Kommentare und Themen der Woche 05.12.2019

Vorschläge des UmweltbundesamtsFamilien nicht gegen Klimaschutz ausspielenVon Michael Watzke

Beitrag hören Autos stauen sich auf der Berliner Stadtautobahn A100. (picture alliance / Robert Schlesinger)Nun ist der Diesel plötzlich verpönt, so unser Kommentator, aber nicht jeder kann sich mal eben einen neuen Wagen oder gar ein Elektro-Auto leisten, das familientauglich ist (picture alliance / Robert Schlesinger)

Höhere Steuern auf Diesel, Aus für die Pendlerpauschale: Um die Klimaziele zu erreichen, schlägt das Umweltbundesamt drastische Maßnahmen vor. Aber für eine durchschnittlich verdienende Familie sei das nicht zu stemmen, kommentiert Michael Watzke.

Morgen ist Nikolaus. Kinder hoffen, dass der heilige Bischof vielleicht eine Mandarine für sie aus dem Sack holt oder einen Lebkuchen. Eltern kommt es gerade so vor, als ziehe jede Partei, jede Organisation, jedes Umweltbundesamt kurz vor Weihnachten nochmal eine Forderung aus dem Sack.

Wie bei einem Weihnachtskalender des Grauens geht jeden Tag ein Türchen mit einer neuen Klima-Idee auf: heute Dieselpreis-Erhöhung um 70 Cent. Gestern: Vervierfachung des Co2-Einstiegspreises auf 40 Euro, so will es die neue SPD-Führung. Vorgestern wollten die Grünen noch teurere energetische Sanierung von Einfamilienhäusern - wobei man am besten gar keine Einfamilienhäuser mehr bauen soll. Was bitte kommt morgen im Adventskalender des Grauens?

Wer Kinder hat, der will keine Klima-Erwärmung

Morgen kommt ein neuer Tag, an dem Eltern in Deutschland ihre ein, zwei, drei Kinder in Kindergarten und Schule und danach sich selbst zur Arbeit bringen müssen. Jede dieser Familien hat einen genau getakteten Tagesplan. Schon eine kleine, unerwartete Veränderung kann den ganzen Plan aus den Angeln heben. Die S-Bahn kommt nicht, weil es minus zwei Grad hat. Der Bus kommt - ist aber so voll, dass der Kinderwagen nicht mehr reinpasst. Der nächste Bus kommt erst in zwanzig Minuten. Zu spät, um alles rechtzeitig zu schaffen.

Wer Kinder hat, der will keine Klima-Erwärmung. Der will, dass der eigene Nachwuchs in einer intakten Umwelt leben kann. Der will in zwanzig Jahren nicht den Satz hören: Warum hast Du nichts getan?

Aber irgendwie muss es auch zusammenpassen. Ist dem Umweltbundesamt klar, was es für Millionen Pendler bedeuten würde, den Dieselpreis um 70 Cent zu erhöhen? Wie soll eine durchschnittlich verdienende Familie etwa im Münchner Umland das stemmen? Eine Familie, die sich vor acht Jahren eine Diesel-Kutsche auch deshalb gekauft hat, weil Diesel viel weniger CO2 verbrauchen als Benziner. Nun ist der Diesel plötzlich verpönt, aber nicht jeder kann sich mal eben einen neuen Wagen oder gar ein Elektro-Auto leisten, das familientauglich ist. Ohne Auto geht es aber auch nicht. Da müsste man als Münchner Pendler in S-Bahn-Reichweite leben. Aber da wiederum sind die Mieten so hoch, dass das knappe Familienbudget es nicht hergibt.

Oder sonst eine Schnapsidee

Eltern sagen quengelnden Kindern gern den Satz: Du kannst nicht alles haben. Das gilt auch für die Politik. Man kann nicht aus der Atom-Energie aussteigen UND von heute auf morgen alle Kohle-Kraftwerke abschalten. Man kann nicht von Arbeitnehmern Mobilität verlangen UND diese Mobilität absurd verteuern. Man kann nicht Familien gegen Klima ausspielen.

Morgen kommt der Nikolaus – und manche Eltern mögen insgeheim fantasieren, dass er den Krampus mitbringt und der mal so richtig. Aber dann ist man schon froh, wenn im täglichen Adventskalender-Türchen nicht die nächste Benzinpreis-Erhöhung oder sonst eine Schnapsidee wartet.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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