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StartseiteHintergrundWachsende Anspannung10.03.2006

Wachsende Anspannung

Das Verhältnis von Christen und Muslimen in Ägypten

Rund zehn Prozent der 73 Millionen Ägypter sind koptische Christen. Seit Jahren schon mehren sich aus ihren Reihen die Klagen. Die enormen Zugewinne der Islamisten bei der Parlamentswahl und deren Streben nach der Errichtung eines islamischen Staats auf der Grundlage der Scharia haben bei den Kopten ein Gefühl der Belagerung erzeugt.

Von Reinhard Baumgarten

Zur Weihnachtsmesse des koptischen Papsts Schenuda III am 6. Januar 2005 erschien auch der ägyptische Präsident Gamal Mubarak. (AP Archiv)
Zur Weihnachtsmesse des koptischen Papsts Schenuda III am 6. Januar 2005 erschien auch der ägyptische Präsident Gamal Mubarak. (AP Archiv)

Sonntagsgottesdienst in der Kirche der heiligen Damiana im Kairoer Stadtteil Boulaq. Vier Stunden dauert die koptische Messe. Vier Stunden Anbetung, Gesang, Zwiegespräch mit Gott und Geborgenheit in der Gemeinde.

Rund zehn Prozent der 73 Millionen Ägypter sind koptische Christen. Seit Jahren schon mehren sich aus ihren Reihen die Klagen.

Die Kopten, sagt der in den USA lebende koptische Autor Magdi Khalil, seien eine unterdrückte und belagerte Minderheit.

Dieses Gefühl der Belagerung hat sich in den vergangenen Monaten noch verstärkt. Mit der schlichten Losung "der Islam ist die Lösung" haben die Muslimbrüder bei der Wahl zur neuen Nationalversammlung Ende vergangenen Jahres die Zahl ihrer Mandatsträger auf 88 nahezu versechsfacht. Hätte die Staatsmacht nicht massiv eingegriffen und manipuliert, dann hätten die Islamisten wahrscheinlich noch deutlich mehr Sitze bekommen. Ägypten befinde sich gegenwärtig in einer sehr gefährlichen Phase, urteilt der koptische Soziologe Samir Murqus.

" Wir haben es mit Menschen zu tun, die leicht zu mobilisieren sind. Du musst nur sagen, dass jemand den Propheten Mohammed oder Jesus angreift. Ihre Gefühle sind einfach und schlicht. Deshalb kommen Zwischenfälle wie in Alexandria vor."

Drei muslimische Demonstranten kommen Ende Oktober in Alexandria bei antikoptischen Protesten um. Gut 5000 Menschen ziehen vor die Sankt Georgs Kirche, um gegen ein angeblich den Islam diskreditierendes Theaterstück Front zu machen. So gut wie niemand hat das Theaterstück gesehen. Gerüchte reichen aus, um die Volksseele zum Kochen zu bringen. In Oberägypten stecken im Januar muslimische Demonstranten Material zum Bau einer Kirche in Brand. Bei heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt ein Demonstrant ums Leben.

Mit unsrem Blut und unsrer Seele opfern wir uns für das Kreuz, rufen koptische Demonstranten. Kaum etwas fürchten ägyptische Politiker, Geistliche und einfache Bürger beider Konfessionen mehr als einen offenen Konflikt zwischen Muslimen und Kopten. Doch Samir Murqus sieht nicht in konfessionellen Gegensätzen den Hauptgrund für wachsende konfessionelle Spannungen.

" In den vergangenen Jahren hat die Tendenz zugenommen, die Gesellschaft religiös zu unterteilen: Muslime - Kopten. Doch unterscheidet Armut zwischen Muslimen und Kopten? Natürlich nicht. Die wirkliche Diskriminierung findet doch zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen statt. Zu beiden gehören Muslime wie auch Kopten."

" Es gibt eine Art Diskriminierung, aber ich sehe die in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Wir befinden uns an einem kritischen Punkt der ägyptischen Geschichte. Wir haben komplexe gesellschaftliche Probleme an allen Fronten, die die Schwachpunkte unserer Gesellschaft aufzeigen - etwa den Umgang mit Frauen und eben auch mit Kopten."

Aufgestauter Zorn und schwelende Wut - zumeist hervorgerufen durch die eigene wirtschaftliche Perspektivlosigkeit - trüben den Blick und brechen sich zuweilen Bahn.

" Wir werden hier herabgesetzt. Wir werden nicht wie Bürger zweiter Klasse behandelt, nein, viel, viel schlechter."

Die Liste der koptischen Beschwerden ist lang: In den 26 Provinzen Ägyptens gibt es keinen koptischen Gouverneur; keine der 12 großen Universitäten hat einen koptischen Präsidenten; lediglich sechs der 454 Parlamentsabgeordneten sind Kopten - wobei nur einer vom Volk gewählt wurde und die anderen fünf vom Präsidenten ernannt worden sind; in der Regierung ist nur noch ein koptischer Minister. Viele Kopten haben das Gefühl, dass ihre Angelegenheiten in der Politik nicht genügend berücksichtigt werden.

" Gibt es Diskriminierung? Ja, aber ich stelle die immer in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Mal angenommen, wir geben morgen Erlasse heraus, alle Probleme der Kopten zu lösen. Würde das tatsächlich zu einer grundsätzlichen Lösung führen? Natürlich nicht, weil die soziale Realität dazu nicht bereit ist. Das Problem sind nicht Gesetze, das Problem ist die gesellschaftliche Realität und die vorherrschende Kultur."

Der koptische Denker Milad Hanna war jahrelang Abgeordneter in der ägyptischen Nationalversammlung. Er warnt seine Glaubensbrüder vor Selbstmitleid und Wehklagen. Er fordert sie auf, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

" Sie sind die Minderheit, deshalb werden sie auch weniger Chancen haben. Manche kommen hierher und weinen darüber. Ich sage ihnen dann, ihr müsst euch um eine bessere Qualifikation bemühen. Ihr müsst schlauer sein, bevor ihr gleiche oder gar bessere Chancen haben werdet."

Naguib Sawiris ist so einer, der schlauer, besser und erfolgreicher ist. Der 51-jährige Kopte ist Chef des größten privaten Mobilfunkbetreibers im Nahen Osten. In seinen Unternehmen beschäftigt er mehr als 15.000 Menschen.

" Wenn du zu einer Minderheit gehörst, dann versuchst du immer besser zu sein, weil du nicht die gleichen Chancen hast. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu Muslimen. Ich habe eine muslimische Kultur. Ich habe mein ganzes Leben mit Muslimen gelebt. Ich hatte keine Probleme - im Gegenteil. Meine ganzen Freunde sind Muslime. Ich sehe hier keine Probleme. Wir glauben alle an einen Gott. Ich mag aber die Fanatiker nicht - auch die christlichen Fanatiker nicht. Ich mag Fanatiker grundsätzlich nicht."

Naguib Sawiris hat zwei Brüder, die ebenfalls sehr erfolgreiche Geschäftsleute sind. Die Unternehmen der koptischen Sawiris-Familie stehen in Ägypten in Umsatz und Größe auf den Plätzen eins bis vier der Privatwirtschaft. Beinah zwei Drittel des täglichen Umsatzes an den ägyptischen Börsen gehen auf den Handel mit Papieren der Orascom-Gruppe zurück, die mehrheitlich im Besitz der Sawiris-Familie ist. Natürlich ist wirtschaftlicher Erfolg möglich, wenn du zur koptischen Minderheit gehörst, sagt Telecomtycoon Naguib Sawiris.

" Wir hatten eine gute Familie, gute Eltern, gute Erziehung, gute Schule. Wir waren auf der deutschen Schule in Kairo. Das war und ist meiner Meinung nach noch immer die beste Schule in Ägypten. Alle haben im Ausland studiert, ich habe in Zürich studiert, mein Bruder an der TU Berlin, mein jüngster Bruder an der Chicago University. Und dann der Vater. Er war nicht ein typischer Vater. Er hat uns die Freiheit gelassen. Jeder kann machen, was er machen will. Er hat Ratschläge gegeben, aber er war nicht diktatorisch."

Mit dem Aufstieg der Islamisten zur stärksten Opposition im Parlament und mit der hitzigen Debatte über die Verunglimpfung des Propheten Mohammed hat die latente Furcht vieler Kopten indessen neue Nahrung bekommen. Die Muslimbrüder, so fürchten viele Kopten und Nichtkopten am Nil, werden versuchen, sich noch mehr als Gegenspieler der Regierungspartei NDP zu profilieren.

Sie werden versuchen, von der religiösen Welle zu profitieren, die bereits seit Jahren über Ägypten schwappt und auf immer mehr Belange des öffentlichen Lebens übergreift. Natürlich werden die erstarkenden Muslimbrüder auch versuchen, von der wachsenden Unzufriedenheit der zunehmend unter Armut und Vernachlässigung leidenden muslimischen Bevölkerungsmehrheit zu profitieren. Denn hier sind sie stark, in den Armenvierteln, in den so genannten informellen Gebieten, wo es an städtischer Infrastruktur, an Schulen, Ärzten und Jobs mangelt. Die Islamisten haben ein klares Ziel: Sie wollen mit dem Marsch durch die Institutionen an die Macht, sie wollen ihre gewonnene parlamentarische Stärke dazu nutzen, sich auf kommende Urnengänge vorzubreiten. Ihr Ziel ist ein Staat auf der Grundlage der Scharia, des Islamischen Rechts.

" Nicht nur die Kopten seien dagegen, dass Ägypten ein islamischer Staat werde, sondern auch große Teile der ägyptischen Gesellschaft, glaubt der koptische Schriftsteller und Exparlamentarier Milad Hanna. Im Iran sei das eingetreten, und es habe ein liberales Land komplett umgewandelt. Wenn das in Ägypten geschehen sollte, dann wäre es eine Katastrophe."

" Mein Gott! Wenn das passiert, dann werden wir nur noch Bürger zweiter Klasse sein. Kopten werden dann nicht mehr in der Regierung vertreten, und sie werden nicht mehr mit den Muslimen gleichgestellt sein."

" Ich möchte, dass wir in einer säkularen Gesellschaft leben. In unsren Ausweisen sollte unser Name, aber nicht unsre Religion stehen. Unsre Namen sollten auch nicht unsre Religion zu erkennen geben, Punkt! "

Doch in dieser Frage nehmen Muslimbrüder und auch gemäßigte Islamisten wie Aboul Ela al-Madi eine grundsätzlich andere Haltung ein.

" In Ausweisen sollte die Religionszugehörigkeit klargemacht werden, denn damit sind Fragen des Erbes, des Personenstandes und auch Regeln beim Begräbnis verbunden. Diese religiöse Einordnung regelt die persönlichen Belange von Muslimen und Kopten. Aber in Reisepässen sollte das nicht notwendigerweise drin stehen - und das tut's ja auch gar nicht."

Zu Zeiten Gamal Abdel-Nassers und Anwar el-Sadats waren die Kopten in Ägypten tatsächlich zahlreichen staatlichen Repressionen ausgesetzt. Nasser argwöhnt in den 50er Jahren, die Kopten würden mehr als die Muslime mit dem gestürzten Königshaus liebäugeln, und er unterstellt ihnen zudem eine heimliche Sympathie zur einstigen Kolonialmacht Großbritannien. Sadat hingegen muss in den 70er Jahren seinen politischen Richtungswechsel - also seine Abkehr vom Osten und seine Hinwendung zum Westen - gegen den erklärten Widerstand der Nasseristen durchsetzen. Er fördert islamistische Studentengruppen, um den Einfluss von Sozialisten und Kommunisten zurückzudrängen. In den Reihen der Kopten vermutet der sich bewusst auf islamisches Erbe und islamische Traditionen berufende Präsident seine schärfsten Widersacher und Kritiker. In den 70er Jahre eskaliert der Konflikt. Sadat verbannt Papst Schenuda III. - das Oberhaupt der koptischen Kirche - in ein Kloster in der westlichen Wüste und stellt ihn unter Hausarrest. Seit dieser Zeit müssen Neubau und Ausbau von Kirchen vom Staatspräsidenten höchstpersönlich abgesegnet werden.

Das Verhältnis zwischen dem Staat und der koptischen Kirche bessert sich mit dem Amtsantritt Husni Mubaraks vor 24 Jahren. Mubarak setzt auf den Ausgleich zwischen beiden Konfessionen.

" Es gebe keinen Zweifel daran, dass Präsident Mubaraks Regime Slogans wie Gleichheit, (gleiche) Staatsbürgerschaft und gleiche Behandlung im politischen System verwende, sagt der koptische Soziologe Samir Murqus. Aber leide gebe es einen bedeutenden Unterschied zwischen Wort und Tat."

" Ägypten ist seit den Zeiten der Pharaonen eine religiöse Nation. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Religiosität einerseits und dem Umstand, dass Religion ins Zentrum das öffentlichen Lebens rückt und alle Aspekte des Lebens beeinflusst. Es muss eine Balance geben, um in einem zivilen Staat leben zu können, der Religion nicht ausschließt."

" Muslime haben immer die Kopten geliebt und die Kopten die Muslime. Das wird immer so sein. Wir sind keine Armenier, wir sind Ägypter, und die Muslime sind Ägypter. Unsre Wurzeln sind pharaonisch."

Niemand spricht in Ägypten offiziell von einer koptischen Minderheit. Der Begriff steht auf dem politischen Index. Kulturell, so der koptische Schriftsteller Milad Hanna, gebe es zwischen Muslimen und Kopten kaum Trennendes.

" Wir unterscheiden uns in einigen fundamentalen Prinzipien, sagt der koptische Papst Shenuda III., aber wir alle glauben an Gottes Existenz, wir glauben an seine Allmächtigkeit, seine Allgegenwart, daran, dass er über uns herrscht, unsere Worte vermerkt und jeden gemäß seiner Taten richten wird."

Im Alltag indessen, im täglichen Leben, da gibt es sie aber, die zahlreichen großen und kleinen Unterschiede, über die hinwegsieht, wer mit seiner gesellschaftlichen Stellung und seiner wirtschaftlichen Situation zufrieden sein kann. Wenn sich aber zu der weitgehenden politischen Unmündigkeit, unter der die Muslime ebenso leiden wie die Kopten, religiös begründete Unterschiede gesellen, dann stellt sich Verdruss ein.

" Seit vielen, vielen Jahren werden wir vergessen. Wir leiden in unseren Jobs, wir leiden zu Hause, in den Straßen, wo immer wir sind. Das ist unser Land mehr als es das Land der Muslime ist. Denn es war christlich, dann sind 641 die Muslime gekommen und wir haben alles verloren - aber es ist unser Land."

" Heißt das denn, dass Ägypten die Muslime loswerden soll? Bei allem Respekt vor dem Ärger der Leute: Was ich sage, ist wissenschaftlich fundiert - natürlich kommen die Kopten nicht von außen, sie sind nicht eine Minderheit, die hier vorbeigezogen und schließlich hier hängen geblieben ist. Sie sind Ägypter. Aber ich füge hinzu: die Muslime kommen auch nicht von außen. Die Religion ja, sie kommt von außen, aber die Menschen haben die gleichen ethnischen Wurzeln. 88 Prozent aller Muslime haben die gleichen ethnischen Wurzeln wie die Kopten. Sie waren also Kopten und sind dann zum Islam übergetreten."

Der Koran ist nach islamischem Verständnis das unverfälschte Wort Gottes. 14 mal werden in diesem 114 Kapitel umfassenden Buch Christen erwähnt, 26 mal ist von Jesus die Rede. Den Muslimen wird in ihrem heiligen Buch recht genau beschrieben, welchen Umgang sie mit Christen zu pflegen haben. Es ist ein Umgang, der geprägt sein soll durch Toleranz und gegenseitigem Respekt. Im Islam hat es keine jahrhundertelange organisierte Inquisition gegeben. Massenhafte Zwangsbekehrungen sind in der 1422 Mondjahre langen Geschichte der Weltreligion Islam selten. In vielen orientalischen Ländern mit einstmals christlicher Bevölkerung gibt auch heute noch bedeutende christliche Minderheiten - etwa in Syrien, im Libanon und in Ägypten.

Ägypten zu Beginn des Jahres 2006. Die enormen Zugewinne der Islamisten bei der Parlamentswahl, deren Streben nach der Errichtung eines islamischen Staats auf der Grundlage der Scharia, zeigen trotz aller Beschwichtigungsversuche bei vielen Kopten Wirkung, sagt Milad Hanna.

" Der Aufstieg der Muslimbruderschaft zur zweitstärksten politischen Kraft nach der NDP ruft viele Assoziationen hervor. Es bekümmert sowohl die Liberalen als auch die Intellektuellen und Säkularen. Und natürlich die meisten Kopten, die sich nicht als Bürger zweiter Klasse fühlen wollen."

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