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StartseiteKommentare und Themen der WocheZurück bleibt ein betrogenes Volk14.08.2021

Vormarsch der Taliban in AfghanistanZurück bleibt ein betrogenes Volk

Angesichts des Vormarschs und der Übermacht der Taliban verschärft sich die Lage zahlreicher Afghaninnen und Afghanen. Sie fühlten sich vom Westen betrogen, kommentiert Martin Gerner. Ihr Notlage gelte es zu lindern, denn die neue humanitäre Katastrophe habe längst begonnen.

Ein Kommentar von Martin Gerner

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Taliban-Kämpfer posieren schwer bewaffnet vor der Kamera. (AP)
Die Städte Masar-i-Sharif, lange Hauptquartier der Bundeswehr, und Dschalalabad haben die Taliban schon erobert. Am 16. August 2021 starteten sie mit dem Angriff auf die Hauptstadt Kabul. (AP)
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In diesen Stunden hat in Afghanistan die Evakuierung US-amerikanischer und europäischer Diplomaten begonnen. Mit dem Ziel, Botschaftspersonal aus Kabul auszufliegen und zu retten, bevor die Taliban die Stadt erobern. Keine Rückkehr in den Afghanistankrieg soll die Evakuierung sein, heißt es, die Erinnerungen wachruft an Vietnam.

Evakuierung des Botschaftspersonals

Die Rettung eigenen Botschaftspersonals, auch von deutscher Seite, ist so verantwortlich, wie es kühle und zugleich hastige Realpolitik ist. Moralisch und politisch-strategisch ist sie ein weiteres Eingeständnis des Scheiterns angesichts der vielen Menschen, die zurückgelassen werden und die es jetzt zu retten gilt. In Kabul und in Afghanistan.

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Denn die neue humanitäre Katastrophe hat längst begonnen. Statt übereilt abzuziehen, wäre eigentlich das Einfliegen humanitärer Hilfsgüter vonnöten. Eine halbe Million Menschen sind bereits als Binnenflüchtlinge vor den Kämpfen unterwegs. Tausende drängen an den Grenzübergängen von Pakistan, Iran und Tadschikistan raus aus dem Land. Mancher, der es sich leisten kann unter Afghanen, ergattert eines der begehrten Visa auf dem Schwarzmarkt, um noch heute auszufliegen.

Zurück bleibt ein Volk, das sich zu Recht einmal mehr von der internationalen Politik verlassen und betrogen fühlt. Nicht weniger von der eigenen Regierung, die wie verschwunden scheint.

Waffen zum Schweigen bringen

Steht Kabul also vor dem Fall? Oder erfolgt doch noch ein Gegenschlag, der die Taliban zurückdrängt? So richtig mag man nicht mehr daran glauben. Zu offensichtlich ist der Zerfall der afghanischen Sicherheitskräfte, zu offenbar sind die Anzeichen von Auflösung in der Regierung. Ratsam erscheint nun vor allem, die Waffen zum Schweigen zu bringen. Und die Taliban zu echten Verhandlungen zu bewegen, um noch mehr Gewalt und höheren Blutzoll zu vermeiden.

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Das Ziel dabei kann nur lauten, den Zerfall des Staates Afghanistan, wie wir ihn aktuell kennen, zu verhindern. Und um zu verhindern, dass Nachbarstaaten wie Iran und vor allem Pakistan, das die Taliban geschaffen hat, keinen Spielraum erhalten für neue Stellvertreterkriege am Hindukusch. Sollten dringende diplomatische Anstrengungen scheitern, hat die neue Flüchtlingskrise in Afghanistan das Zeug, die ganze Region in ein neues Chaos zu stürzen.

Deutschland und Europa werden Auswirkungen spüren

Auch Deutschland und Europa würden sehr schnell die Auswirkungen davon spüren, mit Flüchtlingen, die sich zu uns auf den Weg machen. Dem Wortklang nach beansprucht deutsche Politik oft und gerne Solidarität mit und Verantwortung für das afghanische Volk. Am besten ohne falsches Zögern: Das gilt nicht nur für afghanische Ortskräfte im Dienste der Bundeswehr. Auch solchen, die jahrelang als zivile afghanische Helfer Risiken auf sich genommen haben, gehört geholfen.

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In Gefahr schweben neben Beamten zunehmend auch Journalisten, Künstler, Dozenten, Frauenrechtlerinnen. So wie türkische Akademiker und Autoren bei uns seit sechs Jahren Aufnahme in Sonderprogrammen zur Rettung vor Gewalt finden, so könnte dies auch hier für Afghanen und Afghaninnen gelten.

Andere werden im Land bleiben. Weil sie es nicht den Waffentragenden allein überlassen wollen. Auch, weil sie sich als Teil der Veränderungen der letzten Jahre verstehen. Ich selbst habe über fünfzehn Jahre in Afghanistan junge Journalisten und Journalistinnen ausgebildet. Presse- und Meinungsfreiheit ist auch in diesen Tagen etwas, worauf viele Menschen in Afghanistan nicht verzichten wollen. Aber sie ist in Gefahr. Wie so vieles.

Frauen, und damit die Hälfte der Bevölkerung, würden unter den Taliban weitgehend zu Hause bleiben müssen. Millionen Gesichter, die mit einem Mal aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Es wäre beschämend, einfach dabei zuzuschauen. Die kurzfristige Konsequenz aus dem übereilten Rückzug der USA, dem die deutsche Politik ohne Zögern gefolgt ist, ist jetzt die Mithilfe bei der Linderung der humanitären Not. Ohne politisches Kalkül und in allen notwendigen Belangen.

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