Samstag, 18.08.2018
 
Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteKommentare und Themen der WocheUS-Präsident Trump - brandgefährlich14.07.2018

Vor Treffen mit PutinUS-Präsident Trump - brandgefährlich

US-Präsident Donald Trump habe nicht nur den G7- und den NATO-Gipfel an den Rand des Scheiterns gebracht, meint Thilo Kößler. Er lege auch Hand an die globale Sicherheitsordnung. Unser Kommentator warnt vor einem neuen Pakt zwischen Trump und Wladimir Putin.

Von Thilo Kößler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
US-Präsident Trump spricht beim NATO-Gipfel in Brüssel. (BRENDAN SMIALOWSKI / AFP)
Nach dem NATO-Gipfel steht für Donald Trump das Treffen mit Putin an (BRENDAN SMIALOWSKI / AFP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Trumps NATO-Auftritt Kritik an Stil und Auftreten des US-Präsidentent

NATO-Gipfel mit US-Präsident Trump Zwei Tage, zwei Gesichter

Felgentreu (SPD) "Auf Kommandos und einen Befehlston verzichten"

Als "Disrupter in chief", als Chef-Störer vom Dienst, wird der amerikanische Präsident mitunter bezeichnet - und in der Tat: Als Disrupter in Chief ist Donald Trump nun auch in Europa unterwegs. Und das ziemlich erfolgreich.

NATO-Gipfel fast gescheitert

Donald Trump kommt damit auf eine stattliche Monatsbilanz der internationalen Verunsicherung: Anfang Juni mischte er das G7-Treffen in Quebec auf; jetzt brachte er fast den NATO-Gipfel zum Scheitern; kaum in Großbritannien angekommen, kappte er im Vorübergehen die "special relationship". Und nun ist er in froher Erwartung des Gipfeltreffens mit Wladimir Putin, bei dem es die beiden mächtigsten Männer der Welt in der Hand haben, die Nachkriegsordnung aus den Angeln zu heben.

Von wegen "der Mann ist nicht ernst zu nehmen". Oder "der kriegt sich schon wieder ein". Nein, das Rempeln, Rüpeln und Reingrätschen, das Täuschen, Tricksen und Foulen hat bei Trump Methode. Doch seltsamerweise kann dieser Präsident bis heute auf einen bedenklichen Verharmlosungseffekt setzen. Trump selbst befördert ihn kontinuierlich mit einer Mischung aus simplifizierenden Twitter-Botschaften, ungeschlachten Äußerungen und tiefen Einblicken in die schlichte Struktur seines eitlen Narzissten-Charakters.

Immerwährende Attacken von Trump

Dabei müsste jedermann längst klar sein, wie brandgefährlich dieser Präsident ist. Mit seinen immerwährenden Attacken auf die multilaterale Weltordnung untergräbt Donald Trump systematisch die institutionelle Mechanik, aber auch die Glaubwürdigkeit dieses Systems und das Vertrauen in die Vereinigen Staaten von Amerika.    

Donald Trump hat zwar in Brüssel sein Diktum aus dem Wahlkampf nicht wiederholt, wonach die NATO obsolet sei. Aber er hat sich genau so verhalten und sogar unverhohlen mit dem Ausstieg aus dem Verteidigungsbündnis gedroht.

Aus der 70-jährigen Nachkriegsgeschichte der institutionellen Absicherung und des gegenseitigen Beistands zieht Donald Trump den Schluss, dass dieses System immer zu Lasten der Vereinigten Staaten gegangen sei. Trump brachte seine Sicht der Dinge unlängst auf den Punkt, als er sagte, die Verbündeten würden sich blind auf den Schutz der Amerikaner verlassen und die USA seien die "Schmucks", die Deppen also, die dafür teuer bezahlen müssten. Donald Trump lässt dabei bewusst außer Acht, dass die Vereinigten Staaten von diesem Bündnis auch profitiert haben und dass Amerikas Alliierte bis heute die Führungsrolle der USA in der Welt stützen und absichern.

Bedeutung des Treffens zwischen Putin und Trump

Mit dieser Weltsicht des Nullsummenspiels, in dem es nur Sieger und Verlierer gibt, hat Donald Trump nicht nur den G7-Gipfel und den NATO-Gipfel an den Rand des Scheiterns gebracht. Mit diesem Credo legt er Hand an die globale Sicherheitsordnung. Dass er dabei seine engsten Verbündeten behandelt, als wären sie Kostgänger und seine eigentlichen Gegenspieler, nicht aber Wladimir Putin, dürfte symptomatisch sein. Trump hat sich noch niemals kritisch über den starken Mann im Kreml geäußert - obwohl Sonderermittler Mueller es für erwiesen hält, dass Russland in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf eingegriffen hat und jetzt Anklage gegen zwölf russische Geheimdienstler erhob.

Vor diesem Hintergrund bekommt das Treffen mit Wladimir Putin eine besondere Bedeutung. Zwischen Brüssel und Helsinki kommen dunkle Vorahnungen eines möglichweise historischen Umbruchs mit schwerwiegenden weltpolitischen Folgen auf.

Tatsächlich ist sich Donald Trump mit Wladimir Putin in bedenklich vielen Punkten einig: In der Ablehnung der multilateralen Strukturen zum Beispiel. In der Ablehnung der liberalen Weltordnung. Und übrigens auch in der Absicht, die Nato und die EU zu schwächen – wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Das lästige Korsett der internationalen Verpflichtungen ist es bei Trump. Machtkalkül bei Putin.

Europa muss sich besser rüsten

Schon wird die Befürchtung laut, beide könnten sich in Helsinki handelseinig werden und unter vier Augen einen Pakt schmieden. Die Rede ist bereits von einer Neuauflage Jaltas, der machtpolitischen Aufteilung der Welt, dieses Mal unter Einbeziehung Chinas. In Trumps und Putins neuer Welt würden keine Regeln mehr gelten, sondern allein die Macht. Und nicht die Stärke des Rechts. Sondern das Recht des Stärkeren.

Das sind keine vertrauenserweckenden Vorstellungen. Allerdings ergeben Trumps Forderungen nach höheren Militärausgaben Europas vor diesem Hintergrund durchaus einen tieferen Sinn. Denn das ist das Fazit: Europa muss sich besser rüsten. Gegen wen auch immer.

Thilo Kößler, Korrespondent in Washington (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk