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StartseiteSport AktuellWenn die eigene Mannschaft nicht mitspielen darf24.06.2016

Voyage surpriseWenn die eigene Mannschaft nicht mitspielen darf

Heute ist Ruhetag bei der EM. Dabei hat man sich schon so daran gewöhnt, sich vom Fußball den Tagesrhythmus vorgeben zu lassen. Aber man hat Zeit für ein wenig Mitgefühl für die Mannschaften, die nicht nach Frankreich fahren durften. Und über Horrorszenarien nachzudenken.

Von Victoria Reith

Ein deutscher Fan weint beim Public Viewing. (imago sportfotodienst)
Stellen Sie sich vor, es ist EM und die Deutschen fahren nicht hin. (imago sportfotodienst)
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Schon der zweite Ruhetag in Folge in Frankreich! Dabei habe ich mich schon so daran gewöhnt, mir von den Spielen meinen Tagesrhythmus diktieren zu lassen. Wenn mich jemand in den vergangenen beiden Wochen gefragt hat, welcher Tag gerade ist, antwortete ich: "Vorrunde, zweiter Spieltag, Gruppe B." Das ist vielleicht ein kleines bisschen übertrieben, aber ich mag diesen Ausnahmezustand alle zwei Jahre, bei Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft.

Natürlich schwingt bei diesen Mega-Events immer eine gewisse Skepsis mit, was bei UEFA und FIFA hinter den Kulissen passiert, wer wie welche Tickets verdealt und welche Bilder absichtlich nicht gezeigt werden. Aber der sportliche Wettkampf und die halbwegs ausgelassene Stimmung in den Städten haben etwas sehr Unbeschwertes, das ich genieße.

WM-Dritter und Europameister von 2004 müssen zuschauen

Der spielfreie Tag heute bietet auch die Gelegenheit, einmal derer zu gedenken, für die ganze EM spielfrei ist - die Niederlande zum Beispiel. Der WM-Dritte von Brasilien wollte eigentlich auch diesen Sommer ein Fußballfest feiern, das Interesse ist jetzt aber eher mau.

Und Griechenland, der Sensations-Europameister von 2004, blickt wehmütig auf goldene Zeiten zurück. Der offizielle Twitteraccount des Fußballverbandes besteht vor allem aus Rückblicken auf das Turnier von vor zwölf Jahren und Geburtstagsgratulationen an aktuelle Nationalspieler.

Die Griechen schauen dennoch die EM an, erzählt mir eine halbgriechische Freundin, die gerade auf Korfu war. Dort herrscht zumindest bei einigen die Meinung, dass es besser ist, dass die eigene Mannschaft dieses Mal nicht dabei ist. Dann müsse man sich wenigstens nicht so sehr über sie aufregen - und vielleicht helfe die Zeit dem Verband, wieder eine ordentliche Mannschaft zu formen.

Aber was wäre eigentlich, wenn Deutschland nicht dabei wäre? Würde ich mit Interesse ein Turnier verfolgen, bei dem meine eigene Mannschaft nicht mitspielen würde? Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland sich nicht qualifiziert, ist eher gering, aber das dachten sich die Niederländer vermutlich bis in den Oktober hinein auch.

Manches Schland-Getue ist verzichtbar

Auf schwarz-rot-goldene Autospiegelüberzieher, Blumenkränze und Irokesenperücken könnte ich ebenso verzichten wie auf gruselige EM-Hits. Aber das Mitfiebern mit der eigenen Nationalmannschaft, das Leiden, wenn sie es mal wieder spannend macht, ja, selbst das Rummäkeln an der Chancenverwertung der Deutschen würde mir fehlen. Und wie soll man sich denn an Gegnern wie Cristiano Ronaldo aufreiben, wenn die eigene Mannschaft gar nicht dabei ist?

Vermutlich würde ich mir eine Ersatzmannschaft suchen, einen Underdog, den man gerne haben muss. Everybody’s darlingsson Island oder mein Lieblingsland Schweden wären für mich prädestiniert. Dann würde ich mich zu diesen Spielen verabreden, deren Hymne lauschen und versuchen, Gleichgesinnte zu finden, die diesen Mannschaften auch die Daumen drücken. Wenn sie dann früher oder später ausscheiden, tut es nicht allzu sehr weh, denn es ist ja nicht die eigene Mannschaft. Und zuzutrauen war ihnen ja ohnehin nicht viel.

Verpasstes Turnier? Lieber nicht darüber nachdenken

Aber Schönreden kann man sich so eine verpasste Turnierteilnahme nur bedingt. Es wären vier Wochen, in denen ein anerkennendes Kopfnicken und beifälliges Klatschen schon zu den größten Gefühlsausbrüchen zählen würden. Eine Zeit, in der man am Ende noch ernsthaft Spielzüge, Passspiel und Kombinationen analysieren würde und nach Abpfiff, weil Endorphine und Adrenalin fehlen, müde nach Hause ginge. Oder lieber gleich ins Kino. Ein Horrorszenario. Das kommt davon, wenn man am spielfreien Tag zu viel nachdenkt.

Dann lieber darauf freuen, dass das Turnier mit der K.o.-Phase nun bald richtig losgeht. Und die Zeit bis dahin kann man ja vielleicht doch anders nutzen. Mit einem guten Buch, mit Häkeln - oder Rock'n'Roll.

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