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StartseiteKommentare und Themen der WocheEnde der Harmonie in der CDU06.12.2018

Vor der Wahl des ParteivorsitzendenEnde der Harmonie in der CDU

Bei der CDU sei inzwischen der Machtkampf hinter dem Schein der Selbstfindung sichtbar geworden, kommentiert Stephan Detjen. Nun habe die Partei zwar die Wahl zwischen drei Bewerbern und drei unterschiedlichen Stilformen der Politik - aber dennoch wenig inhaltlichem Dissens.

Von Stephan Detjen

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Die drei Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz, Friedrich Merz (CDU, links), früherer Unions-Fraktionschef, Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Generalsekretärin, und Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, bekommen bei der CDU-Regionalkonferenz Berlin/Brandenburg Bären als Geschenk. (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)
Die drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)
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Bei der Ankündigung ihres Rückzugs hatte Angela Merkel die CDU dazu aufgefordert, die bevorstehende Zeit zu genießen. Als sei die Suche nach ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin eine Art Konfirmandenfreizeit, in der sich die Zöglinge vergnügt in neuer Freiheit erproben und selbst entdecken dürften. Tatsächlich sah es über gut vier Wochen so aus, als würde die CDU die ungewöhnliche Findungsphase genießen. Die Roadshow des Kandidatentrios wurde zum Beweis der Lebendigkeit und Diskussionsfreude einer angeblich erstarrten Partei stilisiert.

Stilformen der Politik

Dabei wurde bei den Regionalkonferenzen mitnichten diskutiert. Die Veranstaltungen entpuppten sich als jeweils dreistündiger Frontalunterricht, in dem die Parteibasis darüber belehrt wurde, dass sich Kramp-Karrenbauer, Spahn und Merz inhaltlich eigentlich in nichts unterscheiden wollten. Die Generalsekretärin tat alles, um nachzuweisen, dass sie mindestens genauso konservativ sei wie ihre beiden Mitbewerber. Merz schaffte es, im Ton größtmöglicher Gewissheit vor allem Fragen zu formulieren. Jens Spahn nutzte die Tournee als Sympathiewerbung, indem er nichts anderes sagte als die beiden anderen, dies aber nicht hinter dem Rednerpult, sondern locker am Bühnenrand tänzelnd. Das sollte Mut zur Erneuerung demonstrieren. Der Wettstreit blieb damit vor allem eine Darbietung unterschiedlicher Stilformen der Politik. Seine inhaltliche Offenheit erlaubte es den Parteimitgliedern, alle Erwartungen, die sie schon vorher hatten, auf ihre jeweiligen Favoriten zu projizieren. Die Stunde der Wahrheit steht ihnen erst nach der Wahl bevor.

Harmonie war gestern

Die Stunde der Ernüchterung dagegen hat schon jetzt geschlagen. Spätestens seit der Parteinahme Wolfgang Schäubles für seinen persönlichen Freund und politischen Schützling Merz und der wütenden Replik des Merkel-Vertrauten und Kramp-Karrenbauer-Anhängers Peter Altmaier ist der Vorhang vor der vermeintlichen Harmonie-Veranstaltung gefallen. Hinter dem Schein frohgemuter Selbstfindung wird der Machtkampf sichtbar, der die Partei zu spalten droht.

Im Kern der Entscheidung geht es um die Frage, ob durch eine Rückbesinnung auf eine stärker polarisierende, im Stil aggressivere und dezisionistischer auftretende Politik eine alte, verloren gegangen Ordnung der politischen Geographie in Deutschland wieder hergestellt werden kann: Klare Lager mit scharfen Rändern gehören dazu, Milieus, die sich mit Parteien identifizieren, Politiker, die Bindung durch Distinktion erzeugen. Dagegen steht die Annahme, dass Politik im unruhigen 21. Jahrhundert nicht Kampf, sondern Kompromiss bedeutet. Wo Merz sich mit vorgeblich klarer Kante zu profilieren suchte, lavierte Kramp-Karrenbauer zwischen einem moralischen Rigorismus und dem Versprechen, die Partei als zuhörende und integrierende Vorsitzende zu führen.

Auf dem Weg ins Kanzleramt

Wer auch immer die Wahl morgen gewinnt, wird wohl in nicht allzu ferner Zeit auch die Nachfolge Angela Merkels im Kanzleramt antreten. Das macht die wahre Dimension der Entscheidung aus, die morgen in Hamburg fällt. Wolfgang Schäuble hatte jedenfalls insoweit Recht, als er der Wahl seiner Partei eine staatspolitische Dimension zu sprach. Es geht am Ende darum, was besser für dieses Land ist.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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