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StartseiteEuropa heute"Schottland sucht die Rettungsboote"21.10.2019

Vor dem Brexit"Schottland sucht die Rettungsboote"

Ob Flöten oder Dudelsäcke, in Schottland sind hochspezialisierte Fachleute am Werk. Sie importieren Teile für ihre Musikinstrumente und verkaufen die guten Stücke in alle Welt, auch und vor allem in den europäischen Binnenmarkt. Der Brexit löst bei ihnen Untergangsgefühle aus.

Von Burkhard Birke

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Ein Dudelsackspieler am Bord des britischen Kreuzfahrtschiffs RMS Queen Mary 2 im Atlantik (AFP/ Loic Venance)
Der Dudelsack steht für Schottland - doch die schottischen Instrumentenbauer sorgen sich um ihr Geschäft nach dem Brexit. Manche sprechen von einem Gefühl wie auf der "Titanic". (AFP/ Loic Venance)
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George Ormiston spannt ein Stück viereckiges Stück Holz in die Drehbank. Präzision ist gefragt, denn es handelt sich um Grenadillholz aus Tansania – besonders hart, ideal für Flöten.

"Erst einmal rund, dann das Loch ganz durch die Mitte".  Immer wieder, so erklärt der 68-jährige Flötenbauer, werden die kostbaren Holzstücke bearbeitet: gedreht und perforiert, dazwischen bis zu einem Jahr getrocknet.  "Insgesamt ist dieser Prozess sechs Jahre lang, bevor diese Flöte fertig ist."

Gut Dinge will Weile haben. Seit 41 Jahren baut der gelernte Ingenieur die Musikinstrumente in Schottland, pro Jahr kommt er mit seinen beiden Helfern auf 40 Querflöten. Darüber hinaus baut er noch ein paar kleinere Flöten. Reich wird man damit nicht, aber es genügt zum Leben und George Ormiston kann sich eigentlich nichts Schöneres vorstellen. Holzreserven hat er genug, dafür hat er gesorgt, denn schon vor der Brexit-Entscheidung war gutes Palisanderholz knapp.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Schottland und der Brexit - Risse im Königreich.

Aber: "Ich kann große Probleme sehen in Zukunft, weil unser Silber zum Beispiel kommt aus Deutschland, andere Sachen kommen aus Korea und andere Sachen von Italien und von Holland, also von verschiedenen Ländern der Welt. Und das wird dann nicht mehr das Gleiche wie jetzt."

Countdown zum Brexit (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

Ruinöser Brexit

George Ormiston befürchtet Importzölle. Schwerer würden ihn aber Zölle auf seine Flöten treffen:

"Ich kann mir vorstellen, dass wir nochmal 20 Prozent dazu bekommen. Wenn ich 20 Prozent mehr zahle – Zoll an der Grenze –, dann muss ich 25 Prozent verdienen und wenn ich auf meine Flöten, unsere Instrumente, 25 Prozent draufschlage, dann kann man vergessen, die zu verkaufen außerhalb Großbritanniens. Und dann muss man aufhören, eigentlich."

Denn mehr als zwei Drittel seiner Flötenproduktion exportiert der mit einer Deutschen verheiratete Schotte in die EU. Viele seiner Kunden leben in Deutschland, wo George Ormiston selbst einige Zeit gearbeitet hat.

Dudelsack aus Goretex

Seinen Geschäftsnachbarn, Alan Waldron, würde der Brexit wohl nicht ganz so hart treffen. Seit 26 Jahren baut und repariert der bärtige Schotte Dudelsäcke, vor 11 Jahren ist er aus der Hauptstadt Edinburgh nach Stirling gezogen, dorthin wo William Wallace – Braveheart genannt – 1297 in einer heroischen Schlacht die Engländer besiegte.

"Für mich ist Stirling perfekt: Nur eine Straße weiter oben steht die berühmte Burg. 600.000 Touristen kommen jedes Jahr zu dieser Burg. Stirling ist wie ein Miniatur-Edinburgh und es schuldet seine Existenz dem Felsen und der im 15./16. Jahrhundert bedeutenden Burg." 

Zwangsläufig kommen die Besucher an dem Dudelsack- und Kilt-Laden von Alan Waldron vorbei. Auch er benötigt afrikanisches Schwarzholz für seine Dudelsäcke. Der Prozess ist langwierig: Das Holz muss gut trocknen. Bis zu einem Jahr dauert die Herstellung eines guten Dudelsacks. Immer wieder müssen die vorgeformten Stücke für die 14 Holzteile an dem Instrument gedrechselt und bearbeitet werden. Der Sack selbst kann auch schon Mal aus Goretex sein, nicht mehr unbedingt aus Schaf- oder Rinderhaut.

Dudelsackbauer Alan Waldron in seiner Werkstatt (Deutschlandradio/ Burkhard Birke)Dudelsackbauer Alan Waldron in seiner Werkstatt (Deutschlandradio/ Burkhard Birke)

"Titanic" lässt grüßen

Alan Waldron verkauft seine in Handarbeit gefertigten Dudelsäcke, die nichts mit den billigen Imitaten aus Indien zu tun hätten, in die ganze Welt. Austritt Großbritanniens aus der EU heißt auch für ihn: erschwerte Handelsbedingungen.

"Nach Frankreich, nach Deutschland – da exportiere ich etwa 10 bis 15 Prozent hin, 20 Prozent gehen in die USA und Kanada, neulich habe ich ein Set in die Falklands verkauft, andere gehen nach Hongkong, Singapur … überall hin."

Kein Wunder, denn alljährlich kommen bis zu 10.000 Dudelsackspieler und Trommler zur Weltmeisterschaft nach Schottland. Viele lassen ihre wertvolle Instrumente bei Alan Waldron warten und reparieren. Auch davon lebt der Dudelsackbauer. Das schützt ihn gegen die Folgen des Brexit – zu dem er jedoch eine dezidierte Meinung hat:

"Es fühlt sich an wie auf der Titanic. Schottland sucht die Rettungsboote, während Westminister den Kurs nicht ändern will oder die Geschwindigkeit drosseln will, obwohl der Eisberg immer näher kommt. Wir machen uns zum Gespött der Welt, mit Sicherheit aber von Europa. Schottland wird aber einen anderen Weg einschlagen. Alle Dudelsackspieler, die hierherkommen, sind für Unabhängigkeit. Das ist nur eine Frage der Zeit: In zwei oder drei Jahren wird Schottland unabhängig und Teil Europas sein."

Flötenbauer George Ormiston wird noch deutlicher:

"Das ist so hirnrissig das Ganze. Das macht überhaupt keinen Sinn. Das macht keinen Sinn für Leute wie mich, die ein Geschäft haben wie ich und entweder Sachen importieren oder exportieren in die EU. Alle sagen das Gleiche, ob es ein kleines Geschäft mit zwei oder drei oder 250 oder 1000 ist, die sagen alle das Gleiche: Das ist sowas von doof."

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