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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Markt und Moral keine Gegensätze"22.05.2014

Vortragsreihe zur Wirtschaftsethik"Markt und Moral keine Gegensätze"

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in ganz Europa immer weiter auseinander. Vertragen sich Ökonomie und Moral überhaupt noch? Eine der Fragen, denen eine Vortragsreihe an der Hamburger Bucerius Law School nachgegangen ist.

Von Ursula Storost

Ansicht der DAX-Kurve auf der Anzeigetafel der Börse (dpa / Frank Rumpenhorst)
Sind Bonizahlungen von Managern gerechtfertigt? (dpa / Frank Rumpenhorst)
Weiterführende Information

BaFin-Chefin fordert Ethik in der Wirtschaft (DLF, Wirtschaft und Gesellschaft, 17.01.14)

Hickel: "Fundamentale Änderungen zugunsten der Beschäftigten" (DLF, Interview, 27.11.13)

Nach der Finanzkrise von 2007 hatten sie erdrutschartig an Vertrauen verloren. Die Banken und Großunternehmen. Das war schlecht für's Geschäft, resümierte der damalige Deutsche Bank Chef Josef Ackermann:

"Mehr noch als viele andere Branchen ist unser Geschäft auf das Vertrauen angewiesen. Vertrauen ist eigentlich unser wichtigstes Kapital."

Drei Jahre nach der Banken- und Finanzkrise, die in Folge zu Konkursen, Massenentlassungen, dem Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften führte und die Steuerzahler Milliardenbeträge kostete, verabschiedeten Ackermann und Co. deshalb ein Leitbild für ethisch-moralisches Handeln:

"Wir wollen mit diesem Leitbild zeigen, dass Markt und Moral auch in der Finanzbranche keine Gegensätze sind. Erfolgs- und Wertorientierung widersprechen sich nicht."

Aber genau daran zweifeln immer mehr Menschen. Ökonomisches Selbstinteresse und moralisch-ethische Werte, so die verbreitete Meinung, würden sich im 21. Jahrhundert gegenseitig ausschließen. Das, so der Philosoph Professor Otfried Höffe, sei aber nicht durchgehend so.

"Die Ökonomie hat aber nicht nur das Selbstinteresse im Kopf. Die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, sie schafft, wenn es gut geht auch entsprechenden Steuereinnahmen. Und auf diese Weise bezahlt sie ein bisschen das, was das Gemeinwesen braucht. Sodass das Interesse von Unternehmen Geld zu machen, ein wenig mit dem Interesse des Gemeinwesens zusammen fällt. Man muss sagen ein wenig."

Denn, sagt Otfried Höffe, allzu oft würde das Profitinteresse über Anstand und Sitte gestellt.

"Es gibt so viele Widersprüche gegen dieses Minimum an Moral und so viel auch Verletzungen allgemeiner Regeln, dass man nur den Kopf schütteln kann."

Auslagerung von Dienstleistungen

Regelverletzungen und unmoralisches Verhalten hätten sich mittlerweile aber keineswegs nur in der freien Wirtschaft breitgemacht. Das weiß der Emeritus der Eberhard Karls Universität Tübingen aus eigener Erfahrung mit Universitäten:

"Die Leute, die mit hohem Engagement sehr lange arbeiten, die zum Teil 40 werden, bevor sie ihre Qualifikation erreicht haben, bekommen Jahr für Jahr, wenn sie Glück haben Zweijahresverträge und nicht länger. Die öffentliche Hand scheint hier noch viel schlechter zu agieren als die Wirtschaft. Ich finde das nahezu unanständig."

Vater Staat hat sich angepasst an den Mainstream. Outsourcing von Dienstleistungen, prekäre anstelle von festen Arbeitsverhältnissen. Gut für Staat und Unternehmen ist das, was möglichst wenig kostet. Die Menschen fallen dabei oft genug durchs ökonomische Raster. Allerdings darf man Unternehmensethik nicht anhand von Skandalen diskutieren, erklärt Klaus Leisinger, Professor für Soziologie an der Universität Basel:

"Skandale sind ja deshalb Skandale, weil sie vom Normalen abweichen. Und ich wehre mich gegen ein Zerrbild, das sagt so, die großen Multis und die Kapitalisten und die internationalen Gesellschaften. Lasst uns das differenzier anschauen und lasst uns dann fragen, wie kann ein Unternehmen den Anforderungen, Erwartungen der Aktionäre gerecht werden, der Mitarbeiter, der Kunden und der Gesellschaft als Ganzes."

Eine Unternehmensstruktur wird durch Sollen, also durch Normen bestimmt. Und durch das Wollen, also die individuelle Einstellung der Unternehmer. Und schließlich dadurch wie Sollen und Wollen in der Praxis umgesetzt werden.

"Das hat zu tun mit Unternehmenskulturen. Treppen werden da von oben gewischt. Was von oben nicht vorgelebt wird, kann man unten nicht erwarten. "

Allerdings, so der Soziologieprofessor und Ökonom, gegenüber großen Unternehmen kann man kaum moralphilosophisch argumentieren:

"Moralphilosophie gehört nicht zur Managementsprache. Aber wenn wir sagen, wir haben Angestellte, die stolz sind auf das Unternehmen, wir haben Kunden, die bei dem Unternehmen kaufen mit dem sie eine Werteassoziation haben und wir haben im Prinzip eine positive Geschichte zu erzählen. Dann hat das auch einen Wert. Ich kann den aber nicht in Euros ausdrücken."

Einerseits haben solche Wertediskussionen in Unternehmen zugenommen. Nachhaltig, öko und Fair trade werden gerne als Aushängeschild benutzt. Aber, das weiß auch Klaus Leisinger, oft genug steckt eine reine Vermarktungsstrategie dahinter und keine ethisch-moralische Unternehmenskultur, die auf Zufriedenheit der Belegschaft zielt.

"Ich habe oft das Gefühl, dass der rheinische Kapitalismus oder die soziale Marktwirtschaft, wie wir das in Deutschland und in der Schweiz haben, ohne Not von vielen Topmanagern aufgegeben wird, zugunsten eines amerikanisierten Money-only-Konzeptes. "

Schlicht kurzsichtig, befindet Klaus Leisinger. Menschen seien auf Dauer nicht ausschließlich über Geld zu motivieren.

"Dort wo Menschen mit einer Unternehmenskultur zufrieden sind, dort, wo Menschen der Ansicht sind, das, was ich tue im Geschäft, hilft mir auch einen Beitrag an das zu leisten, was ich als Privatmensch für eine Welt oder für meine Kinder oder für meine Enkel machen will, die haben weniger Fluktuation. Fluktuation ist teuer. Sie haben weniger Freitagskranke. Und sie haben Menschen, die nicht mit der Stempeluhr im Kopf arbeiten, sondern so lange bleiben, bis eine Arbeit gemacht ist."

Unternehmen, so Klaus Leisinger, stünden heute durch die Kommunikationstechnologie zunehmend unter einem öffentlichen Rechtfertigungsdruck. Sie müssten fürchten, dass ihr Handeln Konsequenzen habe, wenn es öffentlich wird. Kinderarbeit und Minilöhne in der Dritten Welt kämen beim Verbraucher nicht gut an. So gesehen käme den Verbrauchern eine wesentliche Rolle im Zusammenspiel von Ökonomie und Moral. Aber moralischer Heroismus eines einzelnen Unternehmens, das einzige weiße Schaf in einer schwarzen Herde zu sein, führe zu nichts.

"Und von daher ist die Frage für mich als Ökonom immer auch, wie können wir den guten Absichten auf die Sprünge helfen. Wie können wir eine Situation schaffen, wo es eine Win-win-Situation ist. Wo man sagt, es gibt Konsumenten, die das auch honorieren. Und da haben wir messbare Fortschritte gemacht. Heute sind die fairen Produkte im weitesten Sinne haben einen Marktanteil zwischen 18 und zwanzig Prozent."

Was fehle, so Klaus Leisinger, seien Unternehmenspersönlichkeiten, die andere Standards setzen wollten. Die gerade deshalb überzeugend seien, weil sie nicht zuerst fragten, rechnet sich das, sondern einfach machten.

"Wir brauchen Unternehmen, die sagen, mit der Definition meiner eigenen Würde ist es nicht vereinbar, dass ich Menschen ausbeute, dass ich Menschen schinde, dass ich Umwelt zerstöre. Das bin ich mir schuldig, dass ich das nicht mache."

Bonizahlungen für Manager

Solche Unternehmer gebe es durchaus. Und sie hätten auch äußerst erfolgreiche Unternehmen. Das Gros der Firmen in unserem kapitalistischen System sei aber auf kurzfristige Höchstgewinne ausgerichtet, resümiert Klaus Leisinger. Beispiel die Bonizahlungen in Millionenhöhe; die in Amerika sogar quartalsweise ausgeschüttet würden. Kurzfristig, so der Soziologe, könne jeder Idiot gut aussehen.

"Ich meine, man müsste Boni über drei, vier, über fünf Jahre staffeln, dass nur jeweils ein Teil ausbezahlt wird und man abwartet, ob das, was als gutes Ergebnis in einem Jahr gefeiert wurde auf eine integere Art und Weise erwirtschaftet wurde. Wenn sich nachher herausstellt, das war nicht der Fall, weil man zum Beispiel Korruption betrieben hat, dann sollte man diese Boni auch wieder zurücknehmen können."

"Ich bin einer derjenigen, der für Durchgriffshaftung plädiert. Wenn ein Manager kriminell handelt, soll der vors Gericht und zwar als Person und nicht das Unternehmen."

Manager, so die Philosophin Annemarie Pieper, meinen allzu häufig, dass Ökonomie nichts mit Moral und Ethik zu tun habe. Die Professorin ist Emerita an der Universität Basel und war Nachfolgerin von Karl Jaspers.

"Die Ökonomie war mal ein Teilbereich der Ethik. Bis zu Aristoteles. Da gehörte zur praktischen Philosophie, Ethik, Ökonomie. Das heißt also, die Ethik gab die Normen vor, denen entsprechend der Mensch wirtschaften musste. Und zwar vernünftig wirtschaften. Nicht einfach, um Geld zu vermehren. Das war für Aristoteles was ganz Unanständiges. Dass Geld, wie wir heute sagen, arbeitet, ohne dass ein Mensch da seine Hände für rührt, das hielt er für unanständig. Überhaupt mehr haben zu wollen als man braucht für'n Leben. Und ich glaube, da ein bisschen in die Richtung müssen wir wieder zurück."

Nicht nur die Banken und großen Unternehmen, wir alle würden unser Leben immer mehr nach Kosten-Nutzen-Rechnungen einrichten. Zum Beispiel indem wir frage, was kosten uns Freundschaften, Ehe, Kinder.

"Sie kennen ja auch den Ausdruck Gutmenschen. Das wird so abwertend gesagt, weil man dann unterstellt, ach, der hat auf dem Markt nicht reüssieren können und stattdessen predigt er jetzt Moral. Aber dass das ne ganz andere Sorte von Werten ist, die wir genauso brauchen, das ist doch der soziale Kitt eigentlich unserer Lebenswelt, das wird da vergessen."

Wir kennen von allem den Preis und von nichts den Wert, zitiert Annemarie Pieper.

"Und das drückt es genau aus, was da so auseinandergedriftet ist. Wir evaluieren zwar dauernd, in dem Wort evaluieren steckt ja value, steckt ja Wert drin, aber es ist immer ein ökonomisierter Wert."

Einer, der begriffen hat, worum es in Zukunft gehen muss, ist der Baumaschinenfabrikant Karl Schlecht. Der hat sein Unternehmen in eine Stiftung umgewandelt. Und die setzt sich dafür ein, dass Ökonomie, Ethik und Moral keine Widersprüche sind. Karl Schlecht:

"Ich habe mit Null begonnen und viel gelernt im Leben. Ich habe schließlich begriffen, dass gute Maschinen und gute Dienstleistungen nur von guten Menschen erbracht werden. Das war eine Lebenserfahrung. Und die Essenz ist eigentlich, das Wesentliche, was gute Firmen ausmacht, nämlich ethisches Verhalten. 

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