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StartseiteComputer und KommunikationVorfahrt für Militärs24.03.2007

Vorfahrt für Militärs

NATO und US-Regierung setzen Internet-Ingenieure unter Druck

<strong>In Prag trafen sich in der vergangenen Woche Experten der Internet Engineering Task Force. Doch neben der Hauptaufgabe des Gremiums - neue Standards für das Internet - sorgten sich die Teilnehmer auch um die Neutralität der Datennetze.</strong>

Manfred Kloiber im Gespräch mit Peter Welchering

Im Krisenfall wollen Militärs und Sicherheitsbehörden eine eigene Überholspur im Internet. (AP)
Im Krisenfall wollen Militärs und Sicherheitsbehörden eine eigene Überholspur im Internet. (AP)

Manfred Kloiber: In Prag ist es zu einer heftigen Diskussion über Netzneutralität gekommen. Was war der Anlass, Peter Welchering?

Peter Welchering: Vertreter der amerikanischen Regierung sind mit einem so genannten Prioritätenkatalog nach Prag gekommen. Vor allen Dingen das amerikanische Heimatschutzministerium und das Verteidigungsministerium wollen im Bedarfs- und Krisenfall bestimmte Internet-Kapazitäten für den allgemeinen Gebrauch sperren und ausschließlich für militärische Zwecke beziehungsweise für die Sicherheitskräfte einsetzen. Sie orientieren sich dabei an der so genannten Allokation von Satellitenkapazitäten. Da behält die amerikanische Regierung sich ja auch vor, im Krisenfall Satellitenleitungen und Kommunikationskapazitäten zu sperren und ausschließlich für die Verteidigungs- und Heimatschutzkräfte einzusetzen. So ähnlich soll das nach den Vorstellungen der Pentagon-Experten demnächst auch im Internet funktionieren. Im Krisenfall sollen zunächst amerikanische Militärs, NATO-Kräfte und dem Heimatschutzministerium unterstellte Kräfte Internet-Ressourcen zugeteilt bekommen, danach mit niedrigerer Priorität andere Internet-Nutzer.

Kloiber: Wie soll diese Allokation von Internet-Kapazitäten ganz praktisch funktionieren?

Welchering: Da gibt es im Pentagon zwei unterschiedliche Denkmodelle. Das eine will das Satellitenmodell einfach auf das Internet abbilden. Allerdings besteht hier das Problem, dass die Internet-Struktur wesentlich dezentraler aufgebaut ist als die Satellitenstruktur. Außerdem hat die US-Regierung auf einen Großteil der Kommunikationssatelliten direkten Einfluss. Auf die meisten der geschätzten 90 Millionen Internet-Knotenrechner weltweit hat die US-Regierung keinen Einfluss. Deshalb setzt sich nach und nach eine Gruppe um Antonio Desimone im Verteidigungsministerium durch. Der hat nämlich die direkte Beschlagnahme von Internet-Knotenrechnern oder Datenleitungen schon im Irak-Krieg für Unfug erklärt und will eine intelligentere Lösung. Er möchte die Priorisierungsmethoden aus den vermittelten Leitungsnetzen auf das Internet übertragen. Im klassischen Telefonnetz kann ich ja ein so genanntes Blitzgespräch anmelden. Das hat dann Vorrang vor allen anderen Gesprächen. Diese Blitzgespräche werden zwar nicht mehr per Hand von Telefonisten vermittelt, aber im Telefonleitungsnetz der großen Anbieter in den USA gibt es solche Blitzschaltungen für Militärs und Regierungsstellen noch immer. Die Vermittlungsrechner in den Leitungsnetzen haben ein eigenes Programm für solche Blitzschaltungen. Und das möchte Antonio Desimone auf das Internet Protokoll und die IP-Netze übertragen.

Kloiber: Wie haben die Internet-Ingenieure in Prag auf diese Forderungen reagiert?

Welchering: Mit großer Skepsis. Das würde ja eine Neudefinition des Datenverkehrs im Internet erfordern. Wenn ich bisher Videos, Elektronische Briefe, Fotos oder Texte über das Internet versende, dann wird zum Beispiel mein Urlaubsfoto, das ich nach Hause schicken möchte, in einige Dutzend Datenpäckchen aufgeteilt. Das Transmission Control Protocol und das Internet-Protokoll regeln nun, dass jedes dieser Datenpäckchen in so genannte Nutzdaten, also die Bits, aus denen mein Foto besteht, und Header-Daten, Kopfdaten, aufgeteilt wird. In den Kopfdaten stehen dann solche Informationen wie von welchem Rechner kommen die Daten, an welchen Empfänger sollen sie gehen, welches Datenpäckchen geht diesem Datenpäckchen voraus, welches Datenpäckchen folgt diesem Datenpäckchen. Und jeder Internet-Knotenrechner, den die Datenpäckchen passieren, stempelt quasi das Datenpäckchen, schreibt also in die Headerdaten hinein, von welchem Knotenrechner er übernommen hat und an wen er weitergegeben hat. Und diese Kopfdaten sollen nun um die Beförderungspriorität erweitert werden. Im Pentagon stellt man sich vor, dass es drei unterschiedliche Prioritäten geben soll. Flash oder Blitz ist die höchste Prioritätsstufe. Datenpäckchen, die diese Prioritätsstufe haben, haben vor allen anderen Vorrang. Datenpäckchen, die einen Eilvermerk haben, kommen gleich danach. Bei ihnen soll sicher gestellt sein, dass sie innerhalb von sieben bis zwölf Minuten weltweit vom Absender zum Empfänger gelangen. Und dann gäbe es noch die normale Beförderung. Die Internet-Ingenieure sind nicht generell gegen eine solche Priorisierung, aber der Umfang der Priorisierung, der blieb in Prag umstritten.

Kloiber: Die Internet-Ingenieure haben ja eine eigene Arbeitsgruppe für Notfallkommunikation ins Leben gerufen. Was sagt die denn zu den Priorisierungsvorschlägen?

Welchering: Die Arbeitsgruppe heißt Internet Emergency Preparedness, kurz ieprep. Und dort wurde sehr anfänglich diskutiert, wie man bei großen Katastrophen Knotenrechner so priorisieren kann, dass Internet-Telefonie, Mail und Datenbankanfragen über FTP bevorzugt abgewickelt werden. In diesem Fall würden aber die Knotenrechner sozusagen händisch für eine bestimmte Zeit auf Notfallkommunikation bei einer Katastrophe umgestellt. Die Forderung nach einem "Wichtig-Bit" für Militärs und Sicherheitskräfte im Internet-Protokoll geht da viel weiter.

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