Dienstag, 25.02.2020
 
Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteKalenderblattRaoul Wallenberg hat als Diplomat Tausende Juden gerettet17.01.2020

Vor 75 Jahren verhaftetRaoul Wallenberg hat als Diplomat Tausende Juden gerettet

Tausende ungarische Juden erhielten über den Diplomaten Raoul Wallenberg Schutzpässe der schwedischen Regierung und waren so vor dem Zugriff der Nazis geschützt. Auch Wallenberg selbst überlebte die NS-Zeit – wurde aber von der Sowjetunion inhaftiert. Kurz darauf war er tot.

Von Matthias Bertsch

Undatierte Aufnahme von Raoul Wallenberg. (picture-alliance / dpa / epa_Pressensbild)
Raoul Wallenberg teilte in Ungarn schwedische Schutzpässe aus und bewahrte so Tausende Juden vor der Deportation in Konzentrationslager (picture-alliance / dpa / epa_Pressensbild)
Mehr zum Thema

Die Rote Armee als Nachbar Ein brandenburgisches Dorf erinnert sich

Judentum in Tschechien Post aus der Vergangenheit

75 Jahre Kriegsende "Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit bleibt Herausforderung"

Als Raoul Wallenberg im Juli 1944 in Budapest eintraf, hatte der Massenmord an den ungarischen Juden bereits seinen Höhepunkt erreicht. Im Februar hatte die Wehrmacht das ehemals verbündete Land besetzt, von Mitte Mai bis Anfang Juli waren über 400.000 Juden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Weitere Hunderttausende erwartete in Budapest ein ähnliches Schicksal. Angesichts der dramatischen Situation hatte sich das US-amerikanische Komitee für Kriegsflüchtlinge, das War Refugee Board, an das neutrale Schweden gewandt – mit der Bitte, ungarische Juden zu retten. Die Wahl der schwedischen Regierung fiel auf den 31-jährigen Raoul Wallenberg, der aus einer der reichsten Familien des Landes stammte. Mit einer Liste jüdischer Namen machte er sich auf den Weg nach Budapest, so der Historiker Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin.

"Er hat zunächst Schutzpässe ausgestellt, Schutzpässe der schwedischen Regierung, der völkerrechtliche Status dieser Schutzpässe ist nicht ganz klar, aber die Schutzpässe wurden von den deutschen und von den ungarischen Behörden respektiert."

Energisches Auftreten für die Humanität

Adolf Eichmann, der die Deportationen in Ungarn koordinierte, war außer sich über das Auftreten des Diplomaten. Er nannte Wallenberg einen "Judenhund", den man erschießen müsse, doch er scheute den Konflikt mit der schwedischen Regierung. Und so teilte Wallenberg nicht nur zigtausend Schutzpässe aus, sondern ließ im Umfeld der schwedischen Botschaft auch zahlreiche Häuser unter den Schutz der Krone stellen. In diesen sogenannten Schwedenhäusern waren die Juden dem deutschen Zugriff entzogen.

"Er hat dann auch noch, als in der Endphase der deutschen Besatzung, Ende November, Dezember 1944, Juden in die Donau gestoßen wurden, …, die nicht deportiert worden waren, Juden sozusagen davor gerettet, dass sie in die Donau gestoßen wurden, indem er wohl entschieden aufgetreten ist, und auch zum Teil nur behauptet hat, dass diese Juden mit schwedischen Schutzpässen ausgestattet worden seien."

Wallenberg hatte nach dem Studium in den USA für Firmen in Südafrika, Palästina und Europa gearbeitet. Er war oft in Ungarn und durch jüdische Freunde über das Schicksal der ungarischen Juden informiert. Doch sein Entsetzen über den Massenmord allein erklärt noch nicht die Vehemenz, mit der er den Nazis und ihren ungarischen Verbündeten, den Pfeilkreuzlern, entgegentrat: Er kam persönlich zu den Deportationsstellen und beharrte darauf, dass ihm Juden mit Schutzpässen zu übergeben seien – auch wenn ihn das selbst in Lebensgefahr brachte. Vorbild für seinen Mut war der Film "Pimpernel Smith": ein britischer Propagandafilm von 1941, in dem ein verkleideter Archäologe die Nazis durch sein militärisches Auftreten einschüchterte. Der Film habe Wallenberg nachhaltig beeindruckt, erklärte seine Halbschwester später. Und auch Per Anger, der ehemalige schwedische Botschaftssekretär in Budapest und enge Mitarbeiter Wallenbergs, erinnerte sich an verblüffende Parallelen.

"Er war ein Schauspieler. Mit mir war er ganz normal und sympathisch, und wir waren sehr gute Freunde, aber wenn er mit den Nazis gesprochen hat, hat er sich ganz verändert: Er hat gebrüllt, er hat dieselbe Sprache benützt wie die, also die waren sehr imponiert."

Seine Spur verliert sich im Moskauer Zentralgefängnis

Noch Anfang 1945 konnte Wallenberg die Sprengung des jüdischen Ghettos verhindern - er drohte den Verantwortlichen, sie vor ein Kriegsverbrechertribunal zu bringen. Als wenige Tage später die Rote Armee in Budapest einmarschierte, versuchte der schwedische Diplomat, die von ihm geretteten Juden unter den Schutz der neuen Besatzungsmacht zu stellen, doch die Sowjets begegneten ihm mit Misstrauen.

"Es ist dokumentiert, dass Wallenberg noch am 12. Januar ein Essen hatte in Budapest, dort ist er letztmals lebend gesehen worden. Weiterhin ist belegt, dass der stellvertretende Verteidigungsminister, der Vizeverteidigungsminister der Sowjetunion, Bulganin, am 17. Januar einen Befehl ausgestellt hat, Wallenberg zu verhaften. Maßgebliche Gründe für die Verhaftung waren, nach allem, was wir wissen, dass er Kontakte hatte zu amerikanischen Hilfsorganisationen, es wurde ihm vorgeworfen, dass er zu zionistischen Organisationen Kontakte hatte."

Wallenberg wurde als Spion ins Moskauer Zentralgefängnis Lubjanka gebracht. Dort verliert sich seine Spur. Die Sowjetunion behauptete später, er sei 1947 bei einem Verhör gestorben, andere Zeugen wollen ihn noch Anfang der 80er-Jahre in russischen Lagern gesehen haben. Gewissheit über Zeitpunkt und Gründe seines Todes wird es vielleicht nie geben, doch sein Einsatz zur Rettung Tausender Juden ist bis heute unvergessen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk