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StartseiteTag für TagAhmad Mansour fordert gemeinsamen Religionsunterricht für alle Kinder30.11.2018

Vorurteile abbauenAhmad Mansour fordert gemeinsamen Religionsunterricht für alle Kinder

Der Psychologe Ahmad Mansour wirft Teilen der Kirchen in Deutschland vor, "Mittäter zu sein bei der Etablierung eines politischen Islam". An einem bekenntnisorientierten Religionsunterricht festzuhalten, getrennt nach religiöser Zugehörigkeit, sei nicht zeitgemäß, sagte Mansour im Dlf.

Ahmad Mansour im Gespräch mit Andreas Main

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Der Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour. (imago / Jürgen Heinrich)
Ahmad Mansour sieht das Grundgesetz als Identitätsfaktor (imago / Jürgen Heinrich)
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Ahmad Mansour hat an der Deutschen Islamkonferenz teilgenommen. Er ist Mitbegründer der neuen "Initiative Säkularer Islam". Im Herbst hat er ein Buch vorgelegt mit dem Titel: "Klartext zur Integration: Gegen falsche Toleranz und Panikmache". Der Sohn arabischer Israelis lebt seit 2004 in Deutschland. Er hat sich intensiv mit Salafismus, Antisemitismus und den psychosozialen Problemen von muslimischen Migranten beschäftigt. Mansour plädiert für eine innere Reform des Islam. Es müsse eine innerislamische Debatte um Glaubensinhalte und Selbstverständnis eines zeitgemäßen Islams geben. In einem Gespräch, das Andreas Main mit ihm im August geführt hat, bezeichnet er die Debatten rund um Islam- und Religionskritik als scheinheilig.

Das Interview im Wortlaut:

Andreas Main: Ahmad Mansour, dass Kritik etwa an Kirchen in bestimmten Kreisen genüsslich zelebriert wird, dass aber dieselben Kreise sich genau hinter jene Personen stellen, sagen wir mal traditionelle Vertreter traditioneller Islamverbände, dass die sich hinter die stellen und den Religionskritiker im Regen stehen lassen, so meine Beobachtung, teilen Sie die?

Ahmad Mansour: Absolut. Also, ich bin einer von denen, der im Regen steht und kaum Unterstützung bekommt. Vor allem von diesen Kreisen. Und das verstehe ich nicht. Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich verstehe es nicht.

"Schwarz-Weiß-Debatten"

Main: Wie erklären Sie es sich?

Mansour: Ich glaube, dass wir eine Debatte haben, die mittlerweile so in moralisch und unmoralisch, in schwarz und weiß geführt wird, dass keiner auf der falschen Seite sein will. Aber ich kann nicht Religionskritik zelebrieren, wenn es um Judentum oder in diesem Fall um Christentum geht und bei dem Islam zumachen und sagen: Das darf man nicht machen, das wäre rassistisch, das wäre undemokratisch, das wäre unmoralisch.

Doch, das ist moralisch. Das ist genau das, was wir in dieser Gesellschaft brauchen. Wie gesagt, den Menschen als Menschen begegnen - auf Augenhöhe. Nicht als Kuscheltiere, nicht als Menschen, die man vor Kritik schützen muss, sondern Menschen, denen man gleichberechtigt begegnen muss.

"Kinder vor undemokratischen Inhalten schützen"

Main: Wo wir schon mal bei den Kirchen sind, ein konkreter Punkt, den ich in Ihrem Buch bemerkenswert fand, Sie legen sich mit den Kirchen durchaus an, fordern einen gemeinsamen Religionsunterricht aller Kinder, nicht mehr getrennt nach Konfession. Das war ein Punkt, an dem ich dachte: Na, das würde sehr viel verändern in diesem Land.

Mansour: Also, wenn ich das sehr pauschal, sehr überspitzt sage, dann halte ich Teile der Kirchen in Deutschland - das ist keine homogene Gruppe - für Mittäter, was die Etablierung von einem politischen Islam angeht. Ich will unsere Kinder vor allem in staatlichen Schulen schützen. Ich will sie vor undemokratischen Inhalten schützen. Und ich halte einen Religionsunterricht, der 2018 getrennt nach religiöser Zugehörigkeit geführt ist, für nicht zeitgemäß.

Ich halte es für hochproblematisch, dass wir Kindern schon mit acht oder neun sagen: Ja, was bist du? Du bist Christ, Protestant. Dann in Klasse A gehen. Die Moslems in Klasse B und die Juden in Klasse C. Das geht nicht. Die Kinder müssen zusammengeführt werden, vor allem in diesen Zeiten, wo viele Vorurteile entstanden sind, wo viel Unwissen da ist.

Ein Mädchen mit Kopftuch zwischen anderen Mädchen ohne Kopftuch beim Islamunterricht in einer Bonner Realschule (picture alliance / Ulrich Baumgarten)Konfessionell getrennten Religionsunterricht hält Ahmad Mansour für kontraproduktiv (picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Es tun die Muslime enorm Gutes, wenn sie von Judentum und Christentum was erfahren - und zwar nicht von den Hinterhofmoscheen in Neukölln, sondern in einer staatlichen Schule von einem Religionslehrer, der gut ausgebildet ist, der ein Demokrat ist, der Aufklärung verstanden hat. Es tut enorm Gutes, wenn Leute in Dresden oder im Osten Deutschlands vom Islam erfahren, und zwar wissenschaftlich, über die Geschichte, über die Entstehung und nicht irgendwelchen Buchstaben-Glauben betreiben, indem wir Koran auswendig lernen, ohne ein Wort davon zu verstehen. So entstehen unmündige Menschen, die dann ansprechbar für alle undemokratischen Inhalte sind, die im Extremfall auch sich radikalisieren.

"Es geht nicht um Deutsche gegen Ausländer"

Main: Herr Mansour, zwei Wörter ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihre 300 Seiten, und zwar "Grundgesetz" und "Verfassung". Ich zitiere mal: "Das ist es, was uns vereint und was uns trennt. Nicht die Hautfarbe, nicht die Herkunft, nicht die Religion, sondern die Haltung zum Grundgesetz." Welche Konsequenz hat das?

Mansour: Ich glaube, das kann ein neues "Wir" schaffen. Das kann eine neue Heimat schaffen. Es geht nicht um Deutsche gegen Ausländer. Es geht nicht um Muslime gegen Nicht-Muslime. Sondern es geht um Demokraten gegen Nicht-Demokraten. Es geht um Menschen, die hier angekommen sind, für sich und ihre Familie das Land als Chance verstehen und Menschen, die hierhergekommen sind und sich und ihre Familie vor dem Grundgesetz schützen wollen - aus Ängsten, aus Unwissen. Und wenn wir das verstanden haben, dann sieht unsere Integrationspolitik anders aus, dann sieht unsere Islamdebatte ganz anders aus und vor allem sieht die Begegnung mit den Menschen ganz anders aus und vor allem gleichberechtigter aus.

Main: Hannes Stein hat neulich in der Tageszeitung "Welt" die Front ähnlich, aber noch mal ein wenig anders formuliert. Er sprach davon, es geht um "autoritär" kontra "nicht-autoritär". Wenn man das jetzt auf unser Gespräch übertragen würde, dann könnte man sagen, einerseits autoritäre Rassisten, autoritäre Moslem-Extremisten, autoritäre Christen kontra freiheitsliebende Menschen jeder Konfession oder Nicht-Konfession. Auch eigentlich eine gute Idee.

"Chance" statt "Schwäche"

Mansour: Absolut. Absolut - obwohl, autoritär nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, denn das Grundgesetz geht aus von Individualität, von Würde des Menschen, von Würde des Einzelnen. Aber wir wissen, wenn wir viel über Integration zum Beispiel reden, dann – und das habe ich durch meine Arbeit auch erfahren –, dann haben viele Menschen, die zu uns kommen, Ängste. Und diese Ängste kanalisieren sich in vier großen Bereichen, vor allem im Thema Gleichberechtigung, patriarchalische Strukturen. Die meisten, die aus Syrien kommen, sind Menschen, die in autoritären Systemen groß geworden sind – in der Familie, aber auch im Land. Das syrische Regime hat die Menschen nicht dazu gefördert nachzudenken, zu hinterfragen und ihre Meinung zu sagen, sondern sie mussten folgen.

Der syrische Präsident Bashar al-Assad (dpa/ Sergey Mamontov/Sputnik)Unter Präsident Bashar al-Assad galt für die Syrer das Primat des Gehorsams (dpa/ Sergey Mamontov/Sputnik)

Und, wenn sie dann auf eine Gesellschaft treffen, die nicht autoritär ist, die ganz anders funktioniert, dann entstehen a) Ängste und b) – und das ist sehr, sehr wichtig – die Art und Weise, wie wir leben, wird als schwach wahrgenommen. Denn man kann hier mit der Polizei sprechen. Man kann mit dem Lehrer in einen Konflikt gehen, andere Meinung äußern. Die Menschen, die in autoritären Systemen groß geworden sind, die immer Angst haben vor Strafen, wenn sie was Falsches sagen, erleben diese Gesellschaft als superschwach.

Und die Aufgabe in unserer Integrationsarbeit muss a) sein, den Menschen die Ängste wegzunehmen. Und das kann nur passieren, wenn ein emotionaler Zugang zwischen Migranten und Einheimischen entsteht, wenn sie verstehen, wie wir leben, wieso wir so leben. Wieso gehen wir so mit unserer Sexualität um? Wieso ist Gleichberechtigung bei uns so großgeschrieben? Und b), indem wir ihnen klarmachen, dass das keine Schwäche ist, dass man hier in Deutschland mit der Polizei auch sprechen kann, dass es keine Schwäche ist, dass die Lehrer und Lehrerinnen die Kinder nicht schlagen, sondern es ist eine Chance, es ist eine andere Art und Weise zu leben. Und das müssen die Leute schätzen, denn sie haben ihre Länder verlassen, um hier in Sicherheit und vor allem gleichberechtigt zu leben.

"Religionsfreiheit muss immer eingeschränkt gelebt werden"

Main: Und auch in Religionsfreiheit. Dazu noch ein Zitat: "Das Grundgesetz steht für uns über der Bibel, dem Koran oder anderen heiligen Büchern." Jetzt werden Ihre Kritiker sagen, damit schränkt der Mansour die Religionsfreiheit ein. Was kontern Sie?

Mansour: Absolut nicht. Also, erst mal: Die Religionsfreiheit ist immer eingeschränkt. Ich kann nicht mein Kind schlagen und das als Ausübung von Religionsfreiheit bezeichnen. Wir haben gerade die Kopftuchdebatte bei Kindern, wo Kinder mit fünf oder sechs schon mit Kopftuch in die Schulen gehen. Das kann man nicht als Religionsfreiheit verkaufen, nicht auch als Freiheit der Eltern, ihre Kinder zu erziehen. Sondern es gibt immer wieder Punkte, wo Religionsfreiheit an ihre Grenzen stößt.

Und das ist da, wo das Wohl des Kindes zum Beispiel in Gefahr ist. Da muss der Staat auch handeln. Da müssen wir auch den Eltern klarmachen, dass wir nicht mitmachen, wenn die Kinder nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, wenn sie nicht an Biologie teilnehmen, weil da irgendwas vermittelt wird, was gegen das Religionsverständnis von diesen Menschen ist, sondern die Religionsfreiheit war immer eingeschränkt und muss immer auch eingeschränkt gelebt werden da, wo sie mit anderen Grundgesetzen in Konflikt kommt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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