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StartseiteInformationen am MorgenVideo-Blogger vs. Lukaschenko13.11.2019

Vor der Parlamentswahl in Weißrussland Video-Blogger vs. Lukaschenko

Am Sonntag findet in Weißrussland die Parlamentswahl statt. Wer die 110 Abgeordneten werden, lege die Staatsmacht im Vorhinein fest, sagen alle Experten. Deshalb werden inzwischen nicht Politiker als Gegenpol zur Staatsmacht wahrgenommen, sondern immer mehr Video-Blogger wie "Nechta".

Von Florian Kellermann

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Der Video-Blogger "Nechta" hat in Minsk zu einer Versammlung aufgerufen. (Deutschlandradio / Florian Kellermann)
Der Video-Blogger "Nechta" hat in Minsk zu einer Versammlung aufgerufen. (Deutschlandradio / Florian Kellermann)
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Es ist dunkel auf dem Freiheitsplatz in Minsk, dunkel und übersichtlich. Die Menschenmenge weiß nicht so recht, wohin sie sich orientieren soll. Dann spricht einer durch eine Megafon, 50 Meter weiter, alle drängen in diese Richtung. Der Mann stellt sich als Blogger vor. Er berichte im Internet regelmäßig aus seinem Dorf, sagt er, über die Missstände.

"Hier in Minsk gibt es breite Gehwege. Wir konnten bis vor kurzem nur auf der Straße gehen. Nur dank YouTube und dank Euch, die ihr das angeklickt habt, haben wir jetzt zumindest beim Kindergarten einen Gehweg."

Spätere Recherchen ergeben, dass der Blogger vom Dorf tatsächlich knapp 40.000 Abonnenten hat.

Größte oppositionelle Veranstaltung

Der Star des Abends allerdings ist aber gar nicht anwesend. Ein Blogger, der sich "Nechta" nennt, hat zur Versammlung aufgerufen. Seine Fans und Zuschauer sollten sich einfach untereinander austauschen.

Das klingt harmlos, war aber in Wahrheit die größte oppositionelle Veranstaltung vor der weißrussischen Parlamentswahl am Sonntag. Denn Nechta ist in kurzer Zeit eine der bekanntesten öffentlichen Figuren des Landes geworden. Knapp 1,7 Millionen Menschen haben seinen kritischen Film über Präsident Alexander Lukaschenko gesehen. Für das kleine Weißrussland eine enorme Zahl.

Maria Kaloscha hält ein überlebensgroßes Porträt von Nechta hoch, ein Foto, das auf einen Karton aufgezogen ist.  

"Die meisten Leute glauben dem, was im Staatsfernsehen gezeigt wird. Und das ist Regierungspropaganda. Viele meiner Bekannten haben auch ihren Omas und Opas den Film von Nechta gezeigt, also denen, die normalerweise nicht im Internet surfen. In Wirklichkeit haben ihn also noch viel mehr Menschen gesehen. Die Leute sollten einfach wissen, was in unserem Land vor sich geht."

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Nach ihren Protesten gegen Luftverschmutzung dürfen Aktivisten in der weißrussischen Stadt Brest nicht zur Parlamentswahl antreten. Zumindest beklagen Sie, dass Behörden ihre Namen kurzerhand vom Wahlzettel gestrichen haben – oder sie gar nicht erst registriert haben.

Maria Kaloscha ist auf den Freiheitsplatz gekommen, wie rund 500 andere Menschen. Es ist die bisher größte oppositionelle Veranstaltung vor der Parlamentswahl am Sonntag.

So könne es einfach nicht weitergehen, meint Maria, die einen Kosmetiksalon betreibt. Seit 25 Jahren regiert Präsident Alexander Lukaschenko autoritär. Echte Wahlen finden nicht statt. Vor der Parlamentswahl am Sonntag wurden fast alle Kandidaten der Opposition von den Wahllisten gestrichen, aus meist fadenscheinigen Gründen.

Maria Kaloscha: "Ich bin 1995 geboren, da war Lukaschenko schon Präsident. Schon im Kindergarten wurde uns eingebläut, das Lukaschenko der beste und der größte ist. Da fing die Propaganda an. Meine Eltern erzählen, dass ich als Kind fast den Fernsehen geküsst hätte, wenn er aufgetreten ist."

In seinem populärsten Film wirft Nechta Lukaschenko vor, die Demokratie im Land Schritt für Schritt ausgeschaltet zu haben. Der Film endet mit Bildern vom großen Protest aus dem Jahr 2010, als Zigtausende gegen die gefälschte Präsidentenwahl demonstrierten. "Lukaschenko, trete ab", skandierten die Mengen.

Lukaschenko sitzt in einem Stuhl und debattiert vor einem Hintergrund mit mehreren Flaggen. (imago/ITAR-TASS/Mikhail Metzel)Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko (imago/ITAR-TASS/Mikhail Metzel)

Vor allem junge Zuschauer

Der 21-jährige Blogger wohnt in Polen und heißt eigentlich Stepan Putilo. Seine Filme bringe eigentlich keine neuen Informationen, sagt der Politologe Walerij Karbalewitsch.

"Trotzdem schauen ihn vor allem junge Menschen an. Viele von ihnen haben mit Politik nicht viel am Hut, weil es in unserem Land ja kein politisches Leben gibt. Bei dem Film geht manchen die Augen auf, warum das so ist."

Ein Knall, laute Stimmen, ein kleiner Tumult: Sicherheitsorgane haben auf dem Freiheitsplatz zugeschlagen, in der Nähe des historischen Rathauses. Sie haben einen Lautsprecher zerstört. Aber nicht nur, erzählt ein Augenzeuge:

"Sie haben einen Protestierenden zusammengeschlagen, an den Armen gepackt und fortgetragen. Sechs Leute waren das, in Zivilkleidung. Ich nehme an - Mitarbeiter des Geheimdiestes. So etwas passiert praktisch bei jeder kleineren oppositionellen Versammlung."Polizisten stoßen am 25.03.2017 in Minsk (Weißrussland) auf einer Demonstration eine Teilnehmerin um.  (AP / Sergei Grits)Polizisten lösen eine Demonstration in Minsk gewaltsam auf (AP / Sergei Grits)

Diesmal gingen die Sicherheitsorgane sogar noch weiter. Schon vor dem Treffen hatten sie auf dem Freiheitsplatz ein Fernsehteam der ARD festgesetzt.

Das zeigt: Das Regime nimmt die Blogger - und vor allem Nechta - als ernste Gefahr wahr.

Aber auf die Frage, wie es weitergehen könnte, wie sich ihr Protest politisch niederschlagen könne, hat aber auch Maria Kaloscha keine Antwort:

"Den Weg der Ukraine können wir nicht gehen. Die Weißrussen sind eine sehr friedliebende Nation. Blutvergießen kommt für sie nicht in Frage. Aber wie man die Machthaber anders stürzen könnte, weiß ich leider auch nicht. Unser Zar krallt sich an seinen Thron und denkt nicht daran, ihn aufzugeben."

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