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StartseiteKalenderblattVorkämpferin für soziale Gerechtigkeit06.09.2010

Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit

6. September 1860: Geburt der amerikanischen Sozialreformerin Jane Addams

Mit der Gründung der ersten amerikanischen Arbeiter- und Einwandererbildungsstätte (Hull House) wurde Jane Addams zur Sozialreformerin, Sozialpädagogin und Sozialpolitikerin. Ab 1914 kämpfte sie auch einen mutigen, oft bitteren Kampf als Pazifistin, für den sie 1931 als erste Amerikanerin den Friedensnobelpreis erhielt.

Von Barbara Jentzsch

Straßenszene in Chicago. (dradio.de)
Straßenszene in Chicago. (dradio.de)

Bei der Musik von Benny Goodman denkt man nicht sofort an die Sozial-Reformerin, Feministin und Friedensnobelpreisträgerin Jane Addams - doch ohne Jane Addams hätte es den legendären King of Swing vielleicht gar nicht gegeben. Denn seinen kostenlosen Musikunterricht erhielt der arme Schneidersohn aus den Slums von Chicago im Hull House Settlement.
Das war die von Jane Addams gegründete erste US-amerikanische Arbeiter- und Einwandererbildungsstätte. Im Hull House fanden Generationen armer europäischer Neuankömmlinge praktische Hilfe zur Selbsthilfe und kostenlosen Zugang zu Kunst und Kultur. Addams Biografin Julie Johnson:

"Jane Addams war eine Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit. Eine kompromisslose Amerikanerin, die ihr Leben den Armen und Unterdrückten widmete und die für die Rechte von Arbeitern, Frauen und Kindern kämpfte."

Geboren wurde Jane Addams am 6. September 1860 in Cedarville, Illinois, als achtes von neun Kindern einer wohlhabenden Quäker-Familie. Nach dem frühen Tod der Mutter wurde der politisch und sozial engagierte Vater, ein Mühlenbesitzer, Senator und Freund von Abraham Lincoln, zur prägenden Figur.

"Er hat mich schon als Kind gelehrt, was im Leben wichtig ist und was keine Bedeutung hat, und dass man immer ehrlich mit sich sein muss, egal was passiert","

schreibt Jane Addams in ihren Memoiren.

Ein lebenslanges Rückenleiden beeinträchtigte ihre Gesundheit und zwang die junge Frau zum Abbruch ihres Medizinstudiums. 1888 fand die 28-Jährige endlich eine Antwort auf die bohrende Frage, welche Richtung sie ihrem Leben geben sollte: Bei einem Aufenthalt in London besuchte sie Toynbee Hall, Englands erste Arbeiterbildungs- und Begegnungsstätte. Die unkonventionellen Wege, den Armen Bildung, Kunst und Kultur zu vermitteln, faszinierten Addams. In Toynbee Hall sah sie ihre eigenen Ideen verwirklicht. Zusammen mit Ellen Starr eröffnete sie ein Jahr später Hull House, mitten in Chicagos Elendsviertel an der 32 Meilen langen Halsted Street.

Hull House bot Sprachkurse an, es gab eine Musikschule, deutsche Liederabende, Griechen und Polen spielten in ihrer Landessprache Theater, jungen italienischen Müttern wurde im Hygieneunterricht beigebracht, ihre Babies nicht mehr in Olivenöl zu baden. Hull House führte in Chicago die ersten öffentlichen Wannen-Bäder und Swimmingpools ein, den ersten Spielplatz, die erste Suppenküche, die erste amerikanische Studio-Bühne.

Jane Addams führte - mit Erfolg - einen jahrelangen Kampf gegen Kinderarbeit und sorgte für die Einführung der Schulpflicht in Chicago.

Einen Mentor oder ein Vorbild habe Jane Addams nicht gehabt, sagt Mary Ann Johnson, die frühere Direktorin des Jane Addams Museums.

""Jane Addams schuf ihr eigenes Modell. Es war "learning by doing" - aus Erfahrung lernen. Dieses Lernen beruhte auf den Erfahrungen mit den Nöten der Nachbarschaft. Sie hat sich nie als Wohltäterin oder Lehrerin oder Ähnliches verstanden. Sie sah sich als Nachbarin."

Jane Addams engagierte sich in allen gesellschaftspolitischen Fragen ihrer Zeit. Sie war eine glänzende Publizistin, kommentierte die Weltpolitik im Radio und kämpfte ab 1914 einen mutigen, oft bitteren Kampf als Pazifistin. Nachdem sie den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg kritisiert, 1917 die Frauen-Friedens-Partei gegründet und zwei Jahre später die noch heute aktive Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit ins Leben gerufen hatte, brach ihre Popularität schlagartig ein.

Der "Engel der Entrechteten" wurde als "gefährlichste Frau Amerikas" diffamiert. Das Justizministerium verdächtigte sie des Landesverrats und ließ sie überwachen. Doch Addams setzte ihre Friedensarbeit fort. Auch nach Kriegsende reiste sie mit Abrüstungspetitionen durch die Welt und überbrachte Präsident Hoover im Namen von Millionen Frauen einen Friedensappell:

"Die Menschheit wird mit der Zeit die Willenskraft aufbringen, Kriege unmöglich zu machen. Und der alte Traum vom Weltfrieden wird sich erfüllen, weil Kriege nicht mehr toleriert werden."

Die Reise nach Oslo, zur Annahme des Friedensnobelpreises, musste Jane Addams aus gesundheitlichen Gründen absagen. Ihre Lebensgefährtin Mary Rozet Smith war bei ihr, als Jane Addams 1935 an den Folgen einer Krebsoperation starb.

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