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StartseiteKalenderblattVor 85 Jahren formulierte Hindenburg die Dolchstoßlegende18.11.2004

Vor 85 Jahren formulierte Hindenburg die Dolchstoßlegende

<em>Deutschland steht im vierten Kriegsjahre militärisch und wirtschaftlich unerschüttert. Eine Welt von Feinden hat nicht vermocht, es nieder zu ringen. Da Waffen und Hunger Deutschlands Siegeswillen nicht nieder zwangen, griff der Feind zur Niedertracht. Er suchte Zwietracht zu säen, das Volk von seinem Kaiser zu trennen.</em>

Von Otto Langels

Soldaten an der Front (AP Archiv)
Soldaten an der Front (AP Archiv)

In einer Rede während des Ersten Weltkriegs deutete Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg an, was bald nach der deutschen Niederlage im November 1918 in reaktionären Zeitungen zu lesen war: Das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt geblieben, aber von Feinden aus der Heimat erledigt worden – von streikenden Arbeitern, pazifistischen Sozialdemokraten und linksradikalen Spartakisten.

Am 18. November 1919 nutzte Hindenburg den parlamentarischen Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkriegs, um die später als Dolchstoßlegende bekannt gewordene Propagandalüge zu formulieren:

Ein englischer General sagte mit Recht: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden. Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen.

Der Feldmarschall täuschte mit seiner Aussage bewusst die Öffentlichkeit. Denn die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und dem Generalquartiermeister Erich Ludendorff hatte nach der gescheiterten Sommeroffensive 1918 die Reichsregierung ultimativ aufgefordert, Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen. Am 29. September überzeugten Hindenburg und Ludendorff Kaiser Wilhelm II., dass angesichts der militärischen Überlegenheit des Gegners Deutschland den Krieg definitiv verloren habe. Die Verantwortung wollte die Oberste Heeresleitung jedoch nicht übernehmen, sondern die "Suppe sollen die essen", wie Ludendorff sich ausdrückte, "die sie uns eingebrockt haben". Gemeint waren damit die später als "Novemberverbrecher" diffamierten linksliberalen, sozial- und christdemokratischen Politiker.

Zu ihnen gehörte der sozialdemokratische Parteivorsitzende Philipp Scheidemann. Als er am 9. November 1918 von einem Fenster des Reichstags die deutsche Republik ausrief, sah er die reaktionären Kräfte auf dem Rückzug.

Die wirklichen inneren Feinde, die Deutschlands Zusammenbruch verschuldet haben, sind still und unsichtbar geworden. Diese Volksfeinde sind hoffentlich für immer erledigt.

Doch die antidemokratisch gesinnten Militärs und Politiker wollten sich mit der deutschen Niederlage in einem Krieg nicht abfinden, den sie als Verteidigungskrieg deklariert, tatsächlich aber als Eroberungsfeldzug angelegt hatten. Vor allem die Parteien der extremen Rechten, die Deutschnationale Volkspartei und die NSDAP, betrieben mit der Dolchstosslegende eine hasserfüllte Agitation gegen die Anhänger der Weimarer Republik. Dabei nutzten sie das Ansehen Hindenburgs propagandistisch für ihre Zwecke aus.

Gegenüber der Autorität des späteren Reichspräsidenten verblassten beispielsweise die mahnenden Worte eines hochrangigen Militärs wie Wilhelm Groener, dem Nachfolger Ludendorffs als Generalquartiermeister.

Das größte Unrecht wäre es, das deutsche Volk zu schmähen, weil es am Schlusse des verlorenen Weltkrieges zusammen gebrochen ist. Man hatte es auf Bergeshöhen geführt, in eine Illusionswelt, in der es von Hoffnung zu Hoffnung auf den sicheren Sieg erhalten wurde. Vier Jahre lebte es in diesen Sphären. Letzten Endes sind wir der fortgesetzten Selbsttäuschung und einer irrigen Anwendung des Vernichtungsgedankens militärisch erlegen.

Kaum eine andere Parole hat so viel zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen wie die Dolchstoßlegende. Die Verratsvorwürfe, denen sich demokratische Politiker ausgesetzt sahen, erwiesen sich als schwere Hypothek für die junge Demokratie. Die Gewinner waren die Nationalsozialisten. Sie konnten die Geschichtslüge erfolgreich für ihren Kampf um die Macht einsetzen.

Schützenhilfe leistete ihnen dabei der Propagandist der Dolchstoßlegende, Paul von Hindenburg. Statt für Frieden und Demokratie einzutreten, beschwor er 1932 als Reichspräsident den "Geist von 1914" und die "Frontgesinnung":

Wie einst im Kriege die Not des Vaterlandes alles Trennende aufhob und die Massen des Volkes in gleicher Weise hingebungsvoll ihre Pflicht getan haben, so gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass Deutschland sich zu einer neuen Einigkeit im Gedanken an das Vaterland zusammenfindet.

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