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StartseiteKommentare und Themen der WocheProbleme sind weitgehend hausgemacht13.08.2018

Währungskrise in der TürkeiProbleme sind weitgehend hausgemacht

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht eine ausländische Verschwörung hinter dem Kursverfall der Lira. Dabei habe er das Vertrauen der Investoren in sein Land weitgehend selbst zerstört, kommentiert Mischa Ehrhardt.

Von Mischa Ehrhardt

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Der Bild zeigt den türkischen Präsidenten Erdogan. Er hält in seiner Residenz eine Rede an die Nation. (AP /Dpa-Bildfunk/ Lefteris Pitarakis)
Recep Tayyip Erdogan habe sich den Kursverfall der Lira hauptsächlich selbst zuzuschreiben, meint Mischa Ehrhardt. (AP /Dpa-Bildfunk/ Lefteris Pitarakis)
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Während Beobachter außerhalb der Türkei dem freien Fall der türkischen Währung mit offenem Mund zusehen, versucht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zu beruhigen: Die Wirtschaft seines Landes sei weiter stabil und stark. Den dramatischen Verfall der türkischen Lira ziert er mit Kriegs- und Opfer-Rhetorik: "Verschwörung", "Belagerung", "Angriff", "Wirtschaftskrieg".

In einem Punkt hat er vielleicht sogar Recht: Die Antwort des US-Präsidenten auf die Inhaftierung des US-Pastors Andrew Brunson stammt aus dem Arsenal Trump'scher Handelspolitik, die das Zeug hat, in Wirtschaftskriege zu münden. Vor allem aber zeigen sie Wirkung, man kann das am Sturz der Lira studieren. Doch das ist in Wahrheit nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Vertrauen in die Lira schwindet schon seit Langem

Denn die Türkei, nein: Es ist Erdogan selbst, der sein Land in eine missliche Lage gesteuert hat. Das Vertrauen von Investoren in die türkische Lira ist nicht erst in der vergangenen Woche zerbröselt, es erodiert schon seit Wochen, eigentlich seit Monaten. Und das kann man nur zu einem kleinen Teil mit äußeren Faktoren erklären – wie es Erdogan in seiner Opferrolle gerne hätte. Sondern die Erosion des Vertrauens in die türkische Lira geht einher damit, dass Erdogan ein zunehmend autoritäres Regierungssystem aufgebaut hat und weiter ausbaut. Ihm zählen Menschenrechte und Pressefreiheit wenig, unliebsame Kritiker landen kurzerhand hinter Gittern.

Der Vertrauensverlust hat sich aber auch beschleunigt, seit Erdogan sich daran gemacht hat, eine zentrale wirtschaftliche Institution ihrer politischen Unabhängigkeit zu berauben. Mehrmals hat er seine Zentralbank gemahnt und gewarnt davor, die Zinsen zu erhöhen.

Erdogan hat sich selbst in die Zwickmühle gebracht

Und er hat quasi als erste Amtshandlung als Präsident und Regierungschef nach seiner Wiederwahl verfügt, dass er den Chef der Zentralbank selbst ernennen darf. Er hat das aus einem einfachen Grund getan: Erdogan hat kein Interesse an steigenden Zinsen – trotz galoppierender Inflation im Land. Nun steckt sein Land in der Zwickmühle: Eigentlich müsste die Zentralbank die Zinsen drastisch anheben, wenn die horrende Inflation und der Verfall der Lira aufhören sollen. Doch das will er nicht, weil er Angst davor hat, dass dann die Wirtschaft einen Dämpfer bekommt.

In diese Situation hat Erdogan sich ohne äußeren Druck selbst manövriert. Es wird schwierig für ihn, dort wieder heraus zu finden. Wer leidet, ist die breite Bevölkerung. Denn die ansteigenden Preise treffen vor allem ärmere Menschen in der Türkei hart. Es ist offenbar der Preis, den sie für ihren Präsidenten zahlen müssen.

Mischa Ehrhardt (©privat)Mischa Ehrhardt (©privat)Mischa Ehrhardt, geboren 1974 in Bayern, studierte Philosophie und Soziologie in Tübingen und Frankfurt. Nach seinem Studium absolvierte er ein Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Es folgten Moderationen und Planung von Wissenschafts- und Mediensendungen beim Hessischen Rundfunk, dort war er lange Jahre dann als Wirtschaftsjournalist tätig. Nach sechs Jahren im ARD-Börsenstudio für das Radio arbeitet er schließlich als Wirtschaftskorrespondent für den Deutschlandfunk in Frankfurt.

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