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Startseite@mediasresRecherchen, die viele Fragen offen lassen16.01.2019

Vorwürfe gegen Journalist Shams Ul-HaqRecherchen, die viele Fragen offen lassen

Er gibt an, eine verurteilte Pakistanerin in der Todeszelle besucht zu haben und will über 10.000 Euro an Moscheen gespendet haben. Beschäftigt man sich mit den Veröffentlichungen des Journalisten und Islamismus-Experten Shams Ul-Haq, bleiben viele offene Fragen zurück. Ein neuer Betrugsfall im Journalismus?

Von Volker Siefert

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Die Al-Rahman Moschee in Leipzig, aufgenommen am 23.04.2008. (dpa / Peter Endig)
In der Al-Rahman Moschee in Leipzig werden nach Informationen von Shams Ul-Haq Imame ausgebildet (dpa / Peter Endig)
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"Mein Name ist Shams Ul-Haq. Ich bin gebürtiger Pakistaner lebe seit über 30 Jahren in Deutschland, bin Terrorismusexperte und natürlich, weil ich Pakistaner bin arbeite ich für den 'Spiegel', für den ZDF, für die 'Sonntagszeit'."

Shams Ul-Haq in einem Interview, das er "Vatican News" Ende 2018 gegeben hat. Das Nachrichtenportal des Papstes befragt ihn zur Situation in Pakistan nach dem Freispruch von Asia Bibi. Die Christin saß lange wegen Gotteslästerung in der Todeszelle, wurde 2018 frei gesprochen. Shams Ul-Haq sagt, er habe Zugang zu Asia Bibi.

"Wenn man Journalist ist, kommt man an solche Konekten [Anm. d. Red.: gemeint ist wohl das englische Wort für Verbindungen]. Und deswegen habe ich die Asia Bibi damals schon kontaktiert und auch besucht."

Asia Bibi in der Todeszelle besucht? Zweifel sind angebracht. Ihr Anwalt heißt Saif Ul-Malook. Er lebt zurzeit in Europa. Er erklärt per Mail auf Anfrage: kein Journalist kann in Pakistan Gefangene in der Todeszelle besuchen. Nur Anwälten und Familienangehörigen ist das erlaubt. Auch jetzt, wo sie an einem abgeschirmten Ort lebt, habe aus Sicherheitsgründen kein Außenstehender Zugang zu ihr.

Leipziger Moschee als Ausbildungsstätte salafistischer Imame?

Der Fall Asia Bibi, nicht der einzige Fall, wo Fragezeichen bei Aussagen des Islamismus-Experten und Journalisten Ul-Haq angebracht sind. In einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" erklärt er, die Al-Rahman Moschee in Leipzig betreibe eine Ausbildungsstätte für Imame. Im Interview bestätigt er diese Darstellung.

"Das heißt: dort werden einfach Imame ausgebildet in einer Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird."

Ja, die Moschee wird beobachtet, sagt das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen. Doch der erste Teil der Aussage?

Dazu Behörden-Sprecher Martin Döring: "Wir als sächsischer Verfassungsschutz können das nicht bestätigen, dass die Al-Rahman Moschee ein Zentrum der Ausbildung salafistischer Imame ist."

Unschlüssige Zeitbezüge in Ul-Haqs Buch

Zweifel sind auch angebracht bei Shams Ul-Haqs im Oktober erschienen Buch. Es heißt "Eure Gesetze interessieren uns nicht" und ist im Schweizer Orell Füssli-Verlag erschienen. Er will für das Buch "undercover" in über 100 Moscheen in Deutschland, Österreich und der Schweiz recherchiert haben, um mehr über die Radikalisierung zu erfahren.

Folgt man seinen Angaben, war er ab April 2018 in Essen für mehrere Monate immer wieder "undercover" in einer Moschee unterwegs. Zeitgleich will er ab April in Österreich, wenig später in der Schweiz, in Berlin und Hamburg für sechs Monate in die Islamisten-Szene eingetaucht sein. Das Problem bei diesen zeitlichen Angaben zu seinen Recherchen: Sie müssen begonnen haben, als das Manuskript - folgt man seinen eigenen Angaben im Interview - bereits fertig abgegeben war. Und die Recherchen müssen noch angedauert haben als das Buch schon veröffentlicht war. Wie erklärt er das?

"Das war genau die Taktik darein zu schrieben. Wissen Sie, wie gefährlich das ist. Sonst wären die auf mich gekommen. Und das war die Taktik, dass man genau so wie Sie durcheinander kommt: Wann war der überhaupt, wie war der überhaupt hier? Mit wem hat der geredet?"

In seinem Buch werden die Leser im Glauben gelassen, dass Angaben zu Orten und Zeiten den Tatsachen entsprechen.

Wie hat sich Ul-Haq finanziert?

Und auch andere Angaben von Ul-Haq werfen Fragen auf. Er will den 100 Moscheen, in denen er recherchiert hat, jeweils 100 bis 300 Euro gespendet haben, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Angenommen, die Hundert Moscheen wären von ihm nur mit 100 Euro Spenden bedacht worden, wären das 10.000 Euro Zusatzkosten. Ein Betrag, der für einen freien Autoren sehr hoch scheint, nur um ein Sachbuch zu schreiben. Dazu kämen Reisekosten und Spesen für mehrere Monate in drei Ländern.

Der Orell Füssli-Verlag will keine Details zu der finanziellen Vereinbarung mit Ul-Haq nennen. Er verweist auf den Autor. Der spricht davon, dass sich das ZDF an den Zusatzkosten beteiligt habe. Das ZDF bestätigt nur so viel: Ul-Haq hat für die Sendereihe Zoom als Co-Autor an einer halbstündigen Reportage -Titel "Hass aus der Moschee" mitgearbeitet. Aber mit dem Buch habe das ZDF nichts zu tun, erklärt ein Sprecher.

Beschäftigt man sich mit den Veröffentlichungen von Shams Ul-Haq, bleiben viele offene Fragen zurück. Diese müssen beantwortet werden, soll der Journalismus als Ganzes nicht Schaden nehmen.

@mediasres hat im Anschluss an diesen Beitrag mit Shams Ul-Haq gesprochen und ihn mit offenen Fragen konfrontiert. Das Interview können Sie hier nachlesen und -hören.

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