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StartseiteTag für TagKetzerjäger, Inquisitor und Reformer: Papst Innozenz III.15.07.2016

Vor 800 Jahren gestorbenKetzerjäger, Inquisitor und Reformer: Papst Innozenz III.

Er gilt als erbarmungsloser Ketzerjäger. Zugleich war Papst Innozenz III. ein kluger Jurist, entschlossener Reformer und ein Politiker mit Weitblick. Er entschied den deutschen Thronstreit, förderte die jungen Bettelorden. Sein größter Wurf war die Einberufung des Vierten Laterankonzils. Am 16. Juli 1216 starb Innozenz III.

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

Zeitgenössische Darstellung von Papst Innozenz III. (1198 bis 1216). Papst Innozenz III. (eigentlich Lothar Graf von Segni) führte das mittelalterliche Papsttum auf den Gipfel seiner Macht. (picture-alliance / dpa )
Zeitgenössische Darstellung von Papst Innozenz III. (1198 bis 1216). Papst Innozenz III., der das mittelalterliche Papsttum auf den Gipfel seiner Macht, führte starb vor 800 Jahren. (picture-alliance / dpa )
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Schon das Krönungszeremoniell des neuen Papstes machte sein Amtsverständnis deutlich. Zu Zepter, Schwert und Krone fügte er als Zeichen seiner Machtfülle die goldene Weltkugel hinzu. Und nicht, wie bisher üblich als "Vicarius Petri", bezeichnete er sich, sondern als "Vicarius Christi", als "Stellvertreter Christi". Und er formulierte:

"Geringer als Gott, aber größer als der Mensch. Einer, der alles richtet, aber von niemandem gerichtet wird…"

Der Machtmensch

Und genauso präsentiert er sich nun auch in der Folge: Papst Innozenz III. aus dem Haus der Grafen von Segni: befehlsgewohnt, organisationsbegabt, machtorientiert. Vor allem Letzteres, sagt die Historikerin Christiane Laudage:

"Innozenz war ein Machtmensch. Er hatte ein extrem hohes Selbstverständnis von seinem Amt." Er tritt es am 8. Januar 1198 an. "Es ist so, dass Innozenz im zweiten Wahlgang gewählt worden ist und dass dabei die Kardinäle außerordentlich Mut bewiesen haben, denn Innozenz war ja noch ein sehr junger Mann; er war 37 Jahre alt."

Also einer der jüngsten Päpste der Kirchengeschichte. Eine Tatsache, die im fernen Deutschland den Minnesänger Walther v. d. Vogelweide verdrießlich kommentieren lässt:

"Owê, der bâbest ist ze junc. Hilf, hêrre, dîner cristenheit."

Das sehen viele ähnlich. Wenn auch aus anderen Gründen. Denn der neue Pontifex - ein brillanter Kirchenjurist - besitzt einen wachen, nüchternen und vor allem kämpferischen Verstand. Und die Entschlossenheit, mit eisernem Besen zu kehren, Ordnung zu schaffen, Missstände zu beseitigen: Wie etwa, so schnaubt er, komme der Abt Wilhelm von St. Omer dazu, gleich zwei Abteien mit kostspieligen Saufgelagen in den Ruin zu treiben? Was fällt dem Bischof von Astorga ein, sich des Meineids und der Simonie schuldig zu machen? Und was zum - pardon - Teufel hat den Erzbischof Amadeus von Bésançon geritten, Priesterweihen zu verkaufen und die Mätresse seines Bruders zur Äbtissin zu machen? Christiane Laudage fasst diesen Aspekt zusammen: "Er hat die päpstliche Macht sehr weit ausgebaut."

Politischer Zündstoff

Und zwar so weit, dass er unverblümt Anspruch auf die Königswahl als päpstliches Dauerrecht erhebt. Daraus wird politischer Zündstoff, da Innozenz bald mitten hinein in die Thronstreitigkeiten zwischen Staufern und Welfen, zwischen Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig gerät:

"Er hat gesagt - das war Teil seines Amtsverständnisses - ich werde diesen Streit entscheiden. Er war der Meinung, dass ihm die Entscheidung zufiele, welcher von den beiden Kontrahenten der richtige wäre. Er hat sich dann nachher auf Otto eingelassen, weil der bereit war, seinen Ansprüchen entgegenzukommen."

Und hat damit zunächst aufs falsche Pferd gesetzt. Denn Otto erweist sich keineswegs als so leicht handhabbar wie angenommen. Weshalb Innozenz seinen Sturz besiegelt, indem er sein eigenes Mündel, den jungen Staufer Friedrich II. ins Spiel und - auf den Thron bringt. Und der Welt damit eine der glänzendsten Herrscherpersönlichkeiten des Mittelalters beschert.

Es ist eine Epoche im Umbruch, in der Innozenz ein riesiges Reich unter seinem Hirtenstab vereint. Geprägt ist sie von den Ausläufern des Investiturstreites, von Machtkämpfen zwischen den Fürsten, von zerfallenden kirchlichen Strukturen, von Ketzerbewegungen wie den Katharern und dem Aufkommen der Bettelorden. Christiane Laudage:

"Wir haben es zu tun mit der Armutsbewegung, die im 12. Jahrhundert aufkommt. Arm sein, Buße tun, ganz für Gott leben. Wir haben es zu tun mit den Katharern in Südfrankreich, die tief in der Gesellschaft Fuß fassen konnten, sie haben arm gelebt, gepredigt, sodass die Menschen in ihrem Herzen berührt worden sind."

Glaubenskriege werden zu Eroberungskriegen

Die Ketzer bekämpfen, die frommen Bettelbrüder fördern. Doch wer sind die Umstürzler und wer die rechten Christen? Eine Antwort hat die Historikerin:

"Zum einen diese ketzerischen Bewegungen, zum anderen hatte er da diese kleine struppige Schar von Bußpredigern, die durch Italien zogen - Laienprediger. Da muss sich sofort jedes Haupthaar ihm aufgestellt haben vor lauter Schreck. Innozenz hatte allerdings die Gabe zu unterscheiden. Er hat ganz klar gesagt: Diese Menschen sind rechtgläubig, lasst uns ihnen eine Chance geben. Machen wir ihnen ein kirchliches Angebot, versuchen wir, sie an die Kirche heranzubringen, ihnen die Möglichkeit zu geben, im Rahmen der Kirche ihre Religiosität auszuleben."

Drei Ziele hat sich Innozenz auf die Fahnen geschrieben: Kreuzzug, Kirchenreform, Konzil. 1198 ruft er den Vierten Kreuzzug aus, der allerdings das Heilige Land nie erreichen und in völligem Desaster enden wird. Aus Glaubenskriegen werden Eroberungskriege. Im Morgen- und im Abendland:

"Innozenz hat ja den Kreuzzug gegen die Albigenser ausgerufen. Innozenz war der Erste, der einen politischen Kreuzzug ausgerufen hat. Er hat die Kreuzzüge dazu benutzt, die Feinde der Christenheit zu besiegen. Wer die Feinde der Chri-stenheit waren, hat er natürlich definiert."

Sein größter Wurf: das Vierte Laterankonzil

Abschluss und Höhepunkt seines Pontifikats ist das Vierte Laterankonzil 1215. Dessen Bedeutung skizziert Christiane Laudage so:

"Auf dem Vierten Laterankonzil sind 70 Bestimmungen erlassen worden, die bis heute Geltung haben. Wir haben den Kanon 1, das große Glaubensbekenntnis mit der Bestätigung der Transsubstantiationslehre, die besagt, dass Brot und Wein in der Wandlung wirklich zu Leib und Blut Jesu Christi werden. Wir haben in Kanon 3 die Ketzerbekämpfung. Da wurde die Ketzerbekämpfung gleichgesetzt mit der Jerusalemfahrt, also in den Rang eines Kreuzzuges erhoben. Das Wichtigste ist Kanon 21 mit der jährlichen Beichte zu Ostern, die jedem Gläubigen ab einem bestimmten Alter vorgeschrieben worden ist."

Innozenz stirbt am 16. Juli 1216 in Perugia. Als er dort in der Kirche aufgebahrt liegt, stehlen Diebe dem bereits verwesenden Leichnam die kostbaren päpstlichen Gewänder vom Leib. Lakonisch notiert der Chronist Jakob von Vitry:

"Sic transit gloria mundi." Also: "So vergeht der Ruhm der Welt."

 

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