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StartseiteHintergrundIren entscheiden über das Recht auf Abtreibung22.05.2018

Vor dem ReferendumIren entscheiden über das Recht auf Abtreibung

Bisher dürfen Frauen in Irland keinen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, selbst dann nicht, wenn sie durch eine Vergewaltigung schwanger geworden sind oder der Fötus nicht lebensfähig ist. Am 25. Mai entscheiden die Iren über eine Reformation des Abtreibungsrechts.

Von Stephanie Pieper

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In Dublin hängen Plakate mit den Slogans "Yes" und "No"  (Artur Widak / AFP)
Bei dem Referendum am 25. Mai geht es um den Umgang mit Abtreibungen im streng katholischen Irland (Artur Widak / AFP)
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Etwa zwei Stunden dauert die Zugfahrt von Dublin nach Waterford an der Südküste Irlands. In dieser 50.000-Einwohner-Stadt, die für ihr Kristallglas berühmt ist, wohnt Claire Cullen-Delsol mit ihrer Familie, in einem kleinen Reihenhaus am Stadtrand. Die 33-Jährige setzt sich an diesem Feiertag gemeinsam mit ihrem Ehemann an den Esstisch, umklammert mit beiden Händen einen Becher Kaffee – und erzählt ihre Geschichte. 2015 – da ist ihre Tochter acht und ihr Sohn knapp zwei Jahre alt – wird Claire zum dritten Mal schwanger. Die Familie freut sich auf ein weiteres Mädchen – bis zur Ultraschall-Untersuchung in der 21. und weiteren Tests in der 22. Woche:

"Da habe ich erfahren, dass sie einen Chromosomen-Defekt hat, dass sie außerhalb des Mutterleibs nicht überleben wird – und dass sie wahrscheinlich nicht lebend auf die Welt kommen wird. Sie hatte Probleme mit dem Herzen, mit den Nieren, mit ihrem Gehirn, sie hatte keinen Magen, ihr fehlten Knochen im Gesicht. Sie war ein sehr krankes kleines Ding."

Nach dem ersten Schock bittet Claire darum, ihr Leiden und das ihrer nicht lebensfähigen Tochter zu beenden, diese Schwangerschaft zu beenden. Sie ist fassungslos, als sie von den Ärzten erfährt, dass auch in ihrem Fall die irische Verfassung einen solchen Eingriff nicht erlaubt – weil er rechtlich als Abtreibung gilt. Nur wenn Claires Leben selbst in Gefahr gewesen wäre, hätte ein Mediziner in Irland ihr helfen dürfen, ohne strafrechtliche Verfolgung befürchten zu müssen – dies ist die einzige Ausnahme vom Abtreibungsverbot:

"Ich habe nicht um eine ungewöhnliche Prozedur gebeten – sondern um etwas, das in vielen Teilen der entwickelten Welt als medizinische Hilfe gilt. Aber mir wurde dies nicht gewährt – und es war egal, was das mit mir gemacht hat. Es war sowieso unausweichlich, dass meine Tochter sterben würde. Aber es hätte in einer Weise passieren können, die gütiger, mitfühlender, respektvoller gewesen wäre."

Sie muss also darauf warten, dass das Herz ihrer ungeborenen Tochter, der sie den Namen Alex gibt, aufhört zu schlagen. Fünf lange Wochen zieht sich ihr Leiden hin. Als Claire am Morgen des 23. September 2015 aufwacht, spürt sie sofort: Alex hat keinen Herzschlag mehr. Endlich darf sie ins Krankenhaus, endlich dürfen die Ärzte die Geburt einleiten. Zwei Tage später wird ihre Tochter tot geboren. Dass vorher Claires eigener Wille nicht zählt, dass sie als werdende Mutter nur ihren Körper bereitstellt – das verletzt sie bis heute; so sehr, dass ihr immer noch die Tränen kommen, wenn sie davon erzählt:

"Das plagt mich seitdem, dieses Gefühl: Selbst wenn ich psychisch auseinanderfalle – ich zähle nicht. Weil ich als schwangere Frau kein Recht habe – außer das, am Leben zu bleiben. Solange es zwei schlagende Herzen in meinem Körper gibt, reicht das. Es fühlt sich total unmenschlich an."

Claire ist schließlich so erbost über das irische Abtreibungsrecht, dass sie zur Aktivistin wird – und für eine Änderung der Verfassung kämpft. Jetzt – fast drei Jahre nach ihrem traumatischen Erlebnis – stimmen die Iren darüber ab, ob Abtreibungen künftig zulässig sind. Claire hofft, dass es dazu kommt, dass die "Together for Yes"-Kampagne erfolgreich ist.

Offiziell gibt es jährlich nur gut zwei Dutzend Abtreibungen

Rückblende in das Jahr 1983: Damals führt Irland per Referendum den achten Verfassungszusatz ein, stark beeinflusst von einer Kampagne der katholischen Kirche. Mehr als zwei Drittel der Bürger stimmen dafür, das ungeborene Leben zu schützen – und auf eine Stufe zu stellen mit dem Leben der werdenden Mutter. Abtreibungen sind damit tabu – wer dennoch eine Schwangerschaft abbricht oder als Arzt dabei assistiert, riskiert bis zu 14 Jahre Gefängnis. 

International für Schlagzeilen sorgt 1992 der Fall eines 13-jährigen Mädchens, das nach einer Vergewaltigung schwanger wird. Ihr will der irische Generalstaatsanwalt seinerzeit die Ausreise nach Großbritannien für eine Abtreibung verbieten, ehe der Oberste Gerichtshof zu Gunsten des Mädchens urteilt. Später lässt der Gesetzgeber explizit zu, dass Irinnen in einem anderen Land abtreiben dürfen – und dass ein Abbruch in Irland selbst erlaubt ist, wenn die Schwangere suizidgefährdet ist. Offiziell erfolgen in Irland jedes Jahr nur gut zwei Dutzend Abtreibungen – tatsächlich sind es viel mehr, sagt der Dubliner Arzt Tiernan Murray:

"Wir wissen nicht, wie viele Frauen in Irland die Abtreibungspille nehmen, weil man solch illegales Verhalten schlecht messen kann – aber wir schätzen, dass es in den vergangenen zwölf Monaten etwa 1.000 waren. Außerdem reisen vermutlich um die 5.000 Frauen jedes Jahr nach Großbritannien, um dort abzutreiben. Eine solche Abtreibung im Ausland kostet aber alles in allem fast 1.000 Euro."

Murray engagiert sich seit fünf Jahren bei "Doctors for Choice" – einer Gruppe irischer Ärzte, die dafür kämpft, das strikte Abtreibungsrecht zu reformieren. Einen Sinneswandel bei diesem heiklen Thema hat auch der irische Premierminister vollzogen: Leo Varadkar von der konservativen Partei Fine Gael setzt sich inzwischen für eine Reform ein – so wie alle Parteien im Parlament es unterstützen:

"Es gibt Abtreibungen in Irland – aber sie sind unsicher, unreguliert und unrechtmäßig, und meiner Meinung nach können wir nicht unsere Probleme exportieren und unsere Lösungen importieren."

Ein großer Banner des Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen (Artur Widak / AFP)Das Ja-Lager in Irland argumentiert, dass Frauen das Recht haben sollten, über ihren Körper zu entscheiden (Artur Widak / AFP)
Sollten die Iren beim Volksentscheid mehrheitlich mit "Yes" stimmen, also für die Abschaffung des achten Verfassungszusatzes – dann will die Regierung danach ein Gesetz auf den Weg bringen, das Abtreibungen erlaubt. 

"Demnach gäbe es ein Recht auf Abtreibung – ohne Angabe von Gründen - während der ersten zwölf Schwangerschaftswochen. Danach gäbe es Entscheidungen von Fall zu Fall, wo die werdende Mutter ihren Wunsch nach einem Abbruch begründen muss – oder wo gesundheitliche Gründe dafür sprechen. Abtreibungen in einem späten Stadium der Schwangerschaft wären sehr selten. Die meisten Frauen müssten nicht mehr reisen – und der Eingriff wäre kostenlos."

Die Abtreibungsgegner sind im ganzen Land unterwegs

Ob das Gesetz in dieser Form das irische Parlament passiert, ist allerdings unklar – denn die zurzeit größte Oppositions- und langjährige Regierungspartei Fianna Fail ist in der Frage der Abtreibung tief gespalten. Sie toleriert Varadkars Minderheitsregierung - noch; doch es ist nicht ausgeschlossen, dass die über das geplante Abtreibungsgesetz stürzt.

Tim Jackson und sein Team springen vor einem Einkaufscenter in Greystones aus einem rot lackierten Bus, auf dem in großen weißen Lettern steht: "REPEAL KILLS – VOTE NO". Die Botschaft: "Die Aufhebung des achten Verfassungszusatzes tötet Leben – deshalb stimmt mit ‚Nein‘." Der Bus der Abtreibungsgegner ist auf einer Roadshow im ganzen Land unterwegs – und hält an diesem sonnigen Tag für knapp eine Stunde in diesem beschaulichen Küstenort, der etwa eine Zugstunde südlich von Dublin liegt: 

"Wir sind mit der Reaktion sehr zufrieden, wir werden überall freundlich empfangen. In den Umfragen stehen wir von Tag zu Tag besser da. Die Leute realisieren, dass das vorgeschlagene Gesetz grausam ist – und dass es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dazu führen wird, dass hunderttausende Babys in Irland nicht auf die Welt kommen werden."

Einige Bürger bleiben stehen, lassen sich Broschüren in die Hand drücken und in ein Gespräch verwickeln. Zu denen, die mit Tim und dem "No"-Bus unterwegs sind, gehört auch Andrew Heasman. Der 39-Jährige meint, die bisherige Verfassungsregelung rette Leben – jeden Tag. Jeder Mensch habe ein Recht auf Leben, vom Mutterleib bis zum Grab – und genau darum gehe es bei dieser Abstimmung, sagt Andrew:

"This is voting on the right to life. And we should have that right to life from the womb to the tomb."

Er ist zuversichtlich, dass seine Seite das Referendum gewinnen wird – wenn er auf der Tour durch das Land mit den Menschen rede, dann wollten die meisten von ihnen das ungeborene Leben schützen. Sonst hätten bald manche Tiere in Irland mehr Rechte, klagt Andrew, das wäre doch verrückt:

"They want their unborn children to have rights, because if they take their rights away, there are animals in this country that have more rights than an unborn child – and that’s just crazy."

Auch für Katie Fenton beginnt das Leben im Moment der Empfängnis. Sie ist bereits seit einigen Jahren in der irischen "pro life"-Bewegung engagiert. 

"Wir wollen keine Abtreibungen in Irland. Die Realität ist, dass die barbarisch und grausam sind. Darüber will die Regierung nicht reden. Wir wollen ein Irland, in dem jedes Kind – geboren oder ungeboren – wertgeschätzt wird, in dem es ein Recht auf Leben hat."

Fußgänger gehen in Dublin, Irland, an Plakatwand vorbei auf der die Abtreibungsgegner für sich werben ( Artur Widak / AFP)Abtreibungsgegner warnen vor einem leichtfertigen Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen ( Artur Widak / AFP)
Katie sagt, auch ihr gingen die Schicksale von Frauen nahe, deren Babys nicht lebensfähig sind – oder die nach einer Vergewaltigung schwanger werden. Aber selbst in solchen Fällen will sie es nicht der betroffenen Frau selbst überlassen, zu entscheiden, ob sie das Kind ihres Vergewaltigers behalten will oder nicht. 

Die katholische Kirche Irlands ist seltsam abwesend

Katie gibt sich zuversichtlich, dass die Iren es beim Volksentscheid ablehnen werden, das weitgehende Abtreibungsverbot zu lockern – allerdings geht sie davon aus, dass das Ergebnis knapp wird. 

Die katholische Kirche Irlands ist seltsam abwesend in dieser Kampagne. Einzelne Priester laden zwar Vertreter der Abtreibungsgegner ein, während der Gottesdienste am Sonntag vom Altar aus ihre Argumente vorzutragen. Doch die Kirchen-Hierarchen scheinen abgetaucht, geben keine Interviews, halten sich bedeckt. Eine bewusste Entscheidung, meint Michael Kelly, Chefredakteur der Wochenzeitung "Irish Catholic":

"Ich denke, dass die katholische Kirche realisiert, dass ihre moralische Autorität in Irland beschädigt ist, nicht zuletzt durch den Missbrauchsskandal. Es gibt außerdem den zutreffenden Eindruck, dass die Kirche in der Vergangenheit zu weit gegangen ist, wenn sie in der Politik mitgemischt hat. Diesmal hat die Kirche strategisch entschieden, sich aus der öffentlichen Debatte weitgehend herauszuhalten –, auch weil sie merkt, dass alles andere kontraproduktiv wäre."

Seinen fast 300.000 Lesern wird Kelly empfehlen, die Verfassungsänderung abzulehnen – und auch er selbst will am kommenden Freitag mit "No" stimmen. 

Das Tun und Lassen der katholischen Kirche in Irland verfolgt seit gut zwei Jahrzehnten der Journalist Patsy McGarry für die Tageszeitung "Irish Times". Er ist immer noch empört darüber, dass die Verantwortlichen den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester zugelassen und vertuscht haben – und darüber, dass viele Opfer auf eine Entschädigung im versprochenen Umfang weiter warten. 

"Die katholische Kirche hier war grausam zu Frauen, die unverheiratet schwanger geworden sind. Sie sind in speziellen Heimen gelandet – und mussten dort so lange bleiben, bis ihre Kinder alt genug waren, dass sie von reichen katholischen Paaren, meist aus den USA, adoptiert wurden. Die Frauen wurden in diesen Heimen der Kirche wie Sklavinnen behandelt und mussten ohne Bezahlung schwere Arbeit verrichten."

Nach all den Skandalen ist die Frage, wie viel Einfluss die katholische Kirche noch hat auf die Einstellungen und die Entscheidungen der Iren. Vor drei Jahren stimmten die Bürger mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für die Einführung der Homo-Ehe – und setzen sich damit über die Empfehlung der Kirche hinweg. 

Die meisten Jüngeren wollen die bisherige Regelung kippen

Nicola bummelt gerade mit ihrem Mann und ihrer Tochter durch die Grafton Street, die Fußgängerzone von Dublin. Die 38-Jährige ist noch unentschieden, wie sie am kommenden Freitag abstimmen soll in Sachen Abtreibung – weil sie das Gefühl hat, sie weiß noch nicht genug über die Argumente der "Yes"- und der "No"-Kampagne. Die katholische Kirche aber, sagt Nicola, beeinflusse ihre Entscheidung nicht:

"Früher waren die Leute religiöser, aber als die ganzen Skandale ans Licht kamen – das hat den Menschen die Augen geöffnet, was hinter verschlossenen Türen passiert ist. Man durfte vorher darüber nicht reden. Heute ist alles offener – und es gehen viel weniger Leute in die Kirche, niemand schert sich mehr darum."

Einige heftige Fotos und Videos der Abtreibungsgegner, die sie auf Facebook gesehen hat, haben Nicola erschüttert – etwa die Aufnahme eines Fötus, der in einer Toilette gelandet ist. Nach Recherchen hiesiger Medien versuchen insbesondere "pro life"-Organisationen aus den USA, über solche Posts in sozialen Medien die Abstimmung in Irland zu beeinflussen – was Facebook auf den letzten Metern zu unterbinden versucht. Die Studentin Joanne, die mit ein paar Freunden vor einem Dubliner Café in der Sonne sitzt, lässt sich davon nicht beirren – die 26-Jährige ist längst entschieden:

"Ich werde auf jeden Fall mit 'Yes' stimmen – ich bin dafür, dass die Frau die Wahl hat. Es scheint, als wenn die 'No'-Seite sich überhaupt nicht um das Schicksal der Frau kümmert, sondern nur um das Baby – und das finde ich nicht in Ordnung."

Zu Beginn dieses Jahres liegen in den Umfragen noch die Befürworter einer Verfassungsänderung deutlich vorn, doch seit einigen Wochen holen die Verfechter des strikten Abtreibungsverbots auf. Die meisten jüngeren Wähler wollen die bisherige Regelung kippen.

Anders ist die Stimmung außerhalb der Hauptstadt Dublin, auf dem Land und in Kleinstädten – gerade bei der älteren Generation. In Waterford im Süden Irlands etwa sind durchaus "No"-Wähler zu treffen – so wie der 80-jährige Frank:

"Ich bin überrascht, dass Irland überhaupt erwägt, den Schutz des ungeborenen Kindes wegzunehmen. Das Leben ist kostbar. Niemand hat das Recht, Leben zu nehmen – nur der Herrgott selbst."

Ähnlich sehen es John und Maria, die ebenfalls an diesem Mittag in der Innenstadt von Waterford ihre Einkäufe erledigen. Beide sind Anfang 70 und haben sechs gemeinsame Kinder.

Das Ehepaar meint: Die Rechtslage soll so bleiben wie sie ist. Auch nach einer Vergewaltigung würden John und seine Frau es einer dadurch schwangeren Irin nicht gestatten, das Kind abzutreiben – man könne doch nicht das eine Verbrechen durch ein anderes wiedergutmachen:

"Es gibt viele Menschen in Irland, die überglücklich wären, solche Babys adoptieren zu können. Es gibt also Lösungen, man muss keinen Mord begehen."

"Auch Frauen wie ich verdienen Respekt"

Wie knapp ein Referendum in Irland über gesellschaftliche Fragen ausgehen kann, zeigt jedoch das von 1995 – als die Bürger darüber entscheiden, ob Scheidungen zugelassen werden sollen: Damals stimmen knapp 50,3 Prozent der Wähler dafür – eine hauchdünne Mehrheit.

Gut ein Dutzend junge Leute sitzen in einem Pub in Dublin auf Hockern um ein paar Tische herum, vor sich ein Glas Guinness. Sie hören über einen Lautsprecher der Geschichte einer irischen Mutter zu, die erzählt, dass sie kein weiteres Kind haben wollte; sie ist deshalb nach Großbritannien gefahren, um die Schwangerschaft zu beenden – und berichtet, wie es ihr dabei ergangen ist. Das Projekt "Everyday Stories" will die Iren vor dem Volksentscheid über die Abtreibung miteinander ins Gespräch bringen, sagt die Organisatorin des Abends, Mary McDermott:

"Allzu oft wird die Debatte sehr erhitzt und sehr laut geführt, mit Extremen auf beiden Seiten. Wir haben diese Zusammenkünfte bewusst so angelegt, dass eine respektvolle Atmosphäre geschaffen wird, in der die Menschen Fragen stellen können. Die teils anonymen Geschichten der Betroffenen sind der Ausgangspunkt für eine Diskussion, die hoffentlich nicht so schwarz-weiß geführt wird wie Kampagnen."

Auch die Kabarettistin und Schauspielerin Tara Flynn ist eine von mehreren Tausend Irinnen, die jedes Jahr außerhalb ihrer Heimat eine Schwangerschaft abbrechen lassen. Vor zwölf Jahren hat sie ungeschützten Sex mit einem on/off-Partner, nimmt die Pille am Morgen danach, die aber nicht wirkt – so dass Tara kurze Zeit später feststellt: Sie ist schwanger. Sie will kein Kind und entscheidet sich für eine Abtreibung in den Niederlanden, wie sie bei einem Treffen in einem Dubliner Café erzählt.

Auch, weil sie endlich all jenen eine Stimme geben will, die ein einer ähnlichen Situation stecken wie sie damals:

"Ich finde, auch Frauen wie ich verdienen Respekt – wir sind die Mehrheit derer, die abgetrieben haben. Es war auch für mich keine einfache Entscheidung; eine Krisen-Schwangerschaft ist immer noch eine Krise. Ich meine aber, wir haben Empathie verdient – und für all diese Frauen kämpfe ich."

Tara ist erschöpft und müde von der bereits seit Monaten laufenden Kampagne, deren "Together for Yes"-Sticker sie an ihrem Blazer trägt.

Die Schauspielerin mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn die Iren die Streichung des achten Verfassungszusatzes ablehnen; alle fünf Minuten müsse sie sich selbst sagen, so Tara, dass ihre Seite gewinnen wird:

"We are going to win this. I have to tell that to myself every five minutes. It’s the only option. There is nothing if we don’t."

Sollten die Befürworter einer Lockerung verlieren, dann werden sie versuchen, so schnell wie möglich eine Wiederholung des Volksentscheids auf die politische Agenda zu setzen – was in Irland durchaus vorkommt. Sollten die Abtreibungsgegner verlieren, dann werden sie versuchen, den Gesetzentwurf zu Schwangerschaftsabbrüchen möglichst restriktiv zu fassen. Der Schutz des ungeborenen Lebens hier, der Schutz der schwangeren Frau dort wird die Iren auch nach dem 25. Mai weiter entzweien.

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