: "Trümmerfrauen" arbeiten in Berlin am Wiederaufbau der Stadt (picture-alliance / Ursula Röhnert)"Trümmerfrauen"-StudieSelbstlos und tatkräftig räumten die Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg den Schutt weg und bauten die deutschen Städte wieder auf – so will es die Legende. In einer umfassenden Studie entlarvt die Historikerin Leonie Treber den Mythos Trümmerfrau als Inszenierung.

Die Trümmerbeseitigung stand natürlich in allen Besatzungszonen auf der Tagesordnung – wie auch schon während des Krieges. Eine verhasste Arbeit, zu der gemeinhin - inklusive der Bombenentschärfung mit primitiven Mitteln - Fremd- und Zwangsarbeiter sowie KZ-Häftlinge gezwungen wurden. In den ersten Nachkriegsmonaten kam es dann verschiedentlich zum Einsatz einstiger NSDAP-Mitglieder, darunter auch Frauen, wie eine Zeitzeugin aus Hanau zu berichten wusste:

"Da wurde ein sogenannter Ehrendienst installiert, da mussten vor allen Dingen die, die politisch belastet waren, die sind rangeholt worden, und die haben sich auch nicht gedrückt davor, weil: jeder wollte ja beweisen, dass er nun auch ein guter Demokrat sein will, ja."

Vor allem in Berlin und weiteren Städte der sowjetischen Zone

Insgesamt sorgten in den Westzonen freilich professionelle Baufirmen und Arbeiter – mit alliierter Hilfe - für die Trümmer-Beseitigung. Frauen konnten zwar prinzipiell herangezogen werden. Dennoch kamen sie nur in der britischen Zone und gegen den Widerstand deutscher Behörden im geringen Umfang zum Einsatz. Ihr eigentliches Wirken konzentrierte sich auf Berlin und weitere Städte der sowjetischen Zone – und auch hier in relativ geringem Umfang. Zum einen bestand dort angesichts der sofort einsetzenden hohen Reparationsleistungen an die Sowjetunion – und des dadurch verursachten Mangels an maschinellen Räumgeräten – ein erhöhter Bedarf an menschlicher Arbeitskraft. Zum Anderen gehörte harte, körperliche Arbeit nun zum propagierten Idealbild der sozialistischen Frau. Leonie Treber:

"In der DDR hat sich dann eben anknüpfend an diese frühen Bilder ganz schnell eine Traditionslinie entwickelt, wo die Trümmerfrau eben zu einer Vorreiterin der Gleichberechtigung wurde."

Mit Ausnahme West-Berlins, konnte davon in der Bundesrepublik keine Rede sein. Erst im Verlaufe der 1980er-Jahre, da sich die entstehende Frauengeschichtsschreibung des Themas annahm, sowie – verstärkt durch die Wiedervereinigung – durch die Debatten um die Anrechnung des Babyjahres in der Rente nahm die "Trümmerfrau" gesamtdeutsche Gestalt an. Dass die Erinnerung an sie von Mythen und falschen Zahlen durchzogen bleibt, ändert nichts am großen Beitrag von Frauen für den Wiederaufbau.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk